Die Universität Rostock möchte Edward Snowden den Ehrendoktor verleihen, da er die Abhörpraktiken der National Security Agency und damit wertvolle Informationen veröffentlichte. Der im November 2013 gestellte Antrag sorgt auch in Greifswald für Wirbel.

Kommentare

Dr. h. c. Edward Snowden – gefällt mir.

Selbstverständlich wäre die Verleihung der Ehrendoktorwürde an den Whistleblower nur ein symbolischer Akt, nichtsdestotrotz ist es vielleicht genau die Wertschätzung, die ihm zusteht. „Ehre, wem Ehre gebührt“, heißt es so schön, und abseits der Phrase müssen wir uns wirklich fragen, ob uns die Debatte um die Enthüllungen über die Massenüberwachung langsam überdrüssig wird oder ob wir ihr den Wert beimessen, der ihr zusteht.

Aus Sicht eines Datenschützers, einer Privatperson, die in Freiheit leben möchte, ohne abgehört zu werden, – aus meiner Sicht erübrigt sich die Frage. Natürlich bin ich für die Verleihung des Titels an Snowden. Ich gehe davon aus, dass wir als Gesellschaft dieses Zeichen brauchen, um uns fortwährend daran zu erinnern, welchen Beitrag Snowden geleistet und welchen Mut er aufgebracht hat, um der ganzen Welt die alltägliche Überwachung greifbarer zu machen. Wir brauchen mehr solcher Personen, die hinter den neutral wirkenden Daten auch die Metaebene des Gebrauchs eben jener Daten philosophisch und moralisch betrachten und nach ihrem Gewissen handeln. Die Ehrung Snowdens und damit abstrakt auch des Whistleblowings – also des Veröffentlichens von Missständen, die geheim gehalten werden sollen – halte ich für einen Schritt in die richtige Richtung, selbst wenn dieser politisch motiviert ist.

Obwohl Snowden eine Methodik bei seiner Sammlung und Kommentierung der Daten verwendet hat, mag es sein, dass die Verleihung des Titels im engeren Sinne der Wissenschaftlichkeit nicht standhält. Ich plädiere jedoch für einen erweiterten Wissenschaftsbegriff, in den die Aufklärung im besonderen Maße hineinspielt: „Wissenschaft ist was Wissen schafft!“ Und wer dieses relevante Wissen der Öffentlichkeit zugänglich macht, ist für mich ein Held der Aufklärung. Dieser Akt sollte meiner Meinung nach gewürdigt werden, und für eine universitäre Bildungseinrichtung gibt es diese Möglichkeit.

Die philosophische Fakultät in Rostock ist deutschlandweit die einzige in einem ehemaligen Stasi-Gebäude untergebrachte Fakultät. Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit liegen in der Frage nach Überwachung, dem Rechtsstaat und dem Totalitarismus. Allein deswegen ist Rostock prädestiniert dafür, die Zivilcourage Snowdens durch die Veröffentlichung der Geheimpapiere zu honorieren.
Durch seinen zivilen Ungehorsam hat er nicht nur die Interessen der Bevölkerung verteidigt, sondern auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern einen großen Dienst erwiesen, indem er ihnen neue Forschungsfelder eröffnet. Was ich als besonders wichtig erachte, ist zudem die zunehmende Politisierung der Studierendenschaft und die wieder aufkommende philosophische Frage nach Ethik und Moral in Technik und Wissenschaft, die damit einhergeht. In diesem Sinne verstehe ich wissenschaftliches Handeln. Sein außergewöhnliches gesellschaftliches Engagement rechtfertigt die Verleihung des Titels für mich allemal.

von Jonathan Dehn

Edward Snowden ist ein Verbrecher

Eine Ehrendoktorwürde kann einem Menschen aufgrund großer wissenschaftlicher Leistungen, aber auch aus anderen, zum Beispiel politischen Gründen, verliehen werden. Dadurch kann auch Snowden für seine Aufklärung der Spionageprogramme der National Security Agency (NSA) ausgezeichnet werden. Für die Aufklärung hat er eigene Verluste riskiert und befindet sich nun auf der Flucht. Nichtsdestotrotz ist Snowden nach Ansicht der USA ein Verbrecher, dem im Falle eines Schuldspruchs bis zu 30 Jahre Gefängnis drohen. Wegen Diebstahls und Spionage durch die unbefugte Weitergabe von Geheimdienstinformationen und die Verbreitung der geheimdienstlichen Kommunikationsüberwachung gilt er rechtlich in den USA als Verräter. Hohe Strafen auf Landesverrat bestehen auch in anderen Ländern, wie Deutschland und Russland, wo sich Snowden derzeit aufhält. Die Höhe der drohenden Strafe zeigt, dass es sich bei Snowdens Vergehen keinesfalls um ein Kavaliersdelikt handelt. Einem solchen Menschen will die Universität Rostock die Ehrendoktorwürde verleihen, um sein verantwortungsvolles Handeln zur Aufklärung der Spionage zu würdigen. Damit tut sie sich aus diplomatischer Sicht keinen Gefallen, denn die Polizei müsste Snowden festnehmen, wenn er deutschen Boden beträte. Eine Abschiebung würde unweigerlich folgen, da ihm nicht die Todesstrafe droht.

Strafrechtlich ist die Sache eindeutig: Snowden hat gegen Gesetze verstoßen. Moralisch kann sein Verhalten aber durchaus richtig sein, weil er das erschreckende Ausmaß der US-Spionage-Tätigkeiten darlegte. Moral und Strafrecht sind jedoch zu unterscheiden. Das gilt auch für den Rücktritt von Ex-Innenminister Friedrich sowie des Ex-Abgeordneten Edathy. Friedrich wird der unerlaubten Weitergabe von Ermittlungsergebnissen beschuldigt – dafür aber gelobt, auch weil er es wieder tun würde. Sein Verhalten wird als moralisch richtig gewertet, strafrechtlich aber nicht. Umgekehrt wirken die Vorwürfe an Edathy, dass er Bildmaterial mit nackten Kindern bestellt haben soll, moralisch sehr negativ, strafrechtlich ist die Sache nicht eindeutig. Allgemein gilt im Strafrecht die Unschuldsvermutung bis zur Verurteilung. Eine moralische Verurteilung wiegt deshalb schwerer, weil hier eine Unschuldsvermutung kaum greift. Emotionen spielen hier für die Werturteile eine große Rolle, im Strafrecht hingegen kaum.

Aufgabe der Geheimdienste ist es, einen einzelnen Staat und seine Organe in seiner Existenz zu schützen. Damit dienen Geheimdienste wie in Deutschland der Bundesnachrichtendienst auch dem Schutz der Bevölkerung. Es ist normal, dass Geheimdienste im Dunkeln agieren und ihre Aktivitäten nicht offen legen wollen. Dagegen hat Snowdon verstoßen. Vielmehr könnte er auch Menschenleben gefährdet haben, denn Geheimdienste können mögliche Anschläge verhindert und damit wesentlich mehr Menschenleben gerettet haben. Letztendlich ist Snowden ein Straftäter im rechtlichen Sinne und einem Straftäter sollte keine Ehrendoktorwürde zu Teil werden.

von David Vössing