Professor Frieder Schauer ist seit 47 Jahren an der Universität Greifswald und hat in der Zeit das ein oder andere Problem gelöst sowie zahlreiche Abenteuer erlebt. Er verlässt diesen Herbst die Universität und blickt deshalb auf ein paar Erlebnisse zurück.

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Professor Frieder Schauer, Leiter des Instituts für Mikrobiologie.

Herr Schauer, wie lange sind Sie schon an der Universität?
Ich bin hier wohl so eine Art Fossil. 1967 habe ich die Universität  zum ersten Mal als Student betreten. Ab 1975 war ich dann auch als wissenschaftlicher Assistent an der Universität angestellt. Das ist schon eine ganze Zeit – ich bin wohl der am längsten hier Tätige.

Hat es Ihnen die ganzen Jahre Freude bereitet, hier zu arbeiten?
Ja – ich bin immer mit Begeisterung dabei gewesen! Ich hatte die ganze Zeit fabelhafte Bedingungen. Die Möglichkeit, eine Professur zu bekommen, hatte ich aber erst nach der Wende, im Jahr 1992. Damit begann für mich eine erfolgreiche Zeit. Weil ich nicht SED-Mitglied war, galt ich bis zur Wende offenbar nicht als politisch konform genug, um für eine Hochschullehrer-Laufbahn geeignet zu sein.

Es gibt das Gerücht, das Sie an der Entwicklung des Sprühpflasters beteiligt waren – was ist da dran?
Na, nicht ganz. Wir hatten eigentlich andere Dinge vor. Wir wollten mit Hilfe von bestimmten Enzymen von holzzersetzenden Pilzen ein Syntheseverfahren für einen Wundklebstoff entwickeln und dabei vor allem Klebstoffe konstruieren, die biologisch abbaubar sind. Es sollte ein proteinartiger Wundklebstoff sein, der schnell klebt und der dann nach einer gewissen Zeit vom Körper resorbiert werden kann. Daran haben wir gearbeitet und diesen zusammen mit Firmen entwickelt.

Und stimmt es auch, dass Sie der Held aller Reetdachbesitzer in Norddeutschland sind?
Das weiß ich nicht genau (lacht). Am Anfang sind wir ja ein wenig in Kritik gekommen von einigen Reethändlern. Wir wollten im Auftrag der Rohrdachdecker erst einmal klären, was denn eigentlich bei einem vorzeitigen Verfall von Rohrdächern dahinter steckt. Im Anfang war das überhaupt nicht klar. Wir haben erst einmal 165 sehr verschiedene Organismen von den Dächern isoliert. Dies waren zum Teil Schimmelpilze, Moose, Algen und Bakterien. Aber nur vier einzelne Organismen – alle zur Gruppe der ligninolytischen Pilze gehörend – waren dabei, die diese Reetdächer schädigen konnten. Normalerweise ist dieser Abbauprozess relativ langsam und die Rohrdächer halten zwischen 50 und 60 Jahre. Aber wenn bestimmte Bedingungen den Pilzen entgegenkommen – manchmal ist heutzutage zum Beispiel die Rohrqualität nicht mehr ganz so gut, weil vieles importiert werden muss – dann haben die Pilze leichtes Spiel. Mit der Firma Nord Reet UG, die wir von der Universität aus gegründet haben, bearbeiten wir jetzt schon das zweite Projekt. Wir wollen dabei Prüfverfahren entwickeln, die für jeden Reetdachbesitzer oder auch Händler zugänglich sein sollen. Sie können dann Reet-Proben einschicken und wir schauen, wie beständig die Reetsorte gegen die Pilze ist. Im Idealfall kann man Voraussagen treffen, wie lange diese Dächer dann halten.

