Forschung benötigt neben fachlichem Können, Zeit und Geld vor allem eines – viel Material. Damit dieses nicht immer teuer eingekauft und repariert werden muss, gibt es die Wissenschaftlichen Werkstätten am Neuen Campus.

Jeder, der schon mal am Institut für Physik auf dem Neuen Campus mit dem Fahrrad vorbeigefahren ist, hat den kubischen Bau mit der dunklen Klinkerfassade bemerkt. Wenn man durch die Fenster schaut, erblickt man eine Ansammlung größerer und kleinerer Maschinen, deren Funktion sich wohl nicht jedem gleich erschließen lässt. So drehen sich etwa mit Wasser gekühlte große Bohrköpfe hinter einer Zentimeter dicken Glasscheibe und fräsen ein bestimmtes Muster millimetergenau ins Metall. Daneben werden Löcher gebohrt, sodass sich eine feine Schicht Metallstaub über die Arbeitsfläche verteilt. An anderen Arbeitsplätzen befinden sich Drehbänke, Glasschneider und Tischbrenner mit deren Hilfe Reagenzgläser oder Kolben hergestellt werden. Ein kleines Schild am Eingang verrät, dass sich hier die Wissenschaftlichen Werkstätten der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät befinden. Seit mittlerweile nun mehr als fünf Jahren sind sie an dieser Stelle lokalisiert.

Besser selbst entwickelt als teuer eingekauft

Im Forschung- und Unterrichtsbetrieb von naturwissenschaftlichen Instituten ist das technische „Know-How“ einer Werkstatt bei der Lösung auftretender experimentell-technischer Probleme mittlerweile unverzichtbar geworden. Denn nur in dieser können spezielle Geräte hergestellt werden, die für die Entwicklung und Einführung neuer Methoden und Verfahrensweisen bei naturwissenschaftlichen Experimenten benötigt werden. Sonderanfertigungen, sowie auch Umbauten und Verbesserungen von industriell gefertigten Geräten können zudem nur in individueller Herstellung erfolgen. Aber auch Kleinteile, die fertig gekauft unnötig viel Geld kosten würden, können hier kostengünstig produziert werden. Vor allem die Physik nimmt dieses Leistungsangebot der Wissenschaftlichen Werkstätten häufig in Anspruch, aber auch die Mitglieder der Pharmazie, Biochemie, Mikrobiologie, Geologie und Geografie greifen regelmäßig auf das Angebot zurück. Die Medizin verfügt als separate Fakultät über eine eigene kleine Werkstatt.

Wird etwa einmal eine UV-Kammer benötigt, oder soll eine defekte Vakuumpumpe rasch repariert werden, so können sich die Leiter der Forschungsgruppen direkt an die Werkstätten wenden, um schnelle Hilfe zu erhalten. Denn vor allem für Abschlussarbeiten von Doktoranden und Master- beziehungsweise Bachlorstudenten werden oft viele und teilweise spezielle Geräte inklusive Zubehör benötigt. Bei materialintensiveren Aufträgen werden die Kosten dann direkt über die jeweilige Arbeitsgruppe abgerechnet, ansonsten erfolgt eine Abrechnung in der Regel über die Fakultät. Manchmal kommen die Werkstätten aber auch durch ein wenig Glück kostenlos an Material. Ein Beispiel dafür sind einige alte Metallschränke aus der alten Botanik, die ursprünglich nach deren Umzug teuer verschrottet werden sollten. Nun dienen die Aluminiumteile als Rohstoff für Metallarbeiten. Die Montage, beziehungsweise Reparatur nach den gewünschten Vorgaben erfolgt anschließend in den Werkstätten. „Pro Tag gehen hier etwa drei bis zehn Aufträge ein. Die meisten werden innerhalb weniger Tage erledigt. Manche hingegen werden mit den Wissenschaftlern über mehrere Monate zusammen erarbeitet“, erklärt Werkstattleiter Gerhard Schulz. Passenderweise klingelte kurz nach dieser Aussage sein Telefon und ein neuer Auftrag stand an.

