Erst 1984 wurde das Denkmal für Pfarrer Wachsmann errichtet, der 1943 vom Volksgerichtshof unter dem Vorwand des „Defätismus“ und der „Wehrkraftzersetzung“ zum Tode verurteilt wurde. Ein Portrait eines katholischen Widerstandskämpfers gegen den Nationalsozialismus.

Auf halber Strecke zwischen der katholischen St. Josef Kirche und dem Audimax steht, etwas abseits der Rubenowstraße, ein schlichtes Denkmal, gewidmet einem „Streiter gegen Faschismus“. Hunderte Studenten dürften dieses Denkmal täglich passieren. „Pfarrer Dr. Alfons Maria Wachsmann“ und „Ermordet am 21. Februar 1944 im Zuchthaus Brandenburg“ steht da geschrieben. Genau siebzig Jahre ist das nun her. Wer war dieser Mann, dessen Name auch eine unweit gelegene Straße und ein Haus der katholischen Gemeinde trägt?

Alfons Maria Wachsmann kam im Januar 1929 nach Greifswald. Mit gerade einmal 33 Jahren übernahm er als Pfarrer die etwa 1 000 Mitglieder zählende katholische Gemeinde. 95 Prozent der Bevölkerung waren zu dieser Zeit protestantischer Konfession, trotz der zentralen Lage der Kirche in der Innenstadt führten die Katholiken ein abgeschottetes Dasein.

Verbindung von Theologie und Psychologie

Zuvor war Wachsmann in Berlin gewesen, hatte dort Weltoffenheit und den Diskurs mit verschiedensten Anschauungen zu schätzen gelernt und brachte so neue Ansätze für die Gemeindearbeit und Seelsorge mit. Er war belesen – seine Bibliothek umfasste rund 2 000 Bücher – und von aufgeschlossener, selbstironischer Lebendigkeit. Die Gemeinde wollte er aus der Isolation herausführen. Seine herzliche und einnehmende Art halfen ihm dabei, schnell war er in der Stadt gern gesehen. Namenhafte Theologen lud er zu Vorträgen in die Universität und in das Hotel „Preußenhof“ ein. Ab 1930 wurde der Kircheninnenraum modern gestaltet. Für katholische Studenten führte er außerdem die bis heute bestehenden „Mittwochabende“ ein, zu dem theologische und weltliche Themen diskutiert wurden. Neben seiner Arbeit als Pfarrer promovierte er 1935 an der Philosophischen Fakultät zum Thema: „Zur Einbettung des Religiösen in den Gesamtablauf des Seelischen“, das Religion und Psychologie verband. Dabei ging es ihm wohl kaum persönlich um den Doktorgrad, vielmehr wollte er sich in akademischen Kreisen als Gesprächspartner anbieten. „Pfarrer Wachsmann hatte begriffen: Seelsorge hat mit dem Leben zu tun. Das schloss für ihn ohne Frage Stadt und Universität mit ein“, so der heutige Pfarrer Frank Hoffmann.

Die Grauen der nationalsozialistischen Ideologie muss Pfarrer Wachsmann schon früh erkannt haben. Bereits 1931 predigte er: „Zitternd atmen wir in einer bis zur Siedehitze gesteigerten Atmosphäre völkischen Lebens […] und ohnmächtiges Entgegenstarren den düsteren Tagen einer schrecklichen Zukunft, heraufbeschworen von inneren Feinden, deren niemand habhaft werden kann.“ Er selbst hatte sich in jugendlicher Begeisterung 1914 als Kriegsfreiwilliger für den Ersten Weltkrieg gemeldet, wurde bald wegen eines Fußleidens wieder entlassen und schließlich ab 1916, als er bereits Theologie studierte, doch noch einmal eingezogen. Die Erfahrungen des Krieges hatten ihn zum Pazifisten werden lassen.

Politische Aktivitäten waren Alfons Wachsmann als Pfarrer verwehrt. Vielmehr drückte er seine Ablehnung im Kleinen aus. Er verweigerte den Hitlergruß, sagte stattdessen „Grüß Gott“. In seinem Umfeld kommentierte er die Gebaren der Nationalsozialisten oft spöttisch und erzählte Witze über Hitler. Er muss sich der Gefahren seines Handelns bewusst gewesen sein, denn gerade weil er eine angesehene Persönlichkeit in der Stadt war, waren diese Zeichen hochpolitisch.

Information als Verbrechen

Seit den dreißiger Jahren hörte Pfarrer Wachsmann sogenannte „Feindsender“, vor allem die Londoner BBC und „Radio Vatikan“. Den deutschen Nachrichten glaubte er nicht. Auch zu den „Mittwochabenden“ schaltete er häufig das Radio ein, wollte die Studenten zum Nachdenken und Zweifeln bewegen. Das Amt als Pfarrer hatte Wachsmann womöglich eine Zeit lang geschützt. Am 23. Juni 1943 aber wurde er in Zinnowitz verhaftet und nach einem Verhör in Greifswald über die Bahnhofstraße, vorbei an der Kirche, zum Bahnhof gebracht, von wo aus er nach Stettin ins Gestapogefängnis kam. Sein Erleben und sein Leiden während der Haftzeit schilderte er in 13 Briefen an seine Schwester Maria, die später mehrfach publiziert wurden.

„Wehrkraftzersetzung“ und „Defätismus“ waren schließlich dem Präsidenten des Volksgerichtshofes Roland Freisler Gründe genug, ihn am 4. Dezember 1943 zum Tode durch das Fallbeil zu verurteilen. Dahinter aber stand auch der Hass der Nationalsozialisten auf die katholische Kirche. Struktur und Glauben der Kirche ließen sich kaum mit der Ideologie des „Dritten Reiches“ vereinen, wenngleich das Verhältnis im Reichskonkordat zunächst geregelt war. Zahlreiche Geistliche beider Konfessionen wurden um 1943 zu KZ-Haft oder zum Tode verurteilt, unter anderem auch der ehemalige Greifswalder Kaplan Herbert Simoleit.
Die Haft- und Prozesskosten stellte man Wachsmanns Schwester mit 853 Reichsmark in Rechnung. Seine Leiche konnte 1951 auf dem Alten Friedhof in Greifswald beigesetzt werden. 1984 wurde er nochmals umgebettet und liegt nun neben „seiner“ Kirche. Auch das Denkmal stammt aus dem gleichen Jahr. Erst spät war die DDR bereit, Widerständlern  zu gedenken, die nicht dem eigenen Lager entstammten. Für die katholische Gemeinde bleibe er nicht nur als besonderer Seelsorger in Erinnerung, sagt Pfarrer Frank Hoffmann:„Pfarrer Wachsmann ist einer, der für seinen Glauben gestorben ist. Das nennen wir Märtyrer.“

von Anton Walsch

Foto: Anton Walsch