Professor Christof Kessler ist seit 35 Jahren als Neurologe tätig. In diesem Zeitraum sind ihm viele Patienten mit ergreifenden, erschreckenden, aber auch grotesken Krankheiten untergekommen. In „Wahn.Stories“ beschreibt er zwölf fiktive Schicksale.

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Professor Christof Kessler, Schrifsteller und Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurologie in Greifswald.

Sie waren als wissenschaftlicher Berater für die Opernadaption für Oliver Sacks „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ tätig. Hat Sie dieses Buch dazu inspiriert, ein eigenes zu schreiben?
Dass ich wissenschaftlicher Berater war, ist schon sehr lange her. Sacks Buch hat mich sehr angesprochen. Ich finde es sehr gut, dass Themen aus der Neurologie einem breiteren Publikum bekannt werden. Ich habe mich in meinem Buch eher bemüht, auf die Krankheiten wie Schlaganfälle und Multiple Sklerose einzugehen, während Oliver Sacks ausschließlich neuropsychologische Störungen und die Folgen dieser Krankheiten beschrieben hat.

Was hat Sie dann dazu bewegt, das Buch zu schreiben?
Ich wollte kein Lehrbuch schreiben – ich hatte früher schon einmal ein Buch für Laien über den Schlaganfall geschrieben, aber das war mir zu wissenschaftlich. Ich wollte ein spannendes Buch schreiben, das man auch abends vor dem Schlafen gehen oder auf der Terrasse lesen kann und wobei man trotzdem etwas über das Gehirn lernt. Diese Verbindung von Spannung und Information lag mir sehr am Herzen. Es sollte ein Buch in der Art von „Sofies Welt“ von Jostein Gaarder werden; das liest man so gerne und man lernt auch so wahnsinnig viel beim Lesen (lacht).

Oft steht in Ihrem Buch, dass die Patienten ihre Symptome „gegoogelt“ haben. Was halten Sie von diesen Selbstdiagnosen?
Mich stört das überhaupt nicht. Der Patient soll sich ja informieren, ob er die Symptome nun in einem Lexikon nachschlägt oder mithilfe von Google heraussucht, ist eigentlich egal. Danach aber sollten die Patienten zu einem Arzt gehen und das, was sie gelesen haben, auch mit ihm besprechen. Wenn sie beispielsweise im Internet gefunden haben, dass man mit einer bestimmten Erkrankung in einem halben Jahr tot sei, dann sollte man sich nicht darauf verlassen und den Arzt aufsuchen. Denn erstens stehen bei Wikipedia und ähnliche Seiten sehr viele sachliche Fehler und zweitens sieht ein Arzt die Krankheiten anders als ein Patient selber. In meiner Sprechstunde kommen sehr oft gut informierte Patienten, die Computerausdrucke dabeihaben, und diese dann mit mir besprechen wollen. Das finde ich wie gesagt nicht schlimm. Es gibt aber natürlich Patienten, die an Hypochondrie leiden, die also befürchten, dass sie eine Krankheit haben. Sie betreiben sogenanntes Arzt-Hopping, gehen von Arzt zu Arzt, weil sie glauben, dass die Krankheit nicht richtig diagnostiziert worden ist. Und da muss man als Arzt natürlich auch die Grenzen aufzeigen.

Im Buch vermitteln Sie das Gefühl, dass Sie die Schicksale auch nach der Behandlung nicht vergessen, so wie in der letzten Geschichte, die gleichzeitig Ihre ersten Tage in einer Nervenklinik beschreiben. Da geht es vor allem darum, inwieweit man als Arzt das Geschehen an sich heranlassen oder die Distanz wahren sollte. Wann haben Sie denn für sich den richtigen Weg gefunden?
Das ist total schwer. Einerseits soll ein Arzt, ein Psychologe oder ein Sozialarbeiter eine Empathie spüren; wenn jemand eine todbringende Krankheit hat, soll man mitfühlen können. Andererseits sollte das nie soweit gehen, dass man selbst trauert und seine Person oder das persönliche Umfeld Einbußen erleidet. Das eine Extreme wäre, dass man ganz kaltschnäuzig wird und sich überhaupt nicht darum kümmert, was mit dem Patienten geschieht. Das andere wäre, dass man mit dem Patienten mitleidet und dadurch selbst gestört wird. Ich hatte immer das Glück, in meinem sozialen Umfeld so viele Psychologen und auch interessierte Ärzte zu haben, sodass ich darüber sprechen konnte. Teilweise bin ich auch in eine Balint-Gruppe gegangen. Dort treffen sich Ärzte und reden über ihre Patienten sowie über ihre Gefühle, die sie im Umgang mit dem Patienten empfinden. Das hat mir sehr geholfen.

