Rezension

Charley Wykeham (Ronny Winter) und Jack Chesney (Sören Ergang) sind Studenten. Und verliebt. Beide leben auf hohem Fuß, kommen aus wohlhabenden Verhältnissen. Für eine Verabredung mit den beiden Angebeteten benötigen sie jedoch eine Anstandsdame. Wie es der Zufall will, hat sich Charleys Tante, Donna Lucia d‘ Alvadorez aus Brasilien zum Besuch in Großbritannien angekündigt. Also wird alles für den Besuch der Tante vorbereitet und der Damenbesuch gleich mit eingeladen. Das Problem: Donna Lucia sagt kurz vorher ab.

Beide haben nur diese eine Gelegenheit, ihre Geliebten Anny Spettigue, Charleys Schwarm, und Kitty Verdun, Jacks Angebetete, zu sehen, um ihnen einen Heiratsantrag machen zu können und – mit Hilfe von Charleys Tante – die Genehmigung zur Hochzeit von Stephen Spettigue und Sir Francis Chesney einholen zu können. Schließlich fährt Stephen Spettigue, der ein Onkel von Anny und Vormund von Kitty ist, mit den beiden Mädchen nach Schottland.

Es wird also dringend eine Ersatztante gesucht. Jetzt kommt Ford Fancourt Babberly, „Babbs“ ins Spiel. Er soll, als Frau verkleidet, die Rolle der Anstandsdame übernehmen. So weit zur Ursprungsvariante des von Brandon Thomas geschriebenen Stücks, das am 29. Februar 1892 uraufgeführt wurde. Das Theater Vorpommern bringt das Stück in der Neubearbeitung von Marcus Everding auf die Bühne. In dieser Version wird Lord Babberly durch den Diener Brasset ersetzt.

Eben jener Brasset, gespielt von Markus Voigt, wird auch recht schnell der Star der Aufführung. Er ist der Mittelpunkt der Handlung, bewegt er sich doch immer wieder im Spagat zwischen der Tätigkeit als Diener und jener edlen Dame aus Brasilien. Während des Stücks tritt vor allem er gelegentlich aus seiner Zeit heraus, indem er zu gegenwärtigen Personen und Ereignissen Bezug nimmt, womit der Komödie zusätzlich eine satirische Note verpasst wird.

Besonders auffällig ist nicht nur das requisitenarme und düster gehaltene Bühnenbild. Nahezu alles ist schwarz, einzig der Mond leuchtet hell. Farbliche Abwechslung gibt es ansonsten zu Beginn der Aufführung, als Jack und Charley in – zeitgemäßer, aus Anfang des 20. Jahrhunderts stammender – Unterhose und Unterhemd auf der Bühne stehen, während sie anschließend schrittweise in ihre schwarzen Anzüge schlüpfen.
Einzige Requisite, vom Bühnenvorhang abgesehen, sind ein paar Tassen, eine Vase und ein Servierwagen. Ansonsten überlässt man das Darzustellende der Vorstellungskraft des Zuschauers. Bis zum Erscheinen von Charleys echter Tante, Donna Lucia, bleibt neben dem Mond ein bunt geblümter Vorhang auch die einzige farbliche Abwechslung.

Die dann frisch aus Brasilien doch noch eintreffende Donna Lucia d‘ Alvadorez, dargestellt von Julia Klawonn, bildet hierbei einen eindrucksvollen Farb- und zugleich Charakter- und Stimmungskontrast, bei dem jedoch das brasilianische Temperament durchaus noch ein wenig stärker hätte hervorgehoben werden können, was den Kontrast zur Travestie-Anstandsdame deutlicher betont hätte.

Die vollkommen in schwarz gehüllte Travestie-Tante steht mit einem Mal einem in rotbunten Farben schillernden brasilianischen Paradiesvogel gegenüber. Ungeachtet dessen erscheint die Frauenrolle der Donna Lucia d‘ Alvadorez im Vergleich zu Markus Voigt ein wenig blasser, wenngleich sie aufgrund ihrer ausgefallen-bunten Kleidung nebst pfauenartiger Kopfbedeckung gegen Ende des Stückes eher der Hingucker ist. Doch vielleicht sollte gerade deshalb die Figur der brasilianischen, temperamentvollen Tante nicht ganz so stark ausgespielt werden, um nicht gleichzeitig von der Figur des Brasset abzulenken.

Lediglich die Auflösung des amüsant anzusehenden Verwirrspiels wirkt ein wenig abrupt und schroff, zumal Charleys brasilianische Tante das Spiel bis zuletzt mitspielte und es plötzlich sehr nüchtern abbricht und auflöst. Dadurch fällt die humoristische Spannungskurve zum Ende hin recht radikal ab, was dem Gesamteindruck der sehr gelungenen Inszenierung hingegen kaum schadet.

von Marco Wagner

Foto: © muTPHoto