Bei vielen Reisenden ist couchsurfen bekannt. Vor allem bei jungen Leuten mit wenig Geld ist der Trend, bei Fremden die Nacht kostenlos zu verbringen, beliebt. Mit dem Anstieg des Bekanntheitsgrads veränderte sich die Unternehmensphilosophie von couchsurfing.org. Viele Nutzer kehren der Website nun den Rücken. Doch wie kam es dazu und wie sehen die Alternativen zum Marktführer aus?

Es ist zwei Uhr Nachts und wir stapfen durch die schneebedeckten Straßen Montreals. In mir steigt die Ungewissheit auf, ob wir an der angegebenen Adresse nicht doch vor verschlossener Tür stehen werden. An dem Haus angekommen, sehen wir, dass die Fenster noch erleuchtet sind. Die Tür ist offen. Als wir uns vorsichtig bis zum Wohnzimmer vorgetastet hatten, sehen wir Christophe, unseren Gastgeber. Mit einer Flasche Whiskey und einem guten Freund hält er sich wach, um uns wie versprochen zu begrüßen. Wir haben Christophe über couchsurfing.org kennen gelernt und sind ihm nun zum ersten Mal begegnet. Das Misstrauen verfliegt schnell und nach kurzer Zeit unterhalten wir uns, als ob wir uns schon seit langer Zeit kennen würden.

Das Prinzip der Gastfreundschaft

Das circa sieben Millionen zählende, weltweit agierende soziale Netzwerk couchsurfing.org feiert inzwischen sein zehnjähriges Bestehen. Couchsurfing baut auf dem „Geben und Nehmen“-Prinzip auf, sprich: dem Austausch von Gastfreundschaft. Nach der kostenlosen Anmeldung kann man weltweit nach Gastgebern suchen, die bereit sind, jemanden aufzunehmen. Oder selbst den Gastgeber spielen und Reisende in die eigenen vier Wände aufnehmen, ihnen die Gegend zeigen oder einfach nur gemeinsam einen Kaffee trinken.

Die Idee hinter Couchsurfing ist so einfach wie einzigartig: Durch die Vernetzung von Menschen aus allen Kulturen kann Kommunikation auf einer ganz neuen Ebene stattfinden. Es braucht keinen Staat, der Städtepartnerschaften organisiert, keine Gemeinde, die Integrationsbeauftragte bezahlt: Couchsurfing bringt seine Nutzer zusammen und zwar kompromisslos und direkt, gleich dem Eingangsbeispiel Montreal.
Um gute Erfahrungen im gegenseitigen Umgang zu ermöglichen, kann jeder Bewertungen über die Leute schreiben, die man persönlich kennen gelernt hat. Auch die Nutzer von couchsurfing.org scheinen größtenteils sehr freundlich, zuvorkommend und respektvoll zu sein: Auf eine schlechte Bewertung kämen 2 500 gute, so eine Studie der Universität Michigan. Das Problem: Bei einer schlechten Erfahrung schreiben viele Nutzer aus Angst vor einer schlechten Bewertung ihrerseits noch lange keine negative Bewertung, so die Studie.

Doch es brodelt in der Gemeinschaft, Veränderungen könnten das Portal auf längere Sicht bedrohen. Ende 2010 wurde das Online-Portal von einer gemeinnützigen in eine kommerzielle Organisation umgewandelt, so dass man Investoren ermöglicht, sich an der Internetseite zu beteiligen und diese zu finanzieren. Die Mitglieder sind skeptisch, ob die Geldgeber wirklich nur den kulturellen Austausch im Auge haben und nicht vielleicht doch einen finanziellen Vorteil erwarten. Zudem veränderte couchsurfing.org 2012 seine Allgemeinen Geschäftsbedinungen insofern, als dass jedwede Daten, die der Nutzer hochlädt, von couchsurfing.org in vollem Umfang genutzt werden können. Das beinhaltet die Erlaubnis, Userdaten zu verkaufen. Auch beunruhigt es die Mitglieder, dass man so, ähnlich wie bei Facebook, auf die Metadatenanalyse zurückgreifen könne. Sogar der deutsche Bundesbeauftragte für Datenschutz, Peter Schaar, sah sich genötigt, eine Warnung herauszugeben. Mit deutschem und europäischem Recht sind die neuen Nutzer- und Datenschutzbedingungen überhaupt nicht vereinbar. Laut ihm sei die „Profilbildung mittels Nutzerdaten“ ein weit verbreiteter Trend im Internet, der eher zunehmen werde. Das Problem ist in diesem Fall, dass couchsurfing.org seinen Sitz in den USA hat, und demzufolge auch nur amerikanische Gesetze und Vorgaben einhalten muss.

