Wer bedeutende Fundplätze der Archäologie sehen möchte, muss nicht bis an den Nil fahren. Auch an der Tollense bei Neubrandenburg lässt sich Einzigartiges entdecken. Seit fünf Jahren suchen dort Angehörige der Universität Greifswald nach den Spuren der Vergangenheit.

Wir schreiben das Jahr 1250 vor Christi Geburt. In einem sumpfigen Flusstal in dem Gebiet, das einmal Vorpommern heißen soll, begegnen sich zwei Menschengruppen. Bald hört man das Surren von Pfeilen und die dumpfen Hiebe von Holzkeulen auf Knochen. Schreie erfüllen die Luft.

Rund 3 300 Jahre später suchen erneut Menschen das Tal auf. Doch dieses Mal wird wohl jeder überleben. In den letzten Jahren gruben Forscher, Mitarbeiter und Praktikanten aus verschiedenen Ländern nach den Überresten dieses blutigen Konflikts aus der frühen Bronzezeit. Unter ihnen sind auch einige Professoren, wissenschaftliche Mitarbeiter und Studenten der Universität Greifswald. Und ihre Suche ist nicht erfolglos: Seit der Entdeckung der ersten Knochen 1996 durch die Hobbyarchäologen Ronald Borgwardt und seinen Vater Hans-Dietrich wurden in mehreren Grabungsperioden bereits zahlreiche Funde zu Tage gefördert, darunter fast ausschließlich menschliche Skelettreste, zum Teil mit Verletzungsspuren. Besonders die ehrenamtlichen Taucher, unter anderem vom Landesverband für Unterwasserarchäologie e.V., bringen immer wieder Spektakuläres an die Oberfläche. „Die Taucher finden jedes Jahr etwas Besonderes“, meint auch die Projektkoordinatorin Dr. Gundula Lidke von der Ur- und Frühgeschichte des Historischen Instituts der Universität Greifswald.

Wohl am aufsehenserregendsten war die Entdeckung zweier unscheinbarer Zinnringe. Diese Ringe stellen keine Schmuckgegenstände dar, sondern werden als Rohmaterial interpretiert, das für Handelszwecke in einer Art Barrenform vorliegt. Zinn war in dieser Zeit äußerst wertvoll und wurde zur Bronzeherstellung verwendet. Da es in Norddeutschland keine Zinnlagerstätten gab, musste das Metall aus England oder dem Erzgebirge importiert werden. Die gefundene Menge reichte für circa 600 Gramm Bronze, was in etwa zur Herstellung eines Schwertes benötigt wird. Für damalige Verhältnisse ein großer Reichtum. Außerdem existieren in ganz Europa vielleicht zwei oder drei vergleichbare Stücke. Überhaupt ist die gesamte Fundstätte, die sich aus einer Haupt- und mehreren Nebengrabungen zusammensetzt und sich über eine Länge von 2,5 Kilometer an der Tollense entlangzieht, in ihrer Art einmalig. Das liegt daran, dass weitere derartige Fundplätze aus dieser Zeit in Europa nicht überliefert sind. „Man fängt quasi bei Null an“, erklärt Jana Dräger, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Ur- und Frühgeschichte. Sie fasst damit die Probleme und Schwierigkeiten zusammen, die sich den Archäologen bei der Einordnung und Interpretation der Fundstätte stellen. Aber auch die Menge der Knochen, die von über 124 Menschen und vier bis fünf Pferden stammen, ist eine Besonderheit. Geschätzt kamen hier mehrere hundert, vielleicht sogar an die tausend Personen für einen Kampf zusammen. Davon zeugen die Verletzungsspuren an den Knochen und die Menge an Pfeilspitzen aus Bronze und Feuerstein sowie die Holzkeulen, die im Tal gefunden wurden. Man muss sich vergegenwärtigen, dass von einer Zeit gesprochen wird, in der die meisten Menschen in kleinen Gehöften und Dörfern mit oft weniger als hundert Bewohnern lebten, also ungefähr drei bis fünf Menschen pro Quadratkilometer. Es muss also ein bedeutendes Ereignis gewesen sein, das eine Auseinandersetzung dieser Größenordnung auslöste.

Krieger der Bronzezeit?

