Von Rotkäppchen, das sich im Wald verirrte

Der erste Schnee fiel vom Himmel und weiße Schneeflocken rieselten auf den kalten Boden. Gegen den starken Wind der Hansestadt strampelte ich Richtung Unibibliothek. Während ich kaum die Augen öffnen konnte, brachte mich mein winziger Freund, der Orientierungssinn, sicher zum Ziel. Ja, Orientierung findet sich nicht auf der Schokoladenseite meiner Persönlichkeit wieder. Ich schaffe es auch noch nach drei Monaten, auf den komischsten Wegen zum Fremdsprachen- und Medienzentrum zu gelangen. Aber ein bisschen zusätzliche Bewegung schadet dem meist sitzenden Studenten ja nicht.

Mir schlafen an einem vorlesungsträchtigen Tag mindestens fünf Mal die Füße ein und mein Hintern versucht schon zusätzliches Depotfett anzusetzen, um den ungemütlichen Sitzapparat erträglicher zu machen. Wie wäre es denn mit einem aufblasbaren Kissen für die schönen Holzstühle der Unibibliothek? Schnell die Luft rauslassen und ab in den Rucksack damit. Auch gut für ein Nickerchen zwischen den Lerneinheiten.
„Man öffne mir die Tore“, dachte ich herrschaftlich, als ich vor der großen Universitätsbibliothek stand und auf den Knopf der Tür drückte, der eigentlich für Rollstuhlfahrer vorgesehen ist. Mit leicht nassen Klamotten schwebte ich in die Vorderhalle der studentenüberfluteten Lerneinrichtung. Ich legte meine vielen Kleidungsschichten in den Spind und fühlte mich nicht mehr ganz so sehr wie eine kugelrunde Zwiebel.

Die Eiszapfen an den Haarspitzen tauten langsam auf, während das Schneehäubchen auf meiner Mütze einfach weggewedelt wurde. Durch die nicht vorhandene Sattelabdeckung hatte mein Hintern natürlich wieder mal am meisten unter den eisigen Temperaturen gelitten. Warum musste ich mich an stürmischen Tagen überhaupt aus dem Haus wagen? „Die Bibliothek ist der Ort zum Lernen“, hallte es wie ein Werbeslogan durch meinen Kopf und so überhörte ich alle restlichen Wehklagen. Wie Rotkäppchen fühlte ich mich, als ich mein Körbchen bepackte und durch den Wald der vielen unbekannten Bücher wanderte. Na wo sollte ich heute mein Gehirnpicknick unternehmen?, fragte ich mich und schaute in die vielen verschiedenen Lichtungen, die die Universitätsbibliothek zu bieten hatte. Rechts von mir graste ein Reh, das mich mit großen Augen ansah. Nicht weit entfernt pickte ein zierliches Vöglein, mit buntgeschmückten Federkleid auf dem Computer herum. Während ich die vielen Bücherwürmer betrachtete, die vertieft in ihre Bücher starrten, stolzierte ein prächtiger Pfau an mir vorbei. Was ein Pech aber auch, dass er seine tausend Augen nicht auf mich richtete. Doch auch der Eule, die sich gerade auf die hilflosen Paragraphen stürzte, wollte ich nicht zum Opfer fallen. So wanderte ich umher, verlor so langsam aber sicher wieder einmal die Orientierung – doch der Gedanke, den perfekten Platz zu finden, blieb. Hatte ich jedoch mein persönliches – optimal zum Lernen – anregendes Plätzchen gefunden, wusste der eine oder andere gerissene Fuchs immer, wie er mich vom Lernen abbringen konnte. „In fünf Minuten Kaffee?“, hieß es in einer WhatsApp-Nachricht. Man müsste mal einen Kleber erfinden, der einen am Stuhl haften lässt. „Tut mir Leid, der Kleber löst sich erst wieder in zwei Stunden, mein liebster Hintern. Da musst du jetzt wirklich durch.“

mm109_46_kolumne_BellaWorten eine Bedeutung zu geben, ihnen Leben einzuhauchen, sie nicht als bloße Worte zu sehen, sondern als Expressionen meiner Selbst – ist es nicht das, was es bedeutet, sich auf Papier zu verewigen?

von Angi