Wie schalten Sie nach der Arbeit ab? Haben Sie ein Ritual?
Ich arbeite relativ viel und komme deswegen spät nach Hause. Wenn ich Freizeit habe, versuche ich, kein Fernsehen zu schauen und lese sehr viel, in der Woche mindestens einen Roman. Das allerschönste für mich ist aber das Malen. Es hat so etwas Meditatives, Distanzierendes. Viele Ärzte sind ja musisch tätig oder malen. Das ist ein gutes Ventil, um abzuschalten.

Bei der Geschichte „Love Story“ geht Elsa Herdermann in einen „Therapiehof mit daseinsanalytischer Vereinigung“. Auch in anderen Geschichten spielt Homöopathie eine Rolle. Was halten Sie von dieser Alternativmedizin?
Was ich besonders gut an diesen Formen der sogenannten alternativen Medizin finde, ist, dass die Therapeuten viel Zeit haben, um mit dem Patienten zu reden. In einer Praxis oder dem Klinikumsbetrieb ist das nicht wirklich gegeben. Ich finde die Naturheilkunde als Zusatz, als Add-on sehr gut. Ich habe zum Beispiel nichts dagegen, wenn sich Patienten mit Hirntumoren zusätzlich mit Mistelpräparaten behandeln lassen. Erstens hat das wahrscheinlich einen gewissen Effekt und zweitens hat der Patient noch das Gefühl, selber aktiv etwas gegen den Krebs zu tun. Was nicht sein darf – wie es in der Geschichte allerdings beschrieben wird – ist, dass eine wirksame schulmedizinische Behandlung abgebrochen wird und der Patient stattdessen vollständig auf Homöopathie umschwenkt.

In „Cadasil“ geht Sebastian Kamps zuerst zu einem Arzt, der ihn behandelte, „als wäre er ein Ausstellungsstück in einer Sammlung von seltenen Krankheiten.“ Sind sie oft mit Ärzten in Kontakt gekommen, die „zu Selbstüberschätzung neigen“?
Hier habe ich natürlich ein Extrembeispiel geschildert, einen Arzt, den nicht der Patient interessiert, sondern die Befunde. Das ist allerdings nicht die Regel. Jedoch wenden wir uns mit der sogenannten modernen Medizin, – wir schicken einen Patienten in die Röhre, sehen sein Gehirn und wissen die Diagnose – immer mehr von der klassischen patientenorientierten Medizin ab. Ich bin der Ansicht und hoffe auch, dass alle meine Geschichten das widerspiegeln, dass der Arzt mit seinen Patienten reden muss. Und dass der Patient seinen Kummer und die Sorgen dem Arzt mitteilen kann.

Ist als Grundlage für die Geschichten immer Greifswald gewählt?
Die eine Geschichte, „Alkohol“, spielt in Berlin. Von allen Geschichten ist das die, die am wahrsten ist. Die habe ich wirklich so erlebt – das ist aber wirklich lange her. Die anderen Geschichten sind teilweise zusammengepuzzelt aus verschiedenen Krankengeschichten, das ist nicht immer nur ein bestimmter Kranker. Die Geschichte „Grabscher“ beispielsweise ist die Geschichte eines Mannes, der durch einen Gehirntumor völlig enthemmt geworden ist, wobei diese soziale Störung ein Symptom eines Gehirntumors war. Da habe ich etwas ganz ähnliches in meiner Zeit in Lübeck erlebt. Der Patient war wegen mehreren Gewaltakten verurteilt und wegen eines epileptischen Anfalls aus dem Gefängnis zu uns ins Krankenhaus gebracht worden. Wir haben ihn damals mithilfe der Computertomographie untersucht und einen apfelsinengroßen Hirntumor gefunden, der die Ursache für seine Gewalttätigkeit war. Das hat mich zu dieser Geschichte inspiriert.

Haben Sie ein weiteres Buch geplant?
Ja. Der Verlag meinte, „Wahn“ sei ein großer Erfolg, sodass wir vereinbart haben, dass ich noch mehr Geschichten schreiben soll. Wenn ich aber so richtig Ruhe habe, möchte ich einen Roman schreiben.

