Vor zwei Jahren entstand der Großkreis Vorpommern-Greifswald im Zuge der Kreisgebietsreform. Schon durch das Zusammenlegen stand für die Vereine in Greifswald weniger Geld zur Verfügung. Aufgrund von Streitigkeiten Anfang des Jahres zwischen der Landrätin und dem Kreistag wurden die Mittel weiter gekürzt. Das hat sich auch auf den Stadtjugendring, den Dachverband zahlreicher Vereine in Greifswald, ausgewirkt.

Hintergrund

Im September 2011 fanden die letzten Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern (MV) statt. Zudem trat die Kreisgebietsreform in Kraft: Viele Kreise wurden zusammengelegt, über deren Namen abgestimmt, neue Kreistage und Landräte gewählt. Die Hansestadt Greifswald verlor ihren Status als kreisfreie Stadt und bildet nun mit den ehemaligen Landkreisen Ostvorpommern und Uecker-Randow sowie Teilen des Landkreises Demmin den Großkreis Vorpommern-Greifswald.

Durch diese Neuordnungen veränderten sich die Zuständigkeiten bezüglich der Förderung von Jugendarbeit sowie der Jugend- und Schulsozialarbeit (moritz berichtete im Heft 94). An dieser Stelle muss dabei der Unterschied zwischen Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit erläutert werden. Die Jugendarbeit fasst gemeinwesenorientierte Angebote zusammen, die prinzipiell für alle Jugendlichen und Kinder im entsprechenden Alter entworfen wurden. Dazu gehören beispielsweise die Bereiche der außerschulischen Jugendbildung sowie die Jugendberatung. Die Jugendsozialarbeit hingegen soll Jugendlichen mit sozialen und individuellen Problemen oder Benachteiligungen Unterstützung bieten. Ziel der Hilfeleistung ist es, die soziale Integration sowie die schulische und berufliche Ausbildung dieser Zielgruppe zu fördern.

Für die Greifswalder Jugendarbeit war nun nicht mehr die Hansestadt verantwortlich; der Landkreis wurde für alle Träger in den Gemeinden der Ansprechpartner. Erschwerend kam hinzu, dass der Landkreis gleich von Beginn an verschuldet war. Standen der Jugendsozialarbeit bis 2013 noch rund 780 000 Euro jährlich zur Verfügung, waren es dieses Jahr schätzungsweise 300 000 Euro weniger. Die Höhe der Beträge war an Leistungsvereinbarungen gebunden, die eine dreijährige Gültigkeit aufwiesen, weswegen erst Anfang des Jahres 2013 Veränderungen eintraten.

Anfang 2013 kam es zudem zu einem Konflikt zwischen der Kreisverwaltung unter der Landrätin Barbara Syrbe (Die Linke) und dem Kreistag (moritz berichtete im Heft 103): Während der Kreistag 12,50 Euro pro Kind für Jugendarbeit ausgeben wollte, wies die Verwaltung auf die schlechte Haushaltslage hin und lehnte ab. Die Stadt, die sich aktuell noch mit 200 000 Euro beteiligt, sieht sich nicht mehr als zuständig an, zudem bedarf der städtische Haushalt ebenfalls Einsparungen. Darüber hinaus will aber auch der Landkreis weitere Einsparungen vornehmen: Er will seinen Anteil an den Personalkosten für Jugendsozialarbeit um jährlich fünf Prozent senken.

Offenes Kinder- und Jugendhaus Labyrinth

mm108_28_greifswelt_Labyrinth&Klecks_KatrinSowohl der Landkreis Vorpommern-Greifswald als auch die Hansestadt Greifswald fördern das Labyrinth, eine der beiden Kinder- und Jugendhäuser in Schönwalde I. Allerdings sind das Co-Finanzierungen des Europäischen Sozialfonds (ESF). Dadurch sind die Gehälter von drei Mitarbeitern im Labyrinth gesichert, die hauptsächlich Jugendlichen bei Schwierigkeiten helfen, wenn diese von der Schule in die Ausbildung wechseln oder schon in der Ausbildung sind. „Es geht letztendlich immer um eine Arbeitsmarktorientierung“, erklärt Bengt Jakobs, einer der Jugendsozialarbeiter. Das Geld für die drei Stellen stammt zur Hälfte aus dem ESF; den Rest müssen die Stadt und der Landkreis dazugeben. „Im letzten Jahr haben sich sowohl die Stadt als auch der Landkreis deutlich zu diesen Stellen bekannt und Geld eingestellt“, sagt Jakobs. Allerdings müsse jedes Jahr aufs Neue entschieden werden, welcher Verein wie viel Geld erhalte. Da die Kinder- und Jugendarbeit unter die freiwilligen Leistungen fallen, ist für Jakobs klar, wo zuerst gespart wird: „Es steht zwar im Gesetz, dass diese Leistungen zu erbringen sind, aber es steht nicht im Gesetz, von wem und in welcher Höhe oder in welchem Umfang.

