Mit dem Format „TV REAL – Öffentliches Ersatzfernsehen“ lockt das Theater Vorpommern die Zuschauer von der Flimmerkiste vor einen Fernseher der etwas anderen Art.

Vier orangefarbene Megaphone stehen vor dem großen, durchsichtigen Kasten. An dessen schwarzer Rückwand prangt, nicht zu übersehen, ein weißes Schild mit der Aufschrift „TV REAL – Öffentliches Ersatzfernsehen“. Ein wenig spiegelt die Box, sodass der Zuschauer sich selbst in der Scheibe wiedererkennen kann. Die im Kasten Sitzenden wirken hingegen ein wenig unwirklich und durchscheinend. Der Ersatzfernsehapparat wurde für das aktuelle Gespräch im Universitätsklinikum aufgebaut; schließlich ist der Gast Unfallchirurg und Pilot Doktor Peter Hinz, der selber an der Universität Greifswald Medizin studierte, nachdem er die Grundausbildung im Fliegerlazarett in Dresden absolviert hatte.

Das Format wurde von dem Künstler – und auch Moderator der Sendung – Peter Kees entwickelt: Menschen verschiedener Gegenden, sozialer Schichten und Berufe werden von ihm interviewt, um die einzelnen Lebenswege zu skizzieren. Einmal im Monat werden Personen, die stadtbekannt sind und spannendes zu erzählen haben, zu den unterschiedlichsten Themen befragt – immer sitzt jemand neues dem Moderator gegenüber. Kees sagt selbst, er versuche alles zu vergessen, was er je über den Gast gelesen habe, um diese Informationen dann aus ihm heraus zu kitzeln. Mit sehr persönlichen Fragen löchert er an diesem Abend den Unfallchirurgen Hinz. So erfährt man, dass Hinz sich selbst als Workaholic bezeichnet und mit diesem Leben sehr zufrieden ist. Er könne gar nicht lange still sitzen und über Dinge nachdenken. Kees lässt ihn seine Gedanken oft nicht zu Ende erzählen. Was in manchen Situationen eine geschickte Möglichkeit ist, intimere Details aus Hinz herauszulocken, lässt andererseits interessante Einzelheiten viel zu kurz kommen.
Mithilfe eines Zettels an der Mattscheibe, auf der die Telefonnummer des Moderators steht, bekommt der Zuschauer die Möglichkeit, eigene Fragen per SMS in das Gespräch mit einzuwerfen. Ob Hinz das große Projekt zu seinem 50. Geburtstag im kommenden Jahr schon fertig geplant habe, liest Kees von seinem Telefon vor. Angespielt wird hier auf ein Interview, das Hinz vor einem Jahr gab und in dem er meinte, dass er nicht gerne Geburtstag feiere und deswegen lieber die Leute durch ein Projekt dazu bewegen will, für den Kindersport zu spenden. Nein, antwortet Doktor Hinz auf die Frage, er habe es erst einmal auf Eis gelegt, es laufe nicht so, wie er es sich erhofft habe. Während rund herum der normale abendliche Klinikbetrieb von statten geht und Patienten in ihren Betten durch den Flur geschoben werden, kann man die Augen kaum von der Glotze der etwas anderen Art abwenden. Das Gespräch läuft flüssig, der Moderator versteht es, vorher etwas untergegangene Fragen noch einmal hervorzukramen und sie Hinz erneut zu servieren.

Schon nach zehn Minuten ist Kees der Ansicht: „Eigentlich können wir Schluss machen, bei Ihnen läuft ja alles super.“ In der Tat hat er es schwer, Hinz groß in die Bredouille zu bringen. Auch wenn die Fragen Schlag auf Schlag kommen, lässt sich der Arzt kaum aus dem Konzept bringen und weist den Moderator auch mal in seine Schranken. Er deutet immer wieder an, dass er – in jungen Jahren als Student – einer der Sorte Jungen war, die sich für viel zu wichtig nahmen und die damit ganz schön auf die Nase fielen. Diese schmerzliche Erfahrung habe ihn zu dem werden lassen, der er heute ist. Die Zuschauer lernen ihn als Mann kennen, der weiß, was er will und auch, wie er das erreichen kann. Für eine Stunde schafft es Kees mit seinem Format, den Zuschauer ein wenig in die Persönlichkeit des Unfallchirurgen blicken zu lassen – und bringt somit den Greifswaldern die Greifswalder näher.

von Katrin Haubold

Foto: Simon Voigt