Mit der Tragödie „Gyges und sein Ring“ von Friedrich Hebbel entführt das Theater Vorpommern sein Publikum in eine sagenumwobene Welt. Die Handlung konfrontiert die Besucher mit der Frage, wann Tradition in Fanatismus umschlägt.

Der lydische König Kandaules ist ein Aufklärer und moderner Mensch. Es fällt ihm schwer, alte und unglaubwürdige Konventionen aufrecht zu erhalten, aber zugleich wählt er die bildhübsche Rhodope als Gemahlin aus. Sie entstammt einem Kulturkreis, in dem es einer Frau verboten ist, ihr Antlitz mehr als zwei Männern – und zwar dem Vater und dem eigenen Ehemann – zu zeigen. Rhodope nimmt weder an höfischen Festivitäten teil, noch zeigt sie sich unverschleiert. Schade, denn sie ist schön wie Aphrodite!

König Kandaules leidet darunter, sein eheliches Glück nicht mit der Öffentlichkeit teilen zu können. Er bittet daher seinen griechischen Freund Gyges, der anlässlich der Festspiele in der Stadt ist und einen magischen Ring bei sich trägt, der seinen Träger unsichtbar werden lässt, die Schönheit seiner Gemahlin unverhüllt im Schlafgemach zu begutachten: „Ich brauche einen Zeugen, dass ich nicht / Ein eitler Tor bin, der sich selbst belügt, / Wenn er sich rühmt, das schönste Weib zu küssen, / Und dazu wähl ich dich.“ Gyges kommt der Bitte des Königs nach und verliebt sich auf Anhieb in die sonst verschleierte  Königin, als er sie im Bett erblickt. Aus dem schlechten Gewissen heraus, Rhodopes Sittlichkeit zu beflecken, dreht Gyges den Ring herum und wird für eine kurze Zeit sichtbar, sodass die Königin ihren Beobachter für einen Wimpernschlag in der tiefschwarzen Nacht erspäht.

Am nächsten Morgen stellt Rhodope ihren Gatten zur Rede und fordert, ihre Entehrung mit Blut zu sühnen. König Kandaules glaubt jedoch nicht an derartige schicksalhafte Pflichten und lehnt ab.
Schließlich will sich Gyges für den König selbst entleiben, aber auch diese aufopfernde Geste wird von Kandaules zurückgewiesen. Von nun an nimmt Rhodope das Heft selbst in die Hand. Sie erklärt dem Griechen Gyges, dass er sterben muss, da nur Blut die Schande abwaschen kann. Als sie jedoch erfährt, dass ihr Mann die Tat anstiftete, fordert sie Gyges auf, ihren Gemahl zu töten und verspricht, Gyges anschließend zu ehelichen, womit die Ordnung wieder hergestellt wäre.

Der 1813 geborene Friedrich Hebbel schrieb das Drama „Gyges und sein Ring“ im Jahr 1854. Als Ursprung für das Stück gilt die Überlieferung von Herodot, in der König Kandaules seinen Leibwächter Gyges zwang, seiner Frau beim Umkleiden zuzuschauen. Zwar fehlt im Urstück die gesellschaftskritische Komponente der traditionellen Verschleierung, doch auch in Herodots Erzählung läuft es aufgrund einer entblößten Königin auf blutige Vergeltung hinaus. Interessant ist Hebbels Einführung eines Zauberrings, den der Grieche Gyges in einer alten Gruft gefunden hat. Wie wichtig dieser Ring für die Tragödie ist, zeigt sich besonders in der Inszenierung: Die Schauspielerin Lisa Schult, gehüllt in schwarze und goldene Farben, mimt den mysteriösen Ring mit eleganten und verspielten Bewegungen.

Ein Halbrund aus weißen Bandagen verschließt auf der Bühne den Lebensraum Rhodopes hermetisch gegen jeden Blick und fungiert je nach Situation als Mauer, Harfensaiten, Ketten des Sklaven oder als Türen. Simone Steinhorst hat Kostüm- und Bühnenbild studiert und beweist bei der Inszenierung ein gutes Händchen. Nicht immer ist weniger mehr und so kann man sich an ausgearbeiteten Kostümen erfreuen. Besonders positiv bleiben die scheinbar unbedeutenden Details im Gedächtnis, wie das Klirren der Schwerter oder Gyges Handschlag, der Staub aufwirbelt, dessen Partikel im Scheinwerferlicht langsam ihren Weg in Richtung Boden finden, während er die Medaille für den Sieg an den Festspielen entgegen nahm – Gänsehaut!

von Marvin  Medau

Foto: Gunnar Lüsch