Bei der Flüchtlingsdebatte kommen viele Politiker und Pressevertreter zu Wort. Zeit, um etwas Platz zu schaffen für Menschen, die dichter an Flüchtlingen dran sind. moritz sprach mit Greifswalder Studenten, die ehrenamtlich in den Flüchtlingsheimen arbeiten und versuchen, den Menschen dort das Leben etwas einfacher zu gestalten.

Das Unglück von Lampedusa, bei dem Hunderte Menschen auf ihrer Flucht starben, erregte starkes öffentliches Interesse. Gesprochen wurde von einer notwendigen Verbesserung für die Menschen, die aus ihrem Heimatland fliehen mussten, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Der Präsident der Europäischen Kommission, José Manuel Barroso, bezeichnete die Katastrophe als einen Weckruf für Europa. Der sogenannte Weckruf verhallte jedoch schnell. Der ehemalige Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) erklärte kurze Zeit später, dass sich vorerst nichts an der Asylpolitik ändern werde. Für zahlreiche Flüchtlinge in unserem Land bedeutet dies: ein unsicheres Leben, keine Möglichkeit auf Arbeit, beengte Lebensverhältnisse, wenige Möglichkeiten die deutsche Sprache erlernen zu dürfen und vor allem zahlreiche Vorurteile innerhalb der deutschen Bevölkerung. Die Flüchtlinge werden oft als schmarotzendes Problem und nicht als Menschen mit traumatischen Schicksalen wahrgenommen. Doch es geht den Flüchtlingen längst nicht so gut, wie viele meinen.

Regenbogen – Deutsch für alle

In unserer Umgebung stehen Asylbewerberheime in Greifswald, Wolgast, Anklam und Torgelow. Die Eröffnung des Flüchtlingsheims in Greifswald vor circa zwei Jahren brachte den Stein für das Projekt „Regenbogen – Deutsch für alle“ ins Rollen. Um die Studierendenschaft zum sozialen Engagement aufzurufen und ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen, gründete und etablierte die damalige Referentin für Studierendenaustausch und ausländische Studierende des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA), Christin Weitzmann, das Projekt. Im Jahr 2013 trat dann die aktuelle Referentin, Madeleine Baumgart, in ihre Fußstapfen und übernahm die Koordination des Regenbogenprojektes, welches ein breites Arbeitsspektrum umfasst. „Wir geben Deutsch-Kurse auf verschiedenen Leistungsniveaus von der Alphabetisierung bis zum Konversationskurs, Hausaufgabenhilfe für die schulpflichtigen Kinder und Jugendlichen, und bieten auch Lebensberatung für die Erwachsenen und Spielstunden für die ganz Kleinen an“, so Madeleine, die selbst auch in einem der Heime unterrichtet. Das Regenbogenprojekt war gemeinsam mit dem AStA auch Initiator der im Dezember stattfandenen Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“. Hierbei wurden Geschenke für die Kinder und Jugendlichen von 0-25 Jahren in den Asylbewerberheimen gesammelt, verpackt und an Weihnachten verteilt.

„Durch unsere letzte Aktion ‚Weihnachten im Schuhkarton‘ konnten wir überregional aufmerksam machen auf die Notwendigkeit der Unterstützung und es haben sich mehr als 200 Geschenke bei uns eingefunden, sodass in allen Heimen in Greifswald, Wolgast und Anklam Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine kleine Freude bereitet werden konnte. Unsere fleißigen Helfer haben großes Engagement bewiesen“, erklärt Madeleine.

