Wer eine Reise macht, hat zumeist viel zu erzählen. Marco Wagner und Leo Dirks begaben sich zusammen mit ein paar Freunden auf eine Rundreise durch Norwegen. Dabei nutzten die beiden die Abende, um Tagebuch zu schreiben. Auschnitte aus den zwei Reisetagebüchern.

Heute, an einem Tag Anfang August, ist es endlich soweit. Unser Team besteht aus sechs Leuten, von denen ich der Letzte bin, der zusteigt. Die ganze Tour machen wir in einem VW-Bulli mit einem großen Hänger, voll bis oben hin mit Zelten, Schlafsäcken, zwei Kanus und Packkisten. Der erste Stopp ist Neuenkirchen – Marktkauf. Dort kaufen wir alles, was wir brauchen, um die nächsten zwei Wochen in der Wildnis überleben zu können. Von hier aus geht es dann weiter über Rügen, wo wir um 02.30 Uhr morgens die Fähre nach Schweden nehmen…

…Doch bevor es so weit war, hatten wir noch etwa zwei Stunden Zeit, um uns am alten Sassnitzer Fischereihafen zu entspannen. Die Ostsee zeigte an diesem Abend, dass sie durchaus Wellengang haben kann und gab sich alle Mühe, sich so aufzubäumen, wie es ihr großer atlantischer Bruder, die Nordsee tagtäglich macht. Doch an Nordseewellen kam auch sie nicht heran. Dennoch reichte die Brandung der Wellen aus, um die Uferpromenade zu besprenkeln. Die Stadt selbst lag ruhig in der Nacht, fast fühlte ich mich am Mittelmeer, da aufgrund der Dunkelheit nur die schöne Bäderarchitektur, jedoch keineswegs die Vegetation so genau auszumachen war. Doch dann musste sie ja kommen: Die Fährfahrt. Die Fähre glich nachts eher einem Kriegslazarett, als einem gewöhnlichen Passagierschiff. Überall kauerten die Gäste in den Ecken und versuchten, ein bisschen Schlaf zu bekommen. Bei einer so kurzen Überfahrt gab es schließlich keine Fährkabinen, sondern bestenfalls Ruhesessel. Nach vier Stunden Fahrt kamen wir dann jedenfalls völlig erschlagen in Trelleborg an…

…Von Trelleborg geht es über Malmö, Helsingborg und Göteborg westlich an Oslo vorbei immer weiter in die Natur, wo uns unendliche Weite und immer weniger Menschen erwarten.
Die Landschaft, die wir durchfahren, ist durchzogen von Fjorden und Gebirgszügen, von Wiesen, Seen, Flüssen und Wäldern. Um zu unserem ersten Rastplatz für die ersten paar Tage zu kommen, müssen wir nicht nur unzählige Tunnel durchqueren, die einfach nur in den Berg gesprengt und keineswegs beleuchtet oder gesichert zu sein scheinen, sondern auch ein Boot benutzen, da der Tunnel nach Gudvangen aufgrund eines Verkehrsunfalls gesperrt ist. Der Nærøyfjord ist somit nur über den Auerlandsfjord (den größten Fjord Europas), unser Rastplatz also nur über Wasser zu erreichen. Unsere Zeit hier verbringen wir mit Kanufahren und erkundeten erst in östliche, dann in westliche Richtung den gesamten Nærøyfjord. Während dieser Tour werden wir gelegentlich von Robben begleitet, haben ein bis zwei Kilometer tiefes Wasser unter uns und bei einem sechsstündigen Marsch gerade einmal ein Drittel des Berges erstiegen. Außerdem können wir Walen zuhören, bei Nebel mit schwarzen Raben frühstücken, wären bei Wellengang fast gekentert, angeln einen neonroten Fisch, bekommen Steinschlag mit und vieles mehr…

… Unterwegs nach Gudvangen, östlich unseres Zeltplatzes, machten wir an einer abgelegenen Halbinsel unterhalb dreier sich vereinigender Wasserfälle Rast. Es war wie ein Paradies. Das Gras wuchs wild und frei, stand fast einen halben Meter hoch und war fast undurchdringlich. Wir wollten nun zum Wasserfall und wurden gleich mehrmals überrascht. Während Renè noch unten bei den Booten blieb und pausierte, stapften Leo und ich weiter durch den Bergfluss. Und wir trafen auf wild vor sich hin wuchernde Himbeeren, genau an der Stelle, an der sich die beiden Wasserfälle vereinigten. Wir standen mit unseren Füßen im Fluss und pflückten, soviel unsere Hände tragen konnten, von ihnen ab, und aßen sie auf der Stelle…

