Wer schon einmal die Friedrich-Loeffler-Straße entlang gefahren ist, hat ihn schon gesehen: den Präpariersaal schräg gegenüber vom Kino. Doch was geschieht hinter den Milchglasfenstern? So viel sei verraten: Die Greifswalder Anatomie hat Leichen im Keller.

Viele von uns verbinden den Tod mit einem sehr traurigen und privaten Moment im Schicksal eines Lebens. Doch für einige Studierende hier in Greifswald ist der Tod etwas nüchternes, etwas neutrales. Für all diejenigen, die einmal in der Woche den Präparierkurs der Greifswalder Anatomie besuchen, ist der tote Körper ein Arbeitsobjekt.

„In unserer ersten Stunde fassen wir alle gleich zu Beginn einmal den toten Körper mit beiden Händen an und dann ist der Druck, das Arbeitsziel zu erreichen so groß, dass man ganz vergisst, dass da ein toter Mensch vor einem liegt“, erinnert sich Jenny an ihre erste Begegnung mit den Körperspendern. Sie ist nun im dritten Semester ihres Humanmedizinstudiums und weiß noch ganz genau, dass ihr erst zu Hause bewusst wurde, was sie da die letzten vier Stunden eigentlich gemacht hat. Die Arbeit an den Körperspendern oder Vermächtnisgebern, wie sie offiziell am Greifswalder Institut für Anatomie genannt werden, gehört an so ziemlich jeder deutschen Universität zum Studienalltag von Human- und Zahnmedizinern sowie Humanbiologen in den ersten Semestern.

„Zuerst wird die Haut abgenommen, dann die Fettschicht und im Anschluss arbeiten wir alle Details des menschlichen Körpers heraus“, erklärt Paul, ein Kommilitone von Jenny. Unter den Körperspendern darf man sich aber keine normale Tatort-Leiche vorstellen. Das sieht alles ein wenig anders aus, denn bevor die leblosen Körper den Studierenden zu Lernzwecken zur Verfügung gestellt werden, müssen sie ungefähr ein Jahr lang mit Hilfe von speziellen Chemikalien konserviert werden. Sämtliche Körperflüssigkeiten müssen weichen und werden durch Formalin ersetzt. Doch dadurch schwinden auch die Farbe und die Flexibilität. Verschiedenste Grau- und Brauntöne durchziehen nach dieser Prozedur den menschlichen Körper. „Am meisten gestört hat mich dieser Geruch, vor allem am Ende. Der Geruch nervt einen von Woche zu Woche mehr“, erinnert sich Paul. Er meint damit allerdings nicht den Geruch, den so mancher im Zusammenhang mit dem Thema Leiche in der Nase hat, sondern den beißenden Geruch des Formalins. Auch Jenny kann dieses Phänomen noch gut beschreiben: „Die Haare, die Kleidung, einfach alles nimmt irgendwann diesen Geruch an.“

Der Mensch als Raum

Doch wozu dieser ganze Aufwand, wenn die Studierenden sich scheinbar nur an unangenehme Dinge erinnern? „Die Arbeit an den Körperspendern ist wichtig, um ein räumliches Verständnis vom menschlichen Körper zu bekommen. Man kann ja auch keinen Automechaniker ausbilden ohne dass er am Auto arbeitet. Die Abbildungen in Büchern vermitteln nur begrenzt die räumliche Organisation“, erklärt Professor Karlhans Endlich, Leiter des Instituts für Anatomie. Er begleitet jährlich die Studierenden durch den Anatomieunterricht und weiß, dass der Präparierkurs durch das gemeinsame Lernen am Körper auch den netten Nebeneffekt der Teambildung haben kann. Die Arbeit an Körperspendern hat eine lange Tradition. Zunächst nahm man hierfür Tiere, aber schon im dritten Jahrhundert vor Christus ist man auf menschliche Körper umgestiegen. Nach einer Pause während des Römischen Reiches ging man dann dazu über, Menschen nicht mehr nur zur Veranschaulichung antiker Schriften, sondern auch zu Forschungszwecken zu öffnen. Als „Spender“ wurden zunächst die Leichname von hingerichteten Verbrechern genutzt. Diese Vorgehensweise war gerade während des Nationalsozialismus sehr beliebt. Noch lange wurden Präparate aus dieser Zeit zu Lehr- und Forschungszwecken genutzt. Die Form der freiwilligen Bereitstellung, wie sie heute ausnahmslos durchgeführt wird, war also im geschichtlichen Kontext äußerst selten. Heutzutage sind jährlich ungefähr hundert Menschen dazu bereit, nach dem Ableben ihren Körper der Forschung in Greifswald zur Verfügung zu stellen. „Die Tendenz ist sogar steigend. Momentan müssen wir schauen, dass wir unsere Kapazitäten zum Konservieren nicht sprengen“, berichtet Endlich. Es liegen also fast schon zu viele Leichen im Keller der Greifswalder Anatomie. Der Weg zum Körperspender ist relativ formlos. Jeder, der sich bereit dazu fühlt, kann sich im Institut melden und erhält dort umfangreiche Informationen. Danach wird noch eine Art Einverständniserklärung unterzeichnet. Eine Entlohnung für die Hingabe gibt es nicht. Ganz im Gegenteil, jeder Vermächtnisgeber muss eine Gebühr von 600 Euro zahlen, damit er der Forschung übergeben wird. Im Gegenzug übernimmt das Institut alle Kosten die darüber hinaus nach dem Tod anfallen; vom Totenschein bis hin zur Urnenbestattung im Gemeinschaftsgrab der Anatomie.