In einem Interview mit der eigenen Marketingabteilung rechtfertigte sich der damalige Chief Executive Officer (CEO), Tony Espinoza, dass sie vor allem Probleme mit den massiven Mitgliederzahlen hätten, die die teilweise schlecht programmierte Seite überfordern würden. Um diese neu zu schreiben, werde viel Geld benötigt.

couchsurfing nicht das einzige große Netzwerk

Doch wie würden die Investoren ihr Geld zurückbekommen? Und mit welchen Argumenten gelang es couchsurfing.org, ihre Finanzierer zu gewinnen? Das Unternehmen hält sich zu diesem essentiellen Thema bedeckt. Laut Espinoza gäbe es zwei Arten von Geldgebern: Typ I sind die Investoren, die globale Trends sehen und Firmen unterstützen wollen, die diesen Trends folgen. Es sind Investoren, die daran glauben, dass eine gute Idee – wie couchsurfing.org – die Welt verändern könne. Zu Typ II zählt der CEO die Investoren, die sich einfach an Märkte halten und dort investieren, wo sie Wachstum erwarten. Den Vorteil, den die Investoren hätten, wäre, dass die Welt sich in eine für sie erwünschte Richtung hin ändert. Ob damit Rendite beim Verkauf von Nutzerprofilen oder der Wunsch nach einer besseren Welt gemeint ist, bleibt unklar. Espinoza trat am 10. Oktober 2013 von seiner Position als CEO zurück. Grund dafür könnten Turbulenzen mit den Benutzern sein, genauso das bisherige Ausbleiben von angekündigten Veränderungen. Ob hiermit nun die vollständige Kommerzialisierung oder eine Rückbesinnung auf das eigentliche Ideal der Völkerverständigung Einzug halten wird, bleibt abzuwarten. Laut dem Internetblog techchrunch.com wurde gleichzeitig 40 Prozent des Personals entlassen. Das verspricht auf jeden Fall Veränderungen – in welche Richtung auch immer.

Aufgrund der vermeintlichen Probleme lohnt der Blick auf Alternativen zum Branchenriesen: Schon vor couchsurfing.org wurde im Jahr 2000 „The Hospitality Club“ in Deutschland gegründet, der sich auf Übernachtungen unter seinen Mitgliedern spezialisiert. Mit circa 700 000 Mitgliedern in 226 Ländern ist der Hospitality Club eine ernstzunehmende Alternative.

Das 1993 gegründete Netzwerk WarmShowers.org hat sich auf Fahrradfahrer und ihre speziellen Bedürfnisse spezialisiert: Neben einem netten Gespräch, einem Platz zum Zeltaufschlagen oder gar einem Bett erhält man auch Zugang zu einer warmen Dusche.

BeWelcome.de wurde 2007 gegründet, hat 50 000 Mitglieder und ist damit eher der Branchenzwerg. Das Netzwerk basiert einzig und allein auf Spendenbasis und ehrenamtlicher Arbeit und geht zurück auf eine Non-Profit Organisation in Rennes, Frankreich. Eine weitere Besonderheit ist das Zurückgreifen auf Open Source Software, also einen offenen, für jedermann einsehbaren Quelltext. Durch dieses offene Arbeiten soll die momentane Schieflage von couchsurfing.org umschifft werden. Nach dem Lautwerden der Vorwürfe gegen couchsurfing.org bekam BeWelcome.de einen starken Benutzerzuwachs.

von Leonard Mathias und Mounir Zahran

Montage: Katrin Haubold

Fotos: 4028mdk09 (Pflanze),KKehrer80 (Sofa),
Rüdiger FvB(Schrank), Rico Schen (Rucksack)