Am 5. November demonstrierten in Schwerin rund 2 500 Studenten und Dozenten für eine bessere Bildung im Land.

Es ist fünf Uhr morgens. Was hatte mich nur geweckt? Meine Mitbewohner kommen laut singend von einer scheinbar ziemlich ausgelassenen Partynacht zurück. Sofort spüre ich ein wenig Wut in mir aufkommen. Wut darüber, dass meine Mitbewohner sich in den letzten Wochen immer wieder über Dinge aufgeregt haben, die ihnen an der Uni missfallen: Zu volle Hörsäle und langweilige Partys. Doch das ist nicht der Grund für meine Wut. Heute ist der Tag, an dem Studierende und Schüler aus ganz Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin vor dem Landtag zusammenkommen, um für ihre Bildung und die ihrer (derzeitigen und zukünftigen) Kommilitonen und Mitschüler zu demonstrieren. Immer wieder wurde man daran erinnert, am Dienstag, den 5. November um 8 Uhr am Bahnhof zu erscheinen. Auch meine Mitbewohner mussten zwangsläufig von der Demonstration gehört haben. Am Tag zuvor sprach ich noch mit ihnen über die Bedeutsamkeit der Teilnahme an der Demo. Sie haben mir zugestimmt und trotzdem beschlossen, den zwangsläufig freien Tag anders zu nutzen. Meine Wut entspringt einfach der Enttäuschung über die mangelnde Solidarität meiner Mitbewohner. All dies hindert mich jedoch in keinster Weise daran, mich auf den Weg zu machen.

Am Bahnhof angekommen heben die Gespräche meine durch die enttäuschenden Mitbewohner gesunkene Stimmung schnell, denn hier scheinen alle mehr oder weniger von der Notwendigkeit und Relevanz der Demo überzeugt zu sein und die Stimmung ist sehr optimistisch. Ich spreche mit Alex, Student der Betriebswirtschaftslehre, der schon lange entschlossen war an der Demo teilzunehmen: „Ich denke auf jeden Fall, dass die Demo etwas nützt. Wenn man sich umschaut, merkt man, dass ja schon eine Menge Leute hier zusammen gekommen ist und wenn dann plötzlich vor dem Schweriner Schloss eine riesige Traube entsteht, dann wird das auf die drinnen schon Einfluss haben. Aber wer weiß?“ Die Theologin Nikola scheint keinerlei Zweifel zu hegen: „Morgens früh aufstehen ist kein Ding, ich muss jeden Morgen zeitig aufstehen und für die Uni zu kämpfen ist gut. Wenn viele Menschen kommen, könnte die Demo etwas bringen.“ Und genügend Leute scheinen es zu sein. Die kleine Schar, die mich auf der schlammigen Wiese gegenüber des Bahnhofs erwartet, ist schnell zu einer ungewöhnlich großen Protestmenge angewachsen. Auch meine ablehnende Haltung gegenüber den Zurückbleibenden muss ich schon bald überdenken. Katharina, eine Skandinavistikstudentin im siebten Semester, meint: „Die machen sich zwar einen schönen Tag, aber politisch bewegen werden sie nichts. Ich finde das ein bisschen feige“. Ich mache mir bewusst, dass mir die Gründe der Daheimbleibenden nur in wenigen Fällen bekannt waren. Meine Zuversicht bleibt erhalten. Es dauert etwas, bis ich den richtigen Bus fand. Dort spreche ich mit dem zukünftigen Geschichts- und Geographielehrer Robert, der ebenfalls ein wenig Probleme beim Finden des richtigen Busses hat und der es schade findet, das zwei leider leer bleiben müssen. Ansonsten sind alle, die ich treffe, mehr als zufrieden mit der Organisation durch den Allgemeinen Studierendenausschuss. Besonders die Lunchpakete erfreuen sich besonderer Beliebtheit.

mm108_11_HoPo_Schild_SimonNicht jeder Redner ist gut

Endlich kommen wir in Schwerin an. Wir gehen durch die Stadt, um uns der Demo anzuschließen. Verfehlen kann man sie nicht: Den Lärm hört man schon von weitem. Christian, Lehramtsstudent aus Greifswald, erzählt mir: „Ich habe die Etatkürzungen bereits selber bemerkt: In den Instituten gibt es wesentlich weniger Kopierer. Deshalb bin ich auf der Demo.“ Auch Tobias, ein Literaturwissenschaftler, ist vom Sinn und Zweck der Aktion absolut überzeugt: „Es kann nicht sein, dass bei finanzieller Knappheit immer zuerst an der Bildung gespart wird. Die Bildung ist das, was letzten Endes dazu führen wird, dass irgendwann mal Menschen da sind, die Geld verdienen können.“ Kurz darauf beginnen die Redebeiträge. Nicht jeder Redner gefällt mir. Ich bin aber nicht der Einzige, dem es so ging: Florian aus Rostock, ebenfalls Lehramtsstudent, meint: „Die Studierendenschaft ist natürlich hier zusammengekommen um zusammen zu demonstrieren, aber von den zigtausenden Studierenden in Mecklenburg-Vorpommern war es nur ein kleiner Bruchteil. Von der ‚unheimlichen Solidarität zwischen den Hochschulen‘ zu sprechen ist ein wenig übertrieben.“

Noch während die letzte Band spielt, gehe ich mit anderen zu meinem Bus zurück. Inzwischen ist uns allen kalt und wir freuen uns auf die Heimfahrt. Durchgefroren, aber mit dem Gedanken, vielleicht etwas erreicht zu haben, fahren wir nach Greifswald zurück.

von Vincent Roth

Fotos: Simon Voigt