Rezension

Dreckig und brutal – so ist das Leben im alten, wilden Westen wohl gewesen. Regisseur Quentin Tarantino zumindest nutzte diesen Hintergrund und sein Faible für das Blaxploitation-Genre der 70er Jahre, um 2012 einen epischen Western mit dem Titel „Django Unchained“ auf die Leinwand zu bringen. Eine gleichnamige, siebenteilige Comicreihe nahm sich das Originaldrehbuch Tarantinos zum Vorbild und wurde nun in einem Sammelband – man kann ihn seiner epischen Breite wegen durchaus Graphic Novel nennen – in gebundener Form herausgebracht.

Django, ein schwarzer Sklave in Amerika vor dem Bürgerkrieg, wird von einem Kopfgeldjäger, ehemals Zahnarzt, von seinen Ketten befreit. Der deutsche Dr. King Schultz braucht Djangos Hilfe, um eine steckbrieflich gesuchte Bande zu finden und verspricht ihm dafür die Freiheit. Nach einer winterlangen Kopfgeldjagd machen die beiden sich jedoch auf die Suche nach Djangos Frau, Broomhilda von Shaft. Die Liebenden wurden Monate zuvor von ihren alten Besitzern misshandelt, getrennt und an unterschiedliche Sklavenhändler verkauft. Von den klassischen Motivatoren – Liebe und Rachsucht – geleitet, kommt der nun freie Django Freeman mit seinem skurrilen Kompagnon Dr. Schultz über den dunklen, dreckigen Sumpf der Mandingo-Kämpfe zur Plantage Candyland, wo sie „Hildi“ finden. Soweit sei die Handlung verraten.

Für die Comicreihe sind der Autor Reginald Hudlin sowie fünf verschiedene Zeichner verantwortlich. Die Story ist sehr nah am sogenannten First Draft des Originaldrehbuchs angelehnt, was zum Vorteil hat, dass die im Nachhinein rausgeschnittenen oder abgeänderten Szenen hier noch in ihrer ursprünglichen Form vorhanden sind. Tarantino begrüßt im Vorwort diese inhaltliche Ausrichtung der Comics, denn aus Zeitgründen müsse er in seinen Filmen viel kürzen, „weil sie einfach zu besch… lang würden.“ Das verschafft den Lesern nicht nur ein paar Extrasequenzen, die im Film nicht zu sehen waren, sondern verbessert auch das Figurenverständnis, da uns hier zum Beispiel Broomhildas Leidensgeschichte detaillierter durch Rückblenden präsentiert wird.

Von den Zeichnern ist besonders der serbische Autor und Illustrator R.M. Guera hervorzuheben, der bereits mit der Comic-Reihe „Scalped“ von 2007 bis 2012 im Western-Genre herausstach. Auf seine Kappe gehen – zusammen mit Jason Latour – die Hefte #1, #2, #4 und #7. Die dunkle, markante Federführung bei den Gesichtern sowie die harten Kontraste greifen perfekt Tarantinos Stil einer blutigen und expressiven Bildsprache auf. Man merkt, wie Gueras düstere Zeichnungen der Brutalität des Stoffes gerecht werden, wenn man auf ein muskelverzerrtes Gesicht blickt, in dem sich dünne Fäden zwischen den klobigen, weißen Zähnen bei einem Schrei verziehen.

Durchschossene Schädel, abgeschlachtete Körper – der Stoff wird von Guera und Latour mit einer gewissen Splatter- und Exploitation-Optik in seiner brutalen Direktheit gezeigt. Exploitation-Filme sind sogenannte B- oder schon C-Movies, die mit sehr expliziten Gewalt- und Sexdarstellungen aufwarten, zum einen (natürlich) des Unterhaltungswerts wegen, aber auch, um extreme Seiten in Problemmilieus aufzuzeigen. Der Zeichenstil ist durchaus komplex und genauso gnadenlos wie die Menschen in der Geschichte.

Die Zeichnungen der restlichen Hefte sind geringfügig anders. Die dezenten Differenzen zwischen den fünf Zeichnern stören dabei nicht den Rezeptionsfluss, sondern schaffen eine angenehme Abwechslung. Allerdings, das muss man zugeben, heben die Illustrationen Gueras im Vergleich dessen Talent nur noch mehr hervor. Heft #5 von Danijel Zezelj zum Beispiel bedient sich einer großflächigen, verschwommenen Visualisierung, was den Gesichtern bisweilen eine steckbriefartige Optik verleiht. Dieser Stil hat seine Vorteile, verwischt das brutale Äußere aber zu sehr, um Tarantinos unbarmherziger Welt gerecht zu werden. Aber das kann man als Korinthenkackerei abtun, denn schließlich ist der Band im Ganzen definitiv ein visueller Genuss.

Einen Punkt Abzug gibt es lediglich für die dramaturgisch etwas unterbesetzte, finale Schlachtszenerie. Was sich im Film auf geschätzte 20 Minuten ausbreitet, wird hier auf nur vier Seiten platziert. Obwohl die Comics inhaltlich sehr stark am Skript angelehnt sind, heben sich die düsteren Zeichnungen und die eigenständige Bildgebung gut vom Film ab. Wer die bewegten Bilder schon gesehen hat, kann hier also durchaus mit einem Mehrwert rechnen.

Wem der Vergleich mit anderen Werken hilft, dem sei Folgender nahe gelegt: die Comic-Reihe „Django Unchained“ ist so schmutzig wie die Welt von Spider Jerusalem („Transmetropolitan“), so explizit wie ein Exploitationfilm und so brutal, aber stilistisch gesehen nicht so absurd und abgedreht, wie die Lobo-Comics. Fazit: mehr dreckige Comics!

von Stepahnie Napp

Foto: ©Vertigo  Verlag