… Wenige Stunden später wieder angekommen, besuchen zwei Jungbullen unseren Lagerplatz. Der Punkt ist nämlich, dass wir unser Lager mitten auf dem Klo der beiden Rinder aufschlugen, was wir anhand der zahlreichen Fladen hätten erkennen können. Und die mussten nun aufs Klo. Das  war aber besetzt. Sie gingen also am Auto vorbei und guckten – nachdem sie einen Haufen setzten – uns dann erst einmal an. Irgendetwas war anders. Logisch. Wir waren da und besetzten das Klo der Rinder. Das hatten die schon verstanden. Und scheißen mussten sie nun mal auch.
Wir kochten uns derweil Johannisbeer-Eierkuchen aufm Rinderklo. Und hatten es uns auch recht häuslich eingerichtet. Nun wollten wir die beiden Bullen, die uns so treudoof anguckten, aber doch irgendwie loswerden. Mit Hilfe von Töpfen und Pfannen schlugen wir Krach und es gelang uns – während wir Eierkuchen auf dem Rinderscheißhaus zubereiteten – sie an das Ufer des Fjords zu treiben. Allerdings kamen sie – nun erst 20 Minuten später – wieder hoch. Als unser Guide von irgenwoher zu unserem Lager zurückkehrte (er verschwand gerne mal ganz plötzlich für ein paar Stunden), freute er sich darüber, wie wir verzweifelt versuchten, die Bullen loszuwerden und vertrieb sie mit dem Schlagen des Handtuches gegen ihre Knie.
Mitten in der Nacht hörten wir es plötzlich wieder poltern. Einer der beiden Jungbullen, der Gefleckte, war wieder an unserem Platz und stolperte nun auf unser Zelt zu. Sein großer Kopf beugte sich zu unserem Zeltfenster über und: Schnuff, Schnuff – schließlich musste ja erst einmal gerochen werden, was das denn nun war. Unser Zelt. Leo klatschte einmal mit der Bratpfanne vor das Zeltfenster und der Bulle drehte bedröppelt ab. In der dritten Nacht gelang es beiden, den Weg zu ihrem Klo zu finden ohne zu stören, oder Krach zu machen. Leo hatte sie nur per Zufall mitbekommen…

…Unser nächster Stopp auf der Reise ist der Jostedalsbreen (größter Gletscher Europas), an dessen Gletscherfluss wir eine Nacht schlafen wollen. Die Tagestour mit der finalen Besichtigung einer Gletscherzunge und einer kleineren Besteigung ist eine sportliche Herausforderung und ein Naturschauspiel zugleich. Für ein paar Sekunden haben wir im Wasser gebadet, in dem noch Eisbrocken schwimmen, am Gletscher habe ich mir mit meinem Trapper-Messer sogar noch ein paar Stücke aus dem jahrtausendealten Eis gebrochen, woraus wir nach dem zweistündigen Rückweg noch einen Whisky auf Eis machen…

…Von der Nacht am Fluss geht es weiter an einen ruhigen, einsamen See, 60 Kilometer nördlich von Oslo. Da wir ins Bärengebiet fahren, beschließen wir, eine Nachtwache einzuteilen. Schließlich wurde vor wenigen Wochen ein Jäger von einem Bären angegriffen und wir fühlten uns daher ein wenig sicherer, das Feuer die ganze Nacht über brennen zu lassen. Außerdem sind Nachtwachen eine ganz entspannte Angelegenheit. Da das Wetter entsprechend angenehm ist, beschließen wir, zu biwaken, sprich draußen zu schlafen. Nur mit Schlafsack, direkt unter freiem Himmel, bei einem friedlich vor sich hin flackerndem Feuer.  Es gilt also zwei Stunden zu schlafen und zwei Feuerwache zu halten, bis die Dunkelheit hereinbricht und man durch knackendes Unterholz und im Wind rauschende Blätterkronen verunsichert feststellt, dass doch alles in Ordnung ist. Mit ein wenig Glück sieht man sogar ein Geweih, das einem nahezu zwei Meter großen Elch gehört, der sich aus dem umliegenden Gebirge zum Trinken an den See getraut hat…

von Marco Wagner & Leo Dirks

Fotoo: Marco Wagner