„Es können 6 500 Mikororganismen aus der Sammlung genutzt werden.“

Sie waren einmal beim  Westdeutschen Rundfunk (WDR) zu Gast und sprachen dort über Mikroorganismen, die Öl zersetzen. Ist dies auch einer Ihrer Forschungsschwerpunkte?
Das ist eigentlich das älteste Thema, das ich bearbeitet habe. Ich habe damit bereits in meiner Promotion in den 1970er Jahren angefangen. Damals war Ölabbau noch etwas ganz Neues. Es ging zunächst um die Entparaffinierung, das heißt eine Qualitätsverbesserung von Dieselkraftstoff, wobei die Paraffine genutzt werden sollten, um Hefeeiweiß zu produzieren. Diese Hefen sollte dann als Futtermittel verwendet werden. Dieses nicht nur von uns entwickelte Verfahren wurde dann aber in den 1990er Jahren eingestellt, weil man zu dieser Zeit auf dem Weltmarkt billigeres,  anderes Protein für Futtermittel kaufen konnte. Somit ist dieses über viele Jahre großtechnisch angewandte Verfahren also erst einmal wieder in den Hintergrund getreten. Aber es kann ja sein, dass sich die jetzt genutzten Proteinquellen, zum Beispiel Fischmehl, auf einmal wieder verknappen und dieses Verfahren möglicherweise aktueller wird. Interessanterweise bin ich seit einem Jahr wieder in eine Forschergruppe einbezogen, die sich mit der Vorbereitung eines größeren DFG-Projekts (Deutsche Forschungsgemeinschaft, Anm. d. Red.) zur Analyse von Erdöl-Havarien befasst. Das Thema ist somit immer noch – wenn auch unter anderem Vorzeichen – aktuell.

In dem Beitrag wurde auch gesagt, dass Sie europaweit die größte Sammlung an Mikroorganismen haben. Wie muss man sich das vorstellen? Ist das Ihre private Sammlung oder gehört sie der Universität? Was wird nach Ihrer Emeritierung damit geschehen?
Ob es nun europaweit die größte Sammlung ist, weiß ich nicht ganz genau. Es ist aber auf jeden Fall eine große Mikroorganismen-Sammlung von technisch nutzbaren Mikroorganismen. Im Augenblick sind es 6 500 Mikroorganismen, die noch zur Verfügung stehen und für Projekte genutzt werden können. Es ist mehr oder weniger ein individuelles Vorhaben, denn nicht jeder ist so verrückt wie ich und hebt diese vielen verschiedenen Stämme auf. Manche werfen diese dann einfach weg. Allerdings steckt eine Menge Mühe darin, all diese technisch sehr leistungsfähigen Organismen erst mal zu isolieren und zu reinigen. Ich denke nicht, dass mein Nachfolger diese Sammlung weiterführen wird. Vielleicht nutzt der eine oder andere noch Teile davon. Aber in dieser Größe wird diese Sammlung wohl nicht weiterbestehen.

Bei der letzten 24-Stunden-Vorlesung haben Sie einen Vortrag zum Thema „Lebensmittelvergiftung und Schädigung durch andere Lebensmittel“ gehalten. Ist dies ein Schwerpunkt von Ihnen?
Zu DDR-Zeiten hatten wir dazu viele kleine Projekte, in heutiger Zeit wird die Thematik lediglich in der Lehre vertreten. Damals wandte man sich auf Grund von Mangel an Industrielaboratorien auch mal öfter mit solchen Problemen an die Universitäten. Ich kann mich erinnern, dass es einmal einen Molkereibesitzer gab, der händeringend in unser Institut kam. Er erzählte, dass er täglich einen Produktionsausfall von rund 30 000 Mark hat, da sein Käse mit einem schwarzen Schimmelpilz befallen sei. Und weil alles weggeworfen werden musste, war der Molkereibesitzer kurz vor der Pleite. Dann saß er hier und fragte, ob wir ihm nicht helfen könnten. Normalerweise sind dafür natürlich nicht die Universitäten zuständig, aber wir haben damals auch einfach Unterstützung geben wollen. Ich kann mich noch daran erinnern, wie wir im Schneetreiben dann zu der Molkerei hingefahren sind. Da hab ich ein Desinfektionsprogramm aufgestellt und ihm gesagt, dass er da so manche Lüftungsfilter erneuern muss. So war das Problem dann nach ein paar Wochen behoben.

Also ist Laufkundschaft etwas Normales für Sie?
Früher war das ganz enorm. Da gab es sogar Bürgermeister von kleinen Dörfern, die um Hilfe baten, weil ihr Dorfteich plötzlich unerträglich roch. Oder dann kam irgendein Altreifen-Verwerter, der mit Hilfe von Mikroorganismen aus alten Reifen neue Materialien herstellen wollte. Oder Schmierölhersteller, die Reste davon zersetzen wollten. Gelegentlich sind wir auch zu Minol-Tankstellen gefahren, weil dort die Böden kontaminiert waren. Zu früheren Zeiten wurden noch Tankstellen betrieben, die keine Betonwanne unter der Tankstelle hatten, damit das versinkende Öl nicht in den Boden gelangen konnte. Da musste dann in tieferen Bodenschichten eine Sanierung vorgenommen werden. Das waren ganz interessante Vorhaben.

Das hört sich sehr nach Forschung „nah am Menschen“ an. War das eine bewusste Wahl oder wie kam es dazu?
Wenn man heute in der Forschung die Tiefe gehen oder bestimmte detaillierte Untersuchungen machen möchte, dann arbeitet man ja meistens mit Modellorganismen. Manchmal hat man es dann in seinem ganzen Leben nur mit  einem Objekt oder sehr wenigen Mikroorganismen zu tun.  Als Vertreter der Richtung „Angewandte und Spezielle Mikrobiologe“ hatte ich immer großen Gefallen an der Vielfalt der Organismen und den verschiedenen Reaktionsweisen der mikrobiellen Objekte. Das ist für mich faszinierend. Und natürlich hab ich immer gerne einen praktischen Bezug gehabt. Das haben die meisten Forscher heutzutage ja gar nicht mehr so direkt. Man kann daher – bei so spezieller Forschung – den Nachbarn zu Hause über den Gartenzaun gar nicht mehr so richtig klarmachen, womit man sich eigentlich beschäftigt.  Dennoch ist auch diese Spezifik für den Fortschritt unerlässlich – und in vielen Untersuchungen haben wir diese vertiefte Grundlagenforschung, mit etwas angewandter Zielrichtung, auch selbst gern betrieben.

Ihre Professur wird sich in Zukunft ändern. Wie sehen Sie das?
Sie wird umgewandelt zur Bakterienphysiologie, im Grunde ist ja das, was wir jetzt gemacht haben, auch eine Art von Mikrobenphysiologie. Denn wir untersuchen die Stoffwechselleistung von Mikroorganismen. Vielleicht ist es in Zukunft nicht mehr ganz so praxisbezogen. Aber es ist überhaupt gar kein Problem, dass diese Umbenennung vorgenommen wird. Der Schwerpunkt wird sich natürlich ändern.

Wie läuft zur Zeit die Ausschreibung Ihrer Professur gerade ab?
Nach Auffassung der Kommissionsmitglieder gab es in der ersten Runde nicht ganz so tolle Bewerber, obwohl man eine Reihe von Bewerbungen vorliegen hatte. Und nun hofft man auf Grund des längeren Zeitraums auf eine noch größere Bewerberanzahl. Somit verzögert sich das Verfahren etwas, sodass möglicherweise eine kleine Lücke zwischen mir und meinem Nachfolger entstehen wird. Ich bin noch ein bisschen im Zweifel, ob das so völlig reibungslos läuft und wirklich alle bisherigen Lehrveranstaltungen der Angewandten Mikrobiologie weitergeführt werden können. Ich denke schon, dass man da eben mal eine Vorlesung verlegen oder diese mal eben für ein Semester ausfallen lassen muss. Das wird irgendwie aber sicher machbar sein.

von Natalie Rath

Foto: Privat