Rezension

„In einer Demokratie ist Masse gleichbedeutend mit Macht. Schon heute ist die Wählergruppe der über 60-Jährigen in diesem Sinn mächtig, nicht zuletzt auch, weil sie sich im Vergleich zu den Jüngeren überproportional an Wahlen beteiligen.“

Die frühere Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Renate Schmidt, widmet ihre Streitschrift „Lasst unsere Kinder wählen“ dem Langzeitthema Generationengerechtigkeit. Auf 128 Seiten führt sie dem Leser das vorherrschende Ungleichgewicht vor Augen, das die gesellschaftspolitischen Entscheidungen unserer Zeit bestimmt. Während die deutschen Automobilclubs und Tierschutzverbände Millionen von Mitgliedern vereinen und eine eigene politische Lobby darstellen, zählen alle Familienorganisationen zusammen weniger als 500 000 Mitglieder.

„Kinder werden nicht als eigenständige Menschen angesehen. (…) Sie sind Mittel, um das Wirtschaftswachstum zu erhöhen, um Mecklenburg-Vorpommern wieder zu bevölkern, die Rentenfinanzierung zu stabilisieren oder um künftige Alte zu pflegen.“

Die SPD-Politikerin verweist weiterhin auf aktuelle Studien, die einen sogenannten Alterseffekt nachweisen. Demnach sinkt mit zunehmendem Alter der Wähler die Befürwortung sozialpolitischer Maßnahmen, die nicht die eigene Altersgruppe betreffen. Schmidt fordert ein stärkeres Mitspracherecht für jene, die von den Folgen aktueller politischer Entscheidungen am längsten betroffen sind. Wie genau dieses realisiert werden soll, erfährt der Leser jedoch erst, wenn er sich bereits zur Hälfte durch das Buch gearbeitet hat. Schmidt muss einräumen, dass zumindest Säuglinge und Kleinkinder keinesfalls in der Lage sind, wählen zu gehen. Die 69-jährige schlägt daher ein Wahlrecht vor, das stellvertretend von den Eltern ausgeübt werden kann, bis sich der junge Bürger selbst in ein Wählerverzeichnis einträgt, unabhängig seines Alters. Einen Missbrauch der zusätzlichen Stimmen durch die Erziehungsberechtigten beziehungsweise einen Stimmhandel schließt sie ebenso gutgläubig wie kategorisch aus. Gewagte Thesen, die Renate Schmidt dort vorbringt. Bei den vielen herangezogenen Studien und Meinungsbildern fehlt jedoch eine psychologische Perspektive auf die potenzielle Wählergruppe der unter 18-jährigen. Gäbe es überhaupt eine signifikante Anzahl junger Wähler, die sich in das Verzeichnis eintragen lassen würden oder bevorteilt eine solche Regelung lediglich die Eltern? Liegt hierin das eigentliche Ziel?

Gerade wegen seiner kontroversen Sichtweise liest sich das Buch ungemein schnell weg. Auch wenn die inhaltliche Linie extrem einseitig und parteigefärbt ist, wird der Leser dazu angeregt, einen eigenen Standpunkt zum Thema zu entwickeln.

von Laura Hassinger

Foto: © Kösel-Verlag