Ob es sich um eine große Schlacht gehandelt hat, oder um mehrere kleine Kämpfe, ist noch nicht geklärt. Auch der genaue Ort des Ereignisses ist unbekannt, da der Fluss die Knochen umgelagert hat. Dazu kommen noch die menschenverursachten Umlagerungen durch Baggereingriffe in den Fluss in den 1970er und 1980er Jahren, die die Fundschichtinterpretation erschweren. Doch zum Glück müssen sich die Forscher nicht ausschließlich auf Schichtdatierung, das heißt Altersbestimmung anhand der Lagerungstiefe, verlassen. Es gibt jede Menge weitere Datierungsmöglichkeiten, von denen auch einige bei den Ausgrabungen im Tollensetal Verwendung finden. Zum Beispiel die Radiokarbonmethode, die auf der Messung der Halbwertszeit von radioaktiven Kohlenstoffisotopen beruht, oder die Dendrochronologie, der Zählung von Baumjahresringen, die man zur Bestimmung des Alters der Pfosten einer Holzbrücke angewendet hat. Neben der Datierung werden die Knochen auf Geschlecht, Alter und Herkunft der Personen untersucht. Dabei helfen weitere Isotopenmessungen. Das Ergebnis: Die gefundenen Menschen waren überwiegend männlich und zwischen etwa 20 und 40 Jahre alt und damit im besten wehrfähigen Alter. Doch waren sie Angehörige einer Kriegerklasse, oder nur Bauern mit improvisierten Waffen? Ein weiteres Geheimnis, welches bisher nicht gelüftet werden konnte.

Finanzielle Förderung läuft bald aus

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Eine der vielen Pfeilspitzen, die im Tal gefunden wurden

Um dieses und andere Rätsel zu lösen, untersuchen Wissenschaftler unterschiedlicher Fachbereiche die Funde und die Fundstätte. Dazu gehören seit 2009 neben Archäologen und Geografen der Universität Greifswald auch Anthropologen vom Landesamt für Kultur- und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern sowie Wissenschaftler weiterer Universitäten und Forschungseinrichtungen. Die Geowissenschaftler rekonstruieren derzeit den Flussverlauf vor 3 300 Jahren sowie die Entstehung und damalige Ökologie des Tals. Sie erkannten, dass es sich damals um ein Sumpfgebiet gehandelt haben muss. Ansonsten wird bis auf die Auswertung der Knochenfunde nur wenig vor Ort geforscht, da sich die Grabung derzeit in ihrer Winterpause befindet und an einer ersten Publikation in Form eines zusammenfassenden Buches gearbeitet wird. Außerdem läuft im Juli die derzeitige Förderperiode der Deutschen Forschungsgemeinschaft aus, die das Grabungsprojekt seit 2010 finanziell unterstützt. Deshalb wird im Moment an einem neuen Antrag gearbeitet.
Um sowohl den Hergang der Kämpfe als auch das Leben der Menschen in der Bronzezeit besser nachvollziehen zu können, wurden 2013 einige neue Forschungsmethoden angewandt. So werden spezielle Foto- und Computerprogramme verwendet, die eine 3D-Rekonstruktion des Geländes erlauben. Dies verschafft den Archäologen einen besseren Überblick über die Gesamtlage.

Tödliche Macht von Stein und Bronze

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Viele Knochen zeigen Verletzungsspuren

Des Weiteren wurde der Experimentalarchäologe Harm Paulsen zu Rate gezogen, mit dessen Hilfe die Pfeile und Bögen der bronzezeitlichen Kämpfer nachgebaut und auf ihre Effizienz getestet wurden. Dazu wurde auf Schweinehälften geschossen und die Wirkung beobachtet. Es wurden in den letzten Jahren vermehrt Knochen mit Verletzungsspuren, die anscheinend von Pfeilen stammen, entdeckt.Darunter ein  Oberarmknochen, in dem noch eine komplette Feuersteinpfeilspitze steckt. Das Experiment diente zur Überprüfung des Aussehens von Pfeilschussverletzungen an Knochen. Ob man sich damals schon mit Defensivwaffen wie Schilden oder Rüstungen vor den tödlichen Waffen der Gegner zu schützen versuchte, ist nicht nachgewiesen, da im Tollensetal bislang keine solchen gefunden wurden. In anderen Regionen Europas jedoch sind derartige Funde von Schilden und Rüstungen aus dieser Zeit bekannt. Allerdings verwittern die möglicherweise verwendeten Materialien, vor allem Leder, ziemlich schnell. Alles Übrige aber – Knochen, Holz und Metall – bleiben in dem feuchten, sauren Milieu des Talbodens und unter Luftabschluss in den Torfschichten gut erhalten. Dies ist ein Grund für den hervorragenden Zustand und den Reichtum an Funden.

Die meisten Funde, vor allem die Knochen, werden in Schwerin ausgewertet, in Greifswald lagern nur vorübergehend einige der kleineren Gegenstände. Und auch diese werden nach der Bestimmung in die Landeshauptstadt gebracht, wo sie im Landesamt für Kultur- und Denkmalpflege gelagert werden. Allerdings gibt es in Mecklenburg-Vorpommern kein Archäologisches Landesmuseum, in dem die Fundstücke aus dem Tollensetal ausgestellt werden könnten. Doch ab Mitte dieses Jahres ist eine Vitrine im Neuen Museum in Berlin geplant, in der zumindest ein Teil der Öffentlichkeit präsentiert werden soll.

von Vincent Roth und Juliane Stöver

Fotos: Universitätspressestelle