Seit 1970 ist der Professor für Mittelalterliche Geschichte und Hansegeschichte Horst Wernicke bereits am Historischen Institut. In Greifswald wurde er geboren; er studierte, promovierte und habilitierte hier. Mit seinen nun 40 Dienstjahren prägte er fast ein Viertel der Geschichte des 151 Jahre alten Historischen Instituts.

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Nicht auf das Fotos passten leider die zahlreichen Segelschiffsmodelle auf Professor Wernickes Bücherregal.

Hühner müssen vor dem Historischen Institut in der Domstraße gescharrt haben, als Horst Wernicke 1970 hier sein Lehramtsstudium in Greifswald begann. Sie gehörten dem Hausmeister, der damals im heutigen Akademischen Auslandsamt wohnte. Er war es auch, der die Gebäude der Universität mit der schwefelhaltigen Braunkohle aus der Lausitz zu heizen hatte, was einen latenten Geruch von faulen Eiern zur Folge verursachte. Horst Wernicke, 1951 in Greifswald geboren, hatte da bereits eine vierjährige Ausbildung als Betonwerker hinter sich. Sein Wusch, in Leipzig zu studieren, ließ sich nicht erfüllen. Nun belegte er mit 32 Kommilitonen neben seinen Fächern Geschichte und Geographie auch Russisch, Marxismus-Leninismus und Sport. Seminare prägten den eher verschulten Studienalltag. Exkursionen und Archivbesuche kamen dazu. Allerdings gehörten auch eine sechswöchige Militärausbildung für die männlichen Studenten und Ernteeinsätze dazu. Lerngruppen schufen Zusammenhalt und gegenseitigen Ansporn, aber gemeinsame Abende und Feiern bei seinen Kommilitonen im alten Wohnheim „Fleischerwiese“ gehörten ebenso in diese Jahre.

„Die DDR war der Staat, in dem ich aufgewachsen bin“, sagt Horst Wernicke heute. Das System habe er durchaus befürwortet, zudem hatte man in Greifswald keinen Westempfang.  Aus seiner Zeit im Betonwerk habe er jedoch ebenso die Mängel der Planwirtschaft gekannt. Auch sei sein Vater mehrfach aus politischen Gründen strafversetzt worden.
In einem vierwöchigen Praktikum stellte Wernicke dann fest, dass Lehrer doch nicht sein Beruf werden sollte. Der damalige Institutsleiter Professor Johannes Schildhauer schlug ihm deshalb eine akademische Karriere vor, denn wissenschaftlicher Nachwuchs fehlte. In den Plänen der Volksrepublik war Wernicke da allerdings bereits als Lehrer vorgesehen, die Planstellen mussten extra geändert werden. Für Wernicke ist das Studium „Quelle guter Erinnerung und Verbundenheit“  –  man trifft sich noch alle paar Jahre. Schließlich wurde er mit dem Abschluss 1974 wissenschaftlicher Mitarbeiter, bald darauf trat er der „Forschungsgruppe Ostseegeschichte“ bei.

Manche Verbiegung war nötig

Zu  Wernickes Arbeit am Institut gehörten nun auch Bibliotheksaufsicht und „Subotnik“-Einsätze, bei denen Professoren wie Mitarbeiter um Arbeitsstunden wetteiferten. So wurde auch der Klubkeller, heute die Tschaika, renoviert. Der obligatorische Wehrdienst stellte ihn vor die Wahl „im Schlamm zu kriechen“ oder eine Offiziersausbildung zu durchlaufen und er entschied sich für letzteres. Es sei damals eben „so manches Verbiegen nötig“ gewesen, um eine akademische Laufbahn einzuschlagen.

Bedingung für eine Lehrerlaubnis war außerdem ein Auslandsaufenthalt in einem „sozialistischen Bruderstaat“. Doch Wernickes Wunsch, nach Riga, Tallin oder Moskau zu gehen, blieb unbeachtet: Man schickte ihn 1980 nach Leningrad. Keine neun Tage hatte er es da ausgehalten: Widrige Lebensumstände, Bettwanzen und eine nicht gerade freundliche Atmosphäre ließen ihn so bald wie möglich wieder abreisen.
Folgenlos sollte dies nicht bleiben: Man versetzte ihn als Wohnheimsleiter in die Makarenkostraße. Und doch haben ihn dabei wohlmeinende Kollegen und der Mangel an wissenschaftlichen Nachwuchs geschützt; auch in die Produktion oder die Nationale Volksarmee hätte man ihn schicken können. So jedoch konnte er weiterhin einen Tag in der Woche am Institut arbeiten und drei Jahre später dorthin zurückkehren. Im Nachhinein „möchte ich die Erfahrung in der Verwaltung nicht missen, sie war mir dann als Institutsleiter von Nutzen“, blickt Wernicke zurück. Den Auslandsaufenthalt selbst konnte er später bei den Ausgrabungen in Nowgorod, diesmal mit annehmbarem Verhältnissen und großem Eigeninteresse, nachholen.

Nach seiner Habilitation, die sich mit der Städtehanse befasste, wurde er 1986 zunächst Hochschuldozent. Zunehmend traten die Missstände der DDR zu Tage, erst nach langem Ringen habe die sechsköpfige Familie eine Vierraumwohnung beziehen können.

Frischer Wind am Institut

Mit der Wende schließlich kamen nicht nur ein erster Kopierer in das Historische Institut, sondern auch ein frischer Wind. Horst Wernicke übernahm 1992 den Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte und Hansegeschichte; war bald darauf Mitglied des ersten Fakultätsrats, des neuen Senats, verschiedener Kommissionen und Institutsleiter. Viele der alten Kollegen musste er nun verabschieden. Gleichzeitig war eine Neustrukturierung von Lehre und Studium nötig – die meisten Professuren wurden neu besetzt.

Noch bevor die neugestaltete Ausbildung an Fahrt aufnehmen konnte, wurde der Bologna-Prozess beschlossen. Seine heutige Form nennt Wernicke „einen halbherzigen Magister-light“. Die verschulte Struktur störe ihn dabei nicht, aber dann müsse auch die Lehre entsprechend gestaltet werden. „Was der Bachelor nicht lernt, lernt der Master nimmermehr“ ist sein Resümee. Für die Lehrenden sei es natürlich angenehm, Vorlesungen zu wechselnden Themen halten zu können, aber drei Jahre seien dafür viel zu kurz. Sein persönliches Ideal eines Überblicksstudiums hat Wernicke schon länger aufgegeben.

Die besondere Ausrichtung der Hanseforschung wird mit Professor Wernickes Pensionierung 2017 wohl der Geschichte des Instituts angehören. Dass seit Jahren an den Universitäten des Landes eingespart wird, sieht er als ein Armutszeugnis. Drittmittel-Stellen, Lehrbeauftragte und Gutwillige würden bereits jetzt die Lehre sichern – „und wir machen mit!“ Darin, dass offensichtliche Probleme nicht angegangen, sondern kaschiert werden, lasse sich manche Parallele zur Mentalität vor 40 Jahren erkennen, meint Wernicke. Genauso vermisse er aber auch die Neugierde der Studenten. „Wenn eine Studentin aus der mündlichen Prüfung mit der Note Vier geht und ‘Hurra‘ ruft, frage ich mich, wo da der Leistungswille bleibt.“