Ein Zentraler Ort mit modernster Technik

Die Grundsteinlegung für den Neubau erfolgte im Juni 2008 und bereits nach 14 Monaten waren die Arbeiten früher als geplant erfolgreich beendet. Die gesamten Baukosten beliefen sich auf rund 1,72 Millionen Euro. Der Betrieb für Bau und Liegenschaften Mecklenburg-Vorpommern (bbl-mv) beauftragte  überwiegend regionale Firmen mit den Bauarbeiten an den Werkstätten. Das zweigeschossige Werkstattgebäude vereinigt die bis dahin über das gesamte Stadtgebiet verteilten Werkstätten der Universität an einem Ort. So gibt es in den drei Teilwerkstätten nun Räume für Feinmechanik und Optik, Labormechanik und Computerized Numerical Control-Maschinen zur Metallverarbeitung und sogar eine eigene Glasbläserei. Alles ist in einem Gebäude konzentriert und miteinander verknüpft. Dazu kommt eine gemütliche Teeküche. „Der Umzug war nicht leicht zu bewältigen, da die gesamten Geräte der einzelnen Werkstätten hier her transportiert werden mussten“, erinnert sich Schulz, der selbst an den Plänen und der Umsetzung mitgearbeitet hat. „Heute brauchen wir zum Glück nicht mehr von einem zum andren Ende der Stadt zu fahren, um die gewünschten Arbeiten durchzuführen. Die Wege, die die Mitarbeiter allein auf dem Neuen Campus pro Tag zurücklegen müssen, sind bereits lang genug.“

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Ein typischer Arbeitsraum in den wissenschaftlichen Werkstätten am Neuen Campus.

Auch einen modernen 3D-Drucker kann die Werkstatt seit letztem Jahr ihr Eigen nennen, mit dem es möglich ist komplette Laborgeräte, wie Durchflusskammern, Stechrahmen, oder Verschlussrahmen herzustellen. Dazu wird mit einer speziellen Software am Computer ein detailgetreues dreidimensionales Bild des gewünschten Produktes erstellt. Der Drucker lagert dann einen bestimmten Kunststoff Schicht für Schicht übereinander, bis das Produkt fertiggestellt ist. Spezielle Anpassungen für Geräte würden beim Hersteller hunderte Euro kosten, während sich der Preis auf diese Weise lediglich aus den Materialkosten für den 3D-Drucker ergibt. Gerade in Zeiten, wo die Haushaltsgelder und Forschungsmittel knapp bemessen sind, sind die Wissenschaftlichen Werkstätten deswegen eine gern genutzte Alternative. Zumal so Fehler und Ungenauigkeiten, die bei eingekauften Teilen oft auftreten, vermieden werden können. Aber auch ältere Gerätschaften verrichten nach wie vor zuverlässig ihre Dienste. Die älteste Maschine stammt noch aus den 1950ern. Sie wird heutzutage immer noch verwendet.

Zukunft auf dem Spiel?

Personell bestehen die Werkstätten momentan aus sieben Mitarbeitern – fünf Feinmechanikern und zwei Glasbläsern – und zusätzlich zwei Auszubildenden. Des Weiteren arbeiten zur Zeit auch noch fünf Labormechaniker aus dem Institut für Physik hier, so wie ein Auszubildender im Bereich Mechatronik. Dieser wird allerdings nicht in den Werkstätten, sondern im Max-Planck-Institut für Plasmaphysik angelernt. Doch auch vor einer so innovativen Einrichtung wie den wissenschaftlichen Werkstätten machen die Sparmaßnahmen im Bildungssektor keinen Halt. So wird es in Zukunft voraussichtlich keine weiteren Ausbildungsmöglichkeiten mehr geben. Dies ist besonders prekär, da viele der jetzigen Mitarbeiter vor der Altersrente stehen beziehungsweise bereits freiwillig länger arbeiten. Drei Stellen sind bereits bei dem Umzug im Jahre 2009 weggefallen. „Dies  wäre nicht nur ein Schaden für die Universität, sondern für die gesamte Region“, gibt Schulz zu bedenken. Die Werkstätten hätten auch „eine überregionale Bedeutung“. Ein weiterer Betriebsablauf, wie er in seiner jetzigen Form besteht, wäre dann für die Zukunft äußerst fraglich. Eine logische Konsequenz davon wäre, dass es in der Forschung und Ausbildung zu Qualitätsabstrichen und längeren Wartezeiten kommen würde, beziehungsweise nur noch wenige Projekte der Fakultät von dem Leistungsangebot der Wissenschaftlichen Werkstätten profitieren könnten. Wenn an diesen Stellen nun weiter gespart wird, könne es in der Zukunft wieder sehr teuer für die Forschung an den Instituten werden.

von Tom Peterson und Juliane Stöver

Fotos: Tom Peterson