Zwei Studierende schildern ihre Meinung zur geschlechtsneutralen Anrede.

 

Stolpersteine für die Leser_innen

Erstens: Sprache ist allgegenwärtig. In ihr manifestieren sich unsere Gedanken und werden durch sie transportiert. Wir kommunizieren durch sie. Wir drücken unsere Persönlichkeit und unsere Beziehung zu anderen durch sie aus. Wir schreiben mit ihrer Hilfe Eigenschaften zu; stellen Gleichheiten und Differenzen zwischen Menschen her. Außerdem beinhaltet Sprache  immer bestehende Normvorstellungen. Sprechen wir in unserem westlich-modernen Deutschland von einer Person (z.B. einem Mitarbeiter), haben wir ein klares Abbild dieser Person im Kopf: Männlich, ohne körperliche Beeinträchtigung, heterosexuell, weiß. Diese Merkmale gelten als „normal“, tauchen als selbstverständlich und nicht hinterfragt in unserer Sprache auf. Demgegenüber werden Abweichungen als „anders“ bezeichnet und hervorgehoben. Wir betonen, dass der Drogendealer schwarz war, unterschlagen seine Hautfarbe aber, wenn er weiß gewesen ist. Solche sprachlichen Ein- oder Ausblendungen reproduzieren nur weiter die bestehenden Normen. Sie hierarchisieren, bewerten und markieren vermeintlich objektive Merkmale.

Zweitens: Sprache ist nicht starr. Um bestehende Hierarchien aufzubrechen, müssen wir Sprache umdeuten und verfremden. Und dabei geht es nicht um vermeintliche Political Correctness: Wünschen wir uns eine offene und hierarchiefreie Gesellschaft, müssen wir aufhören, strukturelle Diskriminierung durch unseren Sprachgebrauch erst zu gelebter Differenz zu machen.

Der Gender Gap, als ein Mittel der sprachlichen Darstellung, vertritt alle Geschlechterentwürfe, die sich nicht dem Femininum oder Maskulinum zuordnen lassen. Natürlich ist das nicht perfekt, gelegentlich sogar etwas holprig. Aber solange keine neutrale deutsche Sprache existiert, ist es ein Kompromiss, der ein Maximum an gleichberechtigter gesellschaftlicher Teilhabe erzeugt.
Wer jetzt argumentiert, dass der Unterstrich den Lesefluss unterbricht oder einfach nicht „vernünftig“ aussieht, hat nicht verstanden, worum es bei der Sache geht. Sprache soll stören, Sprache muss stören, um einseitige Assoziationsmuster zu durchbrechen und der Geschlechtervielfalt Eingang in die Köpfe der Leser_innen zu ermöglichen.

von Jan-Ole Schulz

Furunkel an der Nase

Gendern ist der Furunkel an der Nase der Wissenschaft: immer im Blickfeld und absolut störend.

Würde man mir die Frage stellen, ob ich ein Problem damit habe „Student“ genannt zu werden, bekäme der Fragende folgende Antwort von mir: „Nein, das habe ich nicht.“ Ich bin eine Frau und das kann auch jeder sehen. Überraschenderweise definiere ich mich nicht über eine grammatikalische Endung. Natürlich möchte ich von der Gattung Mann respektiert werden, aber das sollte im Alltag geschehen und nicht indem die Endung „-innen“ an ein Wort gehängt wird. Sorry, aber das ist in meinen Augen überflüssiger Scheiß.

Wenn mehrere Leute angesprochen werden, bei denen nicht von vorneherein klar ist, welchen Geschlechts sie sind, ist es doch übertrieben, wenn überall Studentinnen oder Redakteurinnen steht. Student liest sich einfacher und schneller. Und sind wir doch mal ehrlich: RedakteurIn Marco Wagner, wer kann dabei noch ernst bleiben? Mich stört es nicht, wenn ich als „Student“ oder „Geschäftsführer“ bezeichnet werde, weil ich mich dadurch nicht benachteiligt fühle. Benachteiligt würde ich mich erst dann fühlen, wenn ich als Geschäftsführer nicht ernst genommen würde, weil ich eine Frau bin. Es gibt nun wirklich wichtigere Dinge als das.
Wenn ich darüber nachdenke, dass es in manchen Unternehmen die Regel ist, dass Frauen und Männer trotz gleicher Arbeit unterschiedlich bezahlt werden, finde ich das diskriminierend. Oder wenn Mann und Frau zum Vorstellungsgespräch geladen werden und Männer bevorzugt werden, weil bei der Frau ja immer die „Gefahr“ einer Schwangerschaft besteht. Darüber sollte man sich aufregen. Emanzipation wäre, wenn sich dafür eingesetzt werden würde. Man ist doch nicht emanzipiert oder besonders feministisch, nur weil man gendert! Aber zu gendern ist natürlich viel einfacher, als wirklich etwas zu bewegen. Da beschäftigt sich die Gesellschaft mit ein paar grammatikalischen Veränderungen und denkt, sie sei emanzipiert. Außerdem leuchtet es mir überhaupt nicht ein, warum das grammatikalisches Geschlecht mit dem biologischen gleichgestellt sein soll. Diese Gleichsetzung erscheint mir absolut nicht logisch und überflüssig. Ich bin emanzipiert genug. Eine grammatikalische Endung brauche ich dafür nicht.

von Sophie-Johanna Stoof