Und genau da liegt das Problem.“ Inzwischen seien die Verhandlungen entspannter geworden.
Bis Mitte Februar dieses Jahres hatte die Initiative für sozialpädagogische und soziokulturelle Arbeit e.V., die das Labyrinth betreibt, noch keine neuen Bewilligungsbescheide erhalten. „Das ist natürlich für so einen kleinen Verein schon schwierig, wenn man anderthalb, zwei Monate arbeitet und Gehälter bezahlt ohne zu wissen, wann das Geld eigentlich kommt“, resümiert Jakobs. Mittlerweile klärte sich diese Situation. Um aber besser vorbereitet zu sein, falls die Finanzierung durch den ESF und den Landkreis oder die Stadt nicht mehr gegeben sein sollte, haben sich die Mitglieder des Vereins von der studentischen Unternehmensberatung Capufaktur e.V. beraten lassen. Jakobs erläutert: „Wir wollten herausfinden, welche anderen Finanzierungsmöglichkeiten es gibt, oder wie wir uns aufstellen könnten, um eine breitere Basis zu erhalten.“

Jugendzentrum klex

Nicht nur das Labyrinth ist merklich von den Einsparungen betroffen, allgemein wurde der Stadtjugendring vom Wegfallen der finanziellen Mittel schwer getroffen. Ihm als Dachverband untersteht das Jugendzentrum Klex, in dessen Haus es die Jugendinitiative Pro-Ton e.V. traf. Sie wurde zuvor noch mit 15 000 Euro jährlich gefördert und ist vor allem für die Konzertveranstaltung im Jugendzentrum zuständig. Pro-Ton existiert auch weiterhin, kann anreisende Bands allerdings nur noch mit 80 Prozent des abendlichen Erlöses vergüten, was es zur Herausforderung macht, überhaupt Musiker aufzutreiben. Da die restlichen 20 Prozent der Einnahmen in die Nebenkosten investiert werden müssen, ist an eventuellen Ersatz oder Verbesserung der technischen Ausstattung nicht zu denken. „Eine Erhöhung des Eintrittspreises allerdings hätte womöglich einen Einschnitt in das pädagogische Konzept zur Folge“, meint Yvonne Görs vom Stadtjugendring.

Ebenfalls betroffen ist der Pfadfinderbund MV e.V.,  wenngleich auch er zumindest Greifswald vorerst erhalten bleibt. „Dass der Bund trotz Ausbleiben der bisherigen Förderung in Höhe von 7 000 Euro im Jahr fortbesteht, verdankt er Veränderungen in den Personalkosten und dem Umzug ins klex, dadurch konnte er seine Ausgaben verringern. Wären diese Maßnahmen nicht umgesetzt worden, wäre auch der Bund verschwunden“, führt die Jugendsozialarbeiterin an.

Verheerend traf es allerdings den Verein Jugendmedien e.V., der nur noch ehrenamtlich betrieben werden kann, solange es die Umstände zulassen. Als die jährliche Förderung in Höhe von 25 000 Euro ausfiel, musste die Medienwerkstatt jedoch geschlossen werden.

Jugendarbeit und Vereine bald verschwunden?

Die Aussichten sind alles andere als rosig. Mit einem Mehrbetrag von rund 160 000 Euro bezüglich der gezahlten Fördermittel dieses Jahres hätten die geschlossenen Clubs – unter anderem die Jugendclubs in Schönwalde I und im Ostseeviertel der Arbeiterwohlfahrt – und die Vereine, die wegzubrechen drohen, gerettet werden können, wenn auch mit Einsparungen im Programm. „Für 2014 wird es auch keine Förderung für die Jugendarbeit in Greifswald mehr geben“, beklagt Görs. „Das Land Mecklenburg-Vorpommern, der Kreis Vorpommern-Greifswald und die Stadt Greifswald werden die Schulsozialarbeit und die Jugendsozialarbeit weiterhin unterstützen. Der Jugendhilfeausschuss des Kreises hat hierzu schon einen Beschluss gefasst. Derzeit ist der Zuschuss von Greifswald noch in der Schwebe. Hier muss auf den Beschluss zum Haushalt gewartet werden.“ Sollten die Ausgaben für Personalkosten ab 2015 jedoch wirklich um fünf Prozent gesenkt werden oder sollte die Stadt keinen weiteren Zuschuss von 200 000 Euro geben, drohen noch mehr Vereine zu verschwinden, da ihnen die Existenzgrundlage genommen würde. Die Vereine, die im klex angesiedelt sind, könnten prinzipiell auch ohne Trägerverein existieren, jedoch ist fraglich, ob sie das Jugendzentrum dann noch mietfrei nutzen könnten.

Die Politik muss sich also fragen, wie viel ihr an der Jugend liegt und in welchem Maße sie selbst Einfluss auf sie nehmen möchte. Geförderte Programme sind an Auflagen gebunden, die durchaus auch inhaltlicher Natur sein können. Fallen sie weg, fällt mit ihnen eine Art der politischen Kommunikation und Einflussnahme weg und die Politiker überlassen das Spielfeld womöglich anderen.

von Michael Bauer und Katrin Haubold

Grafik: Katrin Haubold