Kolumne

Die Stunden verstrichen rasend schnell. Noch waren es zwei bis zum Abgabetermin der Kolumne. Meine Finger fuhren wie wahnsinnige Schatten über die weiße Tastatur. Gleichzeitig werkelten hunderte Synapsen an neuen Verbindungen, Verstrickungen, Irrungen und Wirrungen, wie wohl Theodor Fontane gesagt hätte. Ich war kurz davor, den Verstand zu verlieren. Diese kranke Reise, die ich vor vier Stunden angetreten hatte, schien kein Ende zu nehmen. Ich versuchte immer wieder die Per-spektive zu wechseln, sah mich dadurch aber in den abscheulichsten Farben und Formen. Aus der Sicht anderer musste ich wie die Hässlichkeit in Person aussehen, von innen wie auch von außen. Der Druck, der meine Finger minütlich schwerer werden ließ, presste meine Schädeldecke so sehr an die anliegende Hirnhautrinde, dass sie drohte, porös wie die Rinde der alten Linde am Marktplatz abzuplatzen. Ich hatte alles. Erfolg, Geld, ich sah gut aus und hatte sogar ein paar Freunde, das einzige, woran es mir fehlte, war das Auge fürs Detail, der Sinn für Humor und die Hand Gottes auf den Tasten. Die Kolumne, die Bücher, das alles preisgekrönt, aber ich konnte es nicht mehr riechen. Den Dreck zu lesen hatte ich längst aufgegeben. Ich schrieb es, schickte es ab.

Manchmal, in fünf Minuten, schrieb ich ellenlange Abschnitte, machte dabei kaum Abstriche, was Sinn und Verständlichkeit anging. Mir war das doch alles egal, wenn ich mich bloß noch im Spiegel anschauen könnte. Meine fiebrige Stirn fing an zu jucken, ich kratzte und kratzte. Immer weiter bohrte ich, suchte den Grund für mein eigenes Missfallen. Warum schrieb ich mal wie Goethe, mal wie Schiller und fand mich schlussendlich in Brecht wieder? Der Stil, die Ikone, die ich längst geworden war; alles nur ein Schandfleck und mittlerweile rotierten die großen Denker routiniert in ihren ewigen Liegelagerstätten.

Ich war, was ich bin, ein Kopieist, modern, charmant, die Adaptierung adoptiert, vom großen Kuchen habe ich probiert, mein Hirn mit wulstig dicker Lausebubenpaste bis oben hin nur zugeschmiert. Und dann marschiert. In die Redaktionen. Der Guardian, der Spiegel, die Times, und eben all jene, die noch heut von meinen Worten zehren. Die denken, das wär große Kunst; die Lust zur Suche, zwischen den Zeilen das Krasse zu finden, die Leidenschaft, das Freche. Ein Wunder, dass ich nicht erbreche, wo mir doch übel ist bei all den Lügen. Talent ist alles, was ich besaß, Talent weit überm Mittelmaß. Talent zum Teufel, wenn das nicht alles ist. Schick schikaniert, hier und da Herta Müller flambiert, serviert und in die Schublade geschoben, weit oben, bei Shakespeare und Günter Grass, da flüstert was, da rumpelt‘s im Karton, vielleicht ist es der William, der mit dem gelben Daumen nach dem Goethe greift. Ich lieg ein Stockwerk höher und kann es nicht genau ergründen. Und während ich so in die Dunkelheit lausche und maschinell schon applaudiere, da tönt von Fern ein Rauschen her, ein dumpfes, hallendes Füßetrampeln, fast wie ein Marsch, als wenn tausend Fäuste auf dünnes Holz sich niederlegen. Da wach ich auf und sitze kerzengerade im Hörsaal zwischen den Reihen.

von Max Devantier