Sandra reiste in den vergangenen Jahren durch verschiedene Länder Europas. Dabei schrieb sie regelmäßig Tagebücher und fotografierte. moritz veröffentlicht einen Auszug von ihren Reisen aus Rumänien.

Nach ein paar Tagen in Bukarest ging es mit dem Zug durch die Karpaten in Richtung Norden. Die Bergspitzen waren noch schneebedeckt, aber das ist nichts Außergewöhnliches im März. Auf dem Weg zu dem Bauernhof in Idicel wollte ich mir noch das Schloss Bran ansehen, jenen Ort, an dem Bram Stokers „Graf Dracula“ spielt. Also machte ich einen kleinen Zwischenstopp in Brasov. Die Besitzerin des Hostels kannte jemanden, der im Besitz eines Autos war. Er würde mich und ein Pärchen aus dem Hostel am nächsten Tag zum Schloss fahren. Dort sah man dann auch die typischen Touristenstände, an denen so ziemlich alles verkauft wird, was nur halbwegs traditionell wirkt.

Die meisten Rumänen kannten das Buch von Bram Stoker gar nicht, bis die ersten Touristen auftauchten und unbedingt das Schloss sehen wollten. Ansonsten sind Rumänen eher weniger stolz auf ihr Land und man wird häufig fragend angesehen, wenn man sich als Tourist zu erkennen gibt. Warum Menschen freiwillig in dieses Land kommen, bleibt den meisten Rumänen ein Rätsel. Leider, denn das Land ist wirklich wunderschön!

Von Brasov ging es weiter nach Idicel, ein winziges Dörfchen am Fuße der Karpaten. Für die nächsten Wochen würde ich dort auf einem Biobauernhof leben und arbeiten. Das Dorf hatte nur eine Straße und war vollgepackt mit Traditionen. So hatte man zum Beispiel seit einigen Jahren einen Friedhof, doch nur die moderneren Dorfbewohner ließen sich dort begraben. Die Älteren wollen immer noch, wie es in dieser Region für lange Zeit typisch war, in ihren Gärten begraben werden. Ein Mann erklärte mir, dass er sein ganzes Leben dort gelebt hat und sein Stück Land auch nach dem Tod nicht verlassen möchte. Er selbst habe schon zwei Ehefrauen im Garten beerdigt, aber noch Platz für eine mehr. Dieses freundliche Angebot lehnte ich jedoch ab. So sucht der nette Mann wahrscheinlich heute noch nach einer jungen Frau, die für viele Jahre sein Grab pflegen kann.

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Ein junges Zicklein

Idicel hat die gleichen Probleme wie wahrscheinlich die meisten Dörfer auf der ganzen Welt. Die Jungen ziehen in die Städte und hoffen dort auf das große Geld, während die Alten im Dorf zurückbleiben und für zwei Generationen arbeiten müssen. Doch das schaffen die wenigsten, deshalb können viele Höfe nicht mehr voll bewirtschaftet werden. Die meisten Menschen in Idicel kümmern sich oft nur noch um ihre Pflaumenbäume, aus dessen Früchten sie ein Jahr später Schnaps (Tuica)  brennen. Ich hatte die Ehre, beim Tuica brennen mithelfen zu dürfen. Das Feuer muss 24 Stunden unter dem Kessel brennen. Die Konstruktion hatte ein Mann aus dem Dorf irgendwann einmal gebaut. Der Schnaps wird zweimal gebrannt, da er das erste Mal mit „lächerlichen“ 38 Prozent rauskommt. Also wird er immer noch mal gebrannt, damit er die richtigen 64 Prozent erreicht. Die Bauern nehmen immer eine kleine Flasche davon mit auf ihre Felder; „Für neue Energie“ wie sie sagen.

