Sandra reiste in den vergangenen Jahren durch verschiedene Länder Europas. Dabei schrieb sie regelmäßig Tagebücher und fotografierte. moritz veröffentlicht einen Auszug von ihren Reisen aus Schweden.

Eine Nierenentzündung und die volle Dosis Antibiotika brachten meine Reisepläne durcheinander, sodass sich meine Abfahrt nach Schweden verzögerte. Ziel der Reise war, einmal in den Norden des Landes zu fahren, um die Polarlichter sehen zu können. Ich hatte irgendwo gelesen, dass März der beste Monat dafür sein sollte.

Ganz gemütlich geht es am Mittag in Greifswald los. Zug, Bus, Fähre, Bus. Dann ist man auch schon in Malmö. Leider hat der Zug nach Stockholm eine Stunde Verspätung und die Interrailtickets rufen Verwirrung beim Zugpersonal hervor. Egal, trotzdem klappt alles, so wie immer. Mitten in der Nacht komme ich bei Ed in Stockholm an, den ich aus Holland kenne. Er kommt aus England, hat einen Master in Philosophie und lebt seit kurzem in der schwedischen Hauptstadt bei seiner Freundin.

Nach dem Frühstück geht es erst einmal in die Stadt, bevor ich mich um die Weiterfahrt in den Norden kümmere. Die Sonne scheint, der Frühling kommt langsam. Es ist sehr sauber und überall ist Wasser, was daran liegt, dass Stockholm auf insgesamt 17 Inseln errichtet worden ist.

Ich mache eine Reservierung für den Nachtzug. Die 6er Schlafabteile sind die günstigsten. Noch kurz die Sachen bei Ed abholen und los geht es nach Älvsbyn. Der Ort, in dem mich Ruben erwarten wird, liegt in der schwedischen Provinz „Norrbottens län“ und hat etwa 5 000 Einwohner. Viel gibt es in der kleinen Gemeinde zwar nicht – lediglich eine Jugendherberge und einen kleinen Freizeitpark – doch sie hat sich in den vergangenen Jahren zunehmend zu einem durchaus beliebten Ausflugsziel entwickelt. In Älvsbyn wird mich schließlich Ruben erwarten, bei dem ich die kommenden Tage übernachten werde. Um 17.58 Uhr geht es los. Die Fahrt dauert etwa vierzehn Stunden, sodass wir erst am kommenden Morgen um 7.38 Uhr die kleine Gemeinde, von der aus ich mich auf die Jagd nach den Polarlichtern begeben werde, erreichen werden. Dennoch scheint die Fahrt schneller, als gedacht, schließlich nutze ich einen Teil der Zeit zum Schlafen. Im Norden angekommen, werde ich vom Wetter überrascht: Es liegen zwei Meter Schnee!
Ruben, von dem ich bis jetzt nicht viel mehr als seine E-Mailadresse habe, holt mich in aller Frühe vom Bahnhof ab. Eine besonders große Auswahl an Hosts gibt es so nah am Polarkreis nicht. Ruben ist der Einzige und  wohnt auf dem Land. Alleine. Seine Frau ist mitsamt den Kindern abgehauen. Schuhe, Zahnbürsten,Spielzeug, alles liegt noch herum. Es sieht aus, als wären sie erst seit ein paar Tagen weg. Als Ruben erzählt, dass es zwölf Jahre her ist, finde ich das schon etwas komisch und gruselig. Überhaupt scheint er ein sehr merkwürdiger Mensch zu sein. Ich weiß nicht, was der Grund gewesen ist, warum Frau und Kinder abgehauen sind. Doch ist nicht auszuschließen, dass sie auf Dauer nicht mehr mit ihm in der Einöde zurecht kamen. Wenngleich alles noch so aussieht, als wäre es erst gestern passiert, redet er nicht viel darüber. Frau und Kinder scheinen ihm vermutlich trotzdem sehr am Herzen zu liegen. Warum sonst lässt man Zahnbürste, Spielzeug und Schuhe stehen? Das macht man doch eigentlich nur, wenn man diese Menschen auf gar keinen Fall vergessen will und irgendwie die Hoffnung noch immer nicht aufgegeben hat, dass sie vielleicht doch wiederkommen. Und dann wäre es schade, hätte er weder Zahnbürste, noch Spielzeug. Auch wenn das Kind vermutlich dieses Spielzeug nicht mehr benutzen und den Vater schief angucken würde…

Dennoch: Ruben ist ein ziemlich komischer Kauz. Jedes Mal, wenn er etwas erzählt, sind Mord und Gewalt im Spiel, sodass ich mir ernsthaft die Frage stelle, wo ich hier eigentlich gelandet bin. Beispielsweise versuchte er mir anhand des folgenden Gleichnisses das schwedische Rechtssystem zu erklären: „Ich müsste länger ins Gefängnis wenn ich einen Bären erschießen würde, als wenn ich dich umbringe.“ Was man sich darauf denkt, lässt sich im Englischen viel besser ausdrücken: „It scares the shit out of me!“ Je unheimlicher mir Ruben vorkam, desto eher hielt ich es für angebracht, seine genaue Adresse aufzuschreiben und sie meiner Mutter zu schicken. Was ich schließlich auch tat, wer weiß, was da noch kommen mag… Natürlich ohne ihr zu erzählen, wie gruselig Ruben ist. Sie würde sich nur wieder Sorgen machen.
Eines Tages bekam ich von ihr folgende SMS: „Bei RTL wurde gerade von starken Sonneneruptionen berichtet.“ Das klingt doch viel versprechend!

Und dann geht es wirklich los. Eigentlich wollte ich nur eine Zigarette draußen rauchen, als ein grünes Licht am Horizont immer stärker wird. Nach einer Weile steht der ganze Himmel in „Flammen“. Das Licht bewegt sich wie Wellen, die seicht über den Strand rollen. In der Bewegung wechselt es die Farbe. Pink, Grün, Blau – alles mit dabei. Man denkt nicht, man nimmt einfach nur wahr. Irgendwo hinten im Kopf hat man auch eine Erklärung, wie dieses Phänomen zu Stande kommt. Aber das ist in dem Moment egal. Man staunt einfach nur, was sich gerade am Himmel abspielt.

Ich kann nicht anders, ich muss Mutti anrufen und es ihr erzählen. Sie lacht. Ein paar Tage später im Zug nach Göteborg erzählt ein Schwede, dass dies die stärksten Polarlichter seit 30 Jahren waren. „Zur richtigen Zeit am richtigen Ort“ bekommt eine völlig neue Bedeutung.

Von Göteborg geht es nach Malmö. Der Plan war, dort im Bahnhof zu schlafen. Doch daraus wird leider nichts, da er von Mitternacht bis 6 Uhr morgens geschlossen ist.
Die einfachste Lösung diese Zeit zu überbrücken, ist, natürlich, feiern gehen. Meinen Skianzug gebe ich an der Garderobe ab und tanze bis um 6 Uhr morgens, schlafe noch ein paar Stunden im Bahnhof und fahre dann mit der Fähre wieder zurück.

von Sandra Liebram und Marco Wagner

Foto: Senior Airman Joshua Stran/US Air Force