Hannes Hobbitz studiert Kommunikationswissenschaft und Amerikanistik/Anglistik im 5. Semester und ist seit Oktober 2013 im Regenbogenprojekt aktiv. Er gibt ehrenamtlich Deutschkurse im Flüchtlingsheim Wolgast. „Besonders am Projekt interessiert hat mich das Ehrenamtliche in Verbindung mit dem Nützlichen des Deutschunterrichts für all diejenigen, die keinen professionellen Unterricht wahrnehmen können.“  Er beschreibt wie wichtig ehrenamtliches Engagement ist: „Studentisches Engagement ist – denke ich – essentiell für eine Studentenstadt mit studentischer Kultur. Wenn nicht wir, wer dann? […] Die Flüchtlinge sind froh, dass sie ihre Zeit mit etwas Sinnvollem füllen können. Auch wenn die deutsche Sprache zuweilen etwas überfordernd wirkt, so bemühen sich die meisten und sind stolz, wenn sie etwas gelernt haben, dass sie in ihrem Alltag in Deutschland anwenden können.“

Die Angst als ständiger Begleiter

Da Flüchtlinge in Deutschland nicht arbeiten und sich nicht bundesweit frei bewegen dürfen, bleibt ihnen oft nur ein trister Alltag. Zudem müssen sie täglich damit rechnen, abgeschoben zu werden. Ein Asylverfahren kann über Jahre hinweg dauern. Die Menschen leben in ständiger Ungewissheit und oft wird ihnen in dieser Zeit ein Deutschkurs verwehrt, was nach außen das Vorurteil wachsen lässt, sie wollten die deutsche Sprache nicht lernen. Sie haben somit nicht nur mit erlebten Traumata und Angst zu kämpfen, sondern auch mit Intoleranz. Dies führt dazu, dass aus den ehrenamtlichen Helfern oft auch Seelentröster werden. „Die Flüchtlinge in den Heimen, die von 0 bis 65 Jahre alt sind, zumeist aber jedoch zwischen 20 und 30 Jahren, zeigen uns jedes Mal wieder, wenn wir sie treffen, wie wertvoll und wichtig unsere Arbeit für sie ist. Sie sind uns sehr dankbar für unsere Unterstützung. Es wird zum Tee trinken geladen und man lernt ihre Kulturen, ihre Sorgen und ihre Interessen kennen und verstehen“, so Madeleine.

Hannes erlebt seine Arbeit als positiv und bereichernd, auch wenn es nicht immer einfach ist: „Wenn man eine Sprache studiert, bekommt man ja schon ein sehr facettenreiches Bild, was alles dazugehört. Die eigene Sprache allerdings zu unterrichten und das ohne eine entsprechende Vorbereitung ist eine interessante Herausforderung. Besonders die Organisation des Unterrichts und die Tatsache, dass man bei Asylbewerbern aus verschiedenen Ländern keine einheitliche Unterrichtssprache hat, fordern einen an verschiedenen Fronten.“

Im Regenbogenprojekt sind aktuell 13 aktive Mitglieder tätig. Da ein Großteil von ihnen Studierende sind, ist die Dauer ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit meist zeitlich begrenzt. Madeleine hofft daher auf Nachwuchs, um bestehende Angebote halten und eventuell auch ausbauen zu können: „Da natürlich kaum ein Student ewig in Greifswald verweilt, werden immer wieder Plätze frei in unserem Projekt, sodass wir natürlich auf interessierten Nachwuchs angewiesen sind. Besonders in der vorlesungsfreien Zeit haben wir leider oft Engpässe bei regelmäßigen Kursen.“ Doch sind es vor allem die Deutschkurse, die den Flüchtlingen die Möglichkeit bieten ein Teil der Gesellschaft zu werden. Soziale Kontakte zu finden, stellt einen Asylbewerber ohne entsprechende Sprachkenntnisse vor eine fast unlösbare Aufgabe: „Die Sprache ist das höchste Gut, auf der unser gesamtes System in Deutschland beruht. Wer diese nicht beherrscht, ist klar im Nachteil, obgleich er manchmal an diesem Zustand kaum etwas ändern kann. Wie schwer es manchmal sein kann, in Deutschland zu leben, wissen nur wenige“, erzählt Madleine.

von Laura-Ann Schröder (Die Redakteurin arbeitet im Projekt „Regenbogen – Deutsch für alle“)

Foto: AStA Greifswald