Vor ziemlich genau einhundert Jahren, am 28. Juni 1914, fiel in dem Attentat von Sarajewo wortwörtlich der Startschuss für den Ersten Weltkrieg, der für die Welt weitreichende Folgen hatte. Aber auch Greifswald blieb davon nicht verschont.

Dieses Jahr zeigt sich wieder einmal, dass nicht alle Jubiläen schön sein müssen: Im Sommer ist es genau 100 Jahre her, dass der Erste Weltkrieg, auch bekannt als „die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, losbrach. Damals erfüllte Kriegsbegeisterung einen Großteil der Bevölkerung, besonders die jungen Bildungsbürger, also auch viele Studenten, waren davon erfasst. Dies hatte auch für Greifswald schwerwiegende Folgen. Zwar besaß die Stadt 1914 weder Industrie noch einen bedeutenden Hafen, dennoch war selbst hier abseits von Großstädten und Frontlinien der Krieg indirekt spürbar.

August 1914: Noch sind Semesterferien an der Universität Greifswald, an der im letzten Sommersemester 1 456 Studenten in den vier Fakultäten eingeschrieben waren. Doch ist fraglich, ob diese Zahl im nächsten Oktober wieder erreicht werden wird. Denn das Deutsche Kaiserreich befand sich im Krieg. Und viele Studenten nahmen Urlaubssemester, melden sich freiwillig an die Front und reisten voller Euphorie nach Westen oder Osten. Teilweise waren es über 70% der angemeldeten Studierenden und auch die Zahl der rückgemeldeten oder neuangemeldeten Studenten nahm zum Wintersemester 1914 ab. 194, so eine Gefallenenliste von 1919, sollten nicht wieder aus dem Krieg zurückkehren.

Aber nicht nur Studenten, auch viele Dozenten wurden zum Heeresdienst einbezogen, so dass es teilweise zu Schwierigkeiten im Lehrbetrieb kam. Außerdem verlagerten die Professoren der theologischen Fakultät den gesamten Krieg über ihre Hauptarbeit vom Unterricht auf die Briefseelsorge. Dazu kam, dass die älteren Schüler der Greifswalder Schulen in die Jungkompanien eintraten, in denen sie für den Einsatz an der Front ausgebildet wurden.

Währenddessen gewannen Politik und Kirche in Greifswald immer mehr an Bedeutung. War die Bevölkerung vor 1914 noch überwiegend konservativ bis liberal eingestellt und das politische Geschehen ruhig und – aufgrund geringer sozialer Unterschiede innerhalb der Bevölkerung – konfliktarm gewesen, begann mit Kriegsausbruch ein Umschwung zum Patriotismus und Nationalismus. Damit verbunden war eine Hinwendung zur Kirche, insbesondere zur evangelischen, da diese als typisch deutsch angesehen wurde. Bis 1917 wurden deren Lehren immer stärker mit den Kriegsparolen und Kriegszielen vermischt. Die Kirchen in Greifswald hatten jedoch nicht nur die Aufgabe, die Menschen zum Durchhaltewillen zu bekräftigen, sondern sie sammelten auch Spenden für Frontsoldaten und Opfer des Krieges.
Wöchentlich gab es Gottesdienste, in denen für die Frontsoldaten, aber auch für einen Siegfrieden gebetet wurde.

Da die Stadt über keine bedeutende Industrie verfügte und im Seekrieg auf der Ostsee ebenfalls keine große Rolle spielte, blieben die Kämpfe in weiter Ferne. Dies wurde auch genutzt, um Greifswald zur Lazarettstadt zu machen. Mitglieder kirchlicher und nationalistischer Vereine halfen, die Kranken und Verwundeten in die Stadt zu bringen.
Vom Krieg unbeeinflusst blieb ein großes Prestigeprojekt der Stadt: der Neubau des Theaters und der Stadthalle. 1913 begonnen – etwa ein Jahr nachdem die alte Spielstätte abgebrannt war – wurde  der Gebäudekomplex 1915 fertiggestellt.

Ab 1917 verschlechterte sich die Versorgungslage auch in Greifswald.  Der „Steckrübenwinter“ erfasste die Stadt am Ryck. In diesem Winter waren die Kartoffeln, die bis dahin die Ernährungsgrundlage der Bevölkerung gebildet hatten, knapp geworden und wurden durch Steckrüben ersetzt, die zwar günstiger aber auch energieärmer sind.

Dennoch blieben die Streiks und Aufstände, die 1918 in vielen großen Städten aufflammten, hier aus. Obwohl auch die Greifswalder zunehmend kriegsmüder wurden, kamen Kriegsende und Revolution für sie überraschend. Die Menschen waren schockiert und fürchteten, die Unruhen könnten auch auf ihre Heimat übergreifen und die Hungernden sich zu Plünderungen hinreißen lassen. Dennoch ging die Revolution bis auf die Bildung eines Arbeiter- und Soldatenrates an der Stadt und dem Umland vorbei. Viele empfanden das Ende des Kaisertums und der Monarchie jedoch als verstörend, weil sich ein Großteil der Bevölkerung emotional an den Kaiser gebunden fühlten. Dass zugleich die bis dahin in Nord-Vorpommern unbedeutende SPD an Einfluss gewann, zeigt, dass eine der größten Folgen des Krieges eine politische Neu- und Umorientierung war.

von Juliane Stöver

Foto: Geoffrey Malins