Rezension

„Only God Forgives“- Nicolas Winding Refns neuestes Werk ist zweifelsohne ein Schock, den es im internationalen Filmgeschäft in dieser Form lange nicht gegeben hat. Bekannt wurde der Regisseur mit seinem Riesenerfolg „Drive“ vor zwei Jahren auf den Filmfestspielen in Cannes. Sein damaliger Protagonist wurde von Ryan Gosling gespielt, der auch im neuen Film die Rolle des Hauptdarstellers besetzt. Die Filmmusik kommt damals wie heute von Cliff Martinez. Die besten Voraussetzungen, um ein neues erfolgreiches Filmkapitel aufzuschlagen. Doch was dem Zuschauer geboten wird, hat rein gar nichts mit Hollywood zu tun. „Only God Forgives“ ist ein teuer produziertes Arthouse-Todesdrama mit einem Hauch Katastrophen-Tourismus