Die Entscheidung zur Körperspende lohnt sich, denn das Vermächtnis dient nicht nur der Bereicherung von Studierenden, auch Fortbildungen bereits praktizierender Ärzte und die Erprobung neuer Operationsmethoden können so realisiert werden. Hauptsächlich profitieren aber die Studierenden. „Ich finde nur die Arbeit im Präpsaal konnte einem wirklich dabei helfen den Körper und seine Funktionsweise richtig zu begreifen“, resümiert Paul und auch Jenny sieht das sehr ähnlich, „erst so konnte man wirklich einschätzen,  wie groß zum Beispiel die einzelnen Organe sind.“ Eine psychologische Betreuung gibt es für die Studierenden aktuell nicht, auch wenn Studien zeigen, dass das Stressniveau vor dem ersten Präparierkurs enorm ansteigt, während der Arbeit an den Körpern aber auch von Mal zu Mal abnimmt. „Irgendwann merkt man gar nicht mehr, dass da ein richtiger Mensch vor einem liegt, auch wenn das jetzt unschön klingt“, muss Paul zugeben. „Man sieht aber auch nie das Gesicht, wenn man es nicht möchte. Das hat mir sehr geholfen, damit umzugehen“, erklärt Jenny. „Der Präparierkurs bietet den Studenten eine gute Möglichkeit sich mit dem Tod auseinander zu setzen. Eine Fähigkeit, die auch in ihrem späteren Berufsalltag von hoher Relevanz ist“, so Endlich.

Alternative Lernmethoden

Einige Universitäten, gerade im Ausland, sind aufgrund verschiedenster Gründe auf andere Lernmethoden wie zum Beispiel 3D-animierte Computersimulationen übergegangen. Endlich sagt: „Komplementär mag das sehr gut sein, aber für die alleinige Verwendung in der Lehre sind diese Programme meiner Meinung nach nicht ausreichend. Viele Universitäten sind auch dabei den Präparierkurs wieder einzuführen. Das ist, als sähe man einen 3D-Film über Sydney und besucht die Stadt dann tatsächlich, das ist ein großer Unterschied“. Und auch Paul kann sich nicht vorstellen, dass diese Art des Lernens die Arbeit an den Körperspendern vollständig ersetzen kann.

Dennoch sind weder Jenny noch Paul dazu bereit sich selbst nach dem Tod der Forschung zur Verfügung zu stellen. „Ich habe auch meiner Oma davon abgeraten. Das möchte ich einfach nicht“, gibt Paul ehrlich zu. Hier entsprechen die beiden dem empirischen Durchschnitt. Bei so gut wie allen Studierenden sinkt die Bereitschaft nach dem Präparierkurs, selbst Körperspender zu werden. Ganz so emotionslos, wie am Anfang dargestellt, ist diese Erfahrung also nicht. „Die Studierenden machen sich natürlich Gedanken, aber das ist ja auch gut so“, meint Endlich. Unterstützt werden die aktuellen Jahrgänge daher jeweils von Tutoren aus den oberen Semestern, die einem die Angst nehmen und beim Erreichen der Lernziele unterstützen. Außerdem veranstalten die Studierenden in jedem Jahr eine Trauerfeier für die Körperspender ihres Semesters. Für die Familienangehörigen, aber auch für die Studierenden, ist dies ein Moment des Abschiednehmens. Hier erfahren die Ärzte von Morgen auch erstmals die Namen ihrer Lernobjekte.

Noch einmal spannend wird es immer, wenn in den letzten Wochen des Präparierkurses die Pathologen die Studierenden besuchen und gemeinschaftlich nach den Todesursachen der „Patienten“ gesucht wird. In diesen Stunden wird dann auch Anomalien wie beispielsweise ungewohnt verlaufende Gefäßstrukturen oder u-förmige Nieren nachgegangen. In solchen Momenten wird der Sinn des Präparierkurs ganz deutlich: Es sind die Lebenden, die den Toten die Augen schließen. Es sind die Toten, die den Lebenden die Augen öffnen.

von Lisa Klauke-Kerstan

Grafik: Lisa Klauke-Kerstan