Immer weniger Studenten studieren an der Universität Greifswald. Gerade die Zahlen der Lehramtsstudenten gehen rapide zurück. Viele Hochschulpolitiker sehen den Grund in der fehlenden Möglichkeit, Fächer zu kombinieren. Der Ruf nach der Wiedereinführung der mathematisch-naturwissenschaftlichen Lehramtsfächer wird immer lauter.

Wenn man in Greifswald Lehramt studieren möchte, hat man nur eine geringe Auswahl an Fächerkombinationen. Dabei müssen die angehenden Lehrer des Gymnasiums zwei und die der Regionalschulen drei Fächer studieren. Diese Fächermöglichkeiten beschränken sich vor allem auf die Philosophische Fakultät. Zu den beliebtesten Fächer zählen neben Anglistik/Amerikanistik und Germanistik auch Geschichte und Geographie.
Seit geraumer Zeit gehen die Studierendenzahlen des Lehramtsstudiums zurück. Nur noch die Hälfte der freien Plätze wird belegt. Viele Hochschulpolitiker glauben, dies liege an der zu geringen Möglichkeit der Fächerkombination; sie wollen die Wiedereinführung der MINT-Fächer. Hierzu zählt die Lehramtsausbildung in der Mathematik, der Informatik, den Naturwissenschaften und der Technik. Vor einigen Jahren gab es in Greifswald die Möglichkeit, diese Fächer auf Lehramt zu studieren. Jedoch mussten bei Strukturentscheidungen immer mehr Stellen im Lehramt für die MINT-Fächer gestrichen werden.

100 Stellen gestrichen

Schon 1996 kam es zu den ersten großen Streichungen an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät. Damals wurde bei 20 Stellen der Rotstift angesetzt. Die nächste Streichung fand 2004 statt und sorgte dafür, dass 80 Stellen gestrichen wurden. Gleichzeitig schrieb die Fakultät einige Stellen um; so wurde aus der Didaktik der Chemie die Stelle Umweltethik gemacht. Die Ausstattungen für die Praktika wurden an Schulen verschenkt. Danach bestand nicht mehr die Möglichkeit für die Studenten das Lehramtsstudium an dieser Fakultät – mit Ausnahme der Geographie – zu machen.

Erst am 1. August 2011 trat dann das Lehrerbildungsgesetz in Kraft, in dem das Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur die MINT-Fächer in Greifswald endgültig abschaffte. In der Zielvereinbarung handelte die Universität mit dem Ministerium aus, welche Fächer in Greifswald angeboten werden und auch mit welcher Kapazität. „Das ist eine Entscheidung, die weitgehend vom Land getroffen wird“, meint die Rektorin der Universität Greifswald, Professor Johanna Eleonore Weber.  Der Vorschlag sei aber von der Universitätsleitung gekommen, sagt Henning Lipski, Pressesprecher des Ministeriums und führt weiter aus: „Das Bildungsministerium hat nicht widersprochen“.

Wollen sie oder wollen sie nicht?

Die Vereinbarung stellt sicher, dass sich nur noch 150 Lehramtsstudenten für Gymnasium in einem Semester in Greifswald einschreiben können. Das gleiche gilt auch für die Regionalschulen. Rund 300 Studenten könnten somit das Lehramtsstudium in einem Semester beginnen. Die aktuellen Zahlen zeigen aber, dass dies gerade einmal 160 Studenten tun.

Nach Aussage des Bildungsministeriums sei es das Recht der Universität, die ersten Schritte für die Wiedereinrichtung der MINT-Fächer zu übernehmen. Erst müsse sie mit einem guten Vorschlag kommen, damit das Land diesen prüfen kann. In der Vergangenheit habe die Leitung der Universität keine Inititative übernommen und auch nicht das Interesse daran gezeigt, die Fächer wieder einzuführen. Jedoch wäre das Bildungsministerium bereit konstruktive Ergebnisse zu prüfen, wenn diese vorliegen würden.

Auch die Rektorin der Universität Greifswald steht der Wiedereinführung der MINT-Fächer fürs Lehramt positiv entgegen. Jedoch sollen erstmal Informationen über Vergleichsorte, wie zum Beispiel Rostock, eingeholt werden. Es müsse geklärt werden, ob die Nachfrage in anderen Städten auch gesunken oder ob es ein für Greifswald spezifischer Faktor sei. Schon im Vorfeld aber habe sich der Minister klar dagegen  ausgesprochen, die MINT-Fächer in Greifswald wieder zu eröffnen.

Neben der Universitätsleitung und dem Ministerium spricht sich auch der Dekan der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät, Professor Klaus Fesser, nicht gegen die Lehramtsausbildung in den MINT-Fächern aus. Jedoch steht er dem Projekt skeptisch gegenüber. Man könne die Lehramtsstudenten nicht in Bachelor-Veranstaltungen stecken. Neben den Lehrveranstaltungen benötigen die Lehrämtler auch andere Praktika als die Bachelor- und Masterstudenten. Zusätzlich müssten neue Didaktikseminare angeboten werden. Gerade mit den finanziellen Problemen, die die Universität gerade hat, müssen man Prioritäten setzen. Als es die Lehramtsausbildung der MINT-Fächer noch gab, haben höchstens zehn Prozent der Studenten an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät auf Lehramt studiert. Ebenfalls gingen die Lehramtsstudenten später nicht in Forschungslaufbahn, da sie zu wenig Fachkenntnisse besäßen, so Fesser. Sie seien somit für das Institut eher uninteressant, da sich dieses in internationaler Konkurrenz befindet.

Über eine Million Euro Mehrkosten

Im Herbst 2013 gab es die Anfrage des Dekanats der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät, wie viele Stellen nötig wären um die Lehramtsausbildung wieder zu ermöglichen: Man bräuchte rund 25 neue Stellen, wobei eine Stelle im Jahr rund 50 000 Euro kosten würde. Die Universität müsste somit rund 1,25 Millionen Euro extra aufbringen. Gerade mit einem geringen Haushalt sind die Mehrkosten schwer einzusparen oder zu erhalten. Die Universitätsleitung möchte nun die Institute mit ins Boot holen und die notwenigen Ressourcen schaffen. Nach eigenen Aussagen spricht sich keiner der Beteiligten klar gegen die MINT-Lehramtsausbildung in Greifswald aus. Jedoch ist weiterhin unklar, wer nun den ersten Schritt gehen muss und wird, da sie die Verantwortung zwischen sich hin und her schieben.

von Corinna Schlun

Foto: Florian Bonn