Graham, meinem Gastgeber, fiel schnell auf, dass ich gut mit den Ziegen umgehen kann. So wurde daraus meine Hauptaufgabe. In ein paar Wochen wurde mein Wissen über Ziegen so groß, dass ich Moses hätte Konkurrenz machen können. Zu dem Zeitpunkt hatten alle Ziegen ihre Jungen bekommen. Als nette Geste wurden die Ziegenbabys nach den Volontären benannt. Das Problem war nun, dass Sandras Mutter keine Milch hatte und viele der anderen Ziegenmütter nicht genug. Also füttere ich die Babys dreimal täglich mit der Flasche. Alle haben überlebt und sind groß und stark geworden.

Es waren schon einige Wochen auf dem Bauernhof in Transsylvanien vergangen. Am Morgen stiegen die anderen Volontäre und ich auf einen Hügel hinter dem Haus, um dort Pferdemist als Dünger um einige Obstbäume zu verteilen. Am Nachmittag aßen wir schon um 16 Uhr Abendessen. Danach fuhr uns Anda, die Gastmutti, nach Reghin. Als erstes gingen wir alle in einen Supermarkt um dort Schokolade zu kaufen. Die erste seit ein paar Wochen! Himmlisch! Dann hatten wir noch etwas Zeit, uns die Stadt anzusehen. Der deutsche Name von Reghin ist Neumarkt. Doch die meisten Mitglieder der deutschen Minderheit sind im 20. Jahrhundert nach Deutschland immigriert. In die verlassenen Häuser sind größtenteils Roma eingezogen. Die meisten Rumänen (und auch andere Europäer) haben eine schlechte Meinung von ihnen.

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Das rumänische Dorfleben

Reghin ist bekannt für seine Violinenfabrik. Sie benutzen dort das gleiche Holz, aus dem auch die berühmten Stradivari-Geigen gebaut wurden. Die Innenstadt besteht aus einer Hauptstraße, die an beiden Enden mit einer Kirche abschließt: Eine Katholische und eine Orthodoxe. Obwohl Rumänien ein orthodoxes Land ist, geht man nach dem westlichen Kalender. Das hatte man im 18. oder 19.Jahrhundert geändert, als man die Beziehung zum Westen ausbauen wollte.

Auch in Reghin gibt es eine Statue von Romulus, Remus und der Wolfsmutter. Als ich nachfragte, erklärte mir Graham, dass es ein Zeichen der Unabhängigkeit sei. Rumänien wurde über Jahrhunderte zwischen dem Osmanischen Reich, Ungarn und zuletzt Russland hin und her „geworfen“.  Die Statue soll auf die römischen Wurzeln aufmerksam machen. Zu Zeiten des Römischen Reiches bekamen die Offiziere der Armee ein Stück Land in Rumänien als Rente – wenn sie denn so lange überlebten.

Am Abend trafen wir uns alle im Club David. Dort haben Chantale und Sebastian, zwei Musiker aus Kanada, die auch auf dem Bauernhof arbeiten, einen Fernsehauftritt bei Reghin TV. Die zwei hatten Musik in Kanada studiert und sind dann mit ihrer Gitarre und Akkordeon nach Europa gekommen. Sie ließen sich alte Volkslieder in den Ländern zeigen, die sie bereisten, und liebten die Musik Rumäniens. Deshalb waren sie schon mehrere Monate hier. Nur den Winter hatten sie aus Visagründen in Moldawien verbracht. Sie spielten in Bars und manchmal auf der Straße. Aber es ging ihnen nicht darum, berühmt und reich zu werden, sondern neue Musik kennen zu lernen und ihre Musik mit anderen zu teilen (im Moment touren sie als „Les Poissons Voyageurs“ durch die USA). Sie gaben ein kurzes Interview und spielten ein paar ihrer tollen Lieder.

Auch ich musste auf die Bühne. Zu meiner Überraschung stellte mir der Moderator auch Fragen: Ob es mir gefällt, ob ich wieder kommen würde und ob ich anderen empfehlen würde, auch nach Reghin zu kommen? Ich aber war zu nervös, um mehr als ein Ja, Yes und Da über meine Lippen kommen zu lassen.