Hat der Roman dann auch diesen medizinischen Touch oder soll er in eine ganz andere Richtung gehen?
Er soll auch in die medizinische Richtung gehen, also die Abgründe psychischer Erkankungen behandeln, aber mehr darf ich nicht verraten (schmunzelt).

Wie war die Reaktion der Kollegen und Patienten auf Ihr Buch?
Erstaunlich gut. Ich hatte zunächst eigentlich Hemmungen, das Buch zu veröffentlichen. Viele rieten mir, es unter einem Pseudonym oder erst, nachdem ich in Rente gegangen bin, zu veröffentlichen. Jetzt habe ich es aber doch getan und es gab durchweg positive Reaktionen. Kollegen rufen manchmal an, schreiben Briefe oder Emails und äußern sich gut, dass ich unser Fach Neurologie so positiv darstelle. Dadurch würde unsere Arbeit aufgewertet und die Menschen und Studenten nehmen wahr, was für ein tolles Fach es ist. Es studieren ja immer weniger junge Leute Medizin und wenn sie es tun, dann gehen sie in andere Fächer oder in die Wirtschaft. Ab und an kommen auch Patienten in die Sprechstunde oder wollen bei der Visite ein Autogramm – das finde ich auch total nett (schmunzelt).

von Katrin Haubold

Foto: ©Missbehavior

Rezension

Diagnose: Wahn

Wie tickt unser Gehirn? Dieser Frage stellen sich tagtäglich Neurologen. Der Greifswalder Professor Christof Kessler ist einer von ihnen. In seinem Debüt „Wahn. Stories“ verarbeitet er seine eigenen Erlebnisse mit neurologischen Krankheiten in zwölf eigenständigen Geschichten. Dabei werden nicht nur die Auswirkungen auf die Patienten, sondern auch auf deren Umfeld beleuchtet: Eine große Liebe zerbricht, nachdem einer an Multipler Sklerose Erkrankten erzählt wurde, dass ihr Freund der Grund für die Krankheit sei; dem Referenten eines Bundestagsabgeordneten wird gekündigt, weil er – aufgrund eines Tumors – mit einem Mal anfing, seine Kolleginnen sexuell zu belästigen und zotige Witze zu reißen; ein an Parkinson erkrankter Mann nimmt zu hohe Dosen seines Anti-Parkinson-Medikaments und wird dadurch eine Gefahr für sich selbst und andere:

„Sein Gesicht kam mir immer näher: ‚Seelenklempner, soll Ihr Schaden nicht sein. Wir teilen uns dann das Vermögen der russischen Mafia, ich bin nämlich der Einzige, der weiß, wo es versteckt ist.’
Ich untersuchte den Patienten und schrieb meinen Konsiliarbericht: ‚Hocherregter Patient, akut psychotischer Zustand. Diagnose: Morbus Parkinson. Aktuell: L-Dopa-Überdosierung mit Psychose.’“

Die Krankheiten und auch deren Behandlungsmethoden werden nachvollziehbar erklärt, sodass man als medizinischer Laie einen guten und interessanten Einblick in die Krankheitsgeschichten und –verläufe bekommt. Es ist eine angenehme Mischung aus Geschichten mit einem Happy End und Erzählungen, bei denen die Behandlung nicht den gewünschten Erfolg bringt. Gerade für Greifswalder ist dieses Buch fesselnd, findet man doch ab und an Orte und Situationen, die dem Leben in der kleinen Hansestadt ähneln:

„Ich hatte mich eines Abends mit meiner Frau verabredet, den Tag beim Italiener auf dem Marktplatz ausklingen zu lassen. […] Plötzlich hörte ich ein „Guten Abend, Herr Professor.“ Das war an sich nichts Ungewöhnliches, in einer kleinen Universitätsstadt bleibt es nicht aus, dass man auf Schritt und Tritt seinen Studenten begegnet.“

Auch wenn die Personen frei erfunden sind, so wirken die Geschichten durch die Ich-Erzählung doch persönlich – dass dessen Gebrauch ab und an inkonsistent ist, tut dem Lesevergnügen nur wenig Abbruch. Die verständliche Schreibweise führt dazu, dass man dieses Buch im Nu durchgelesen hat.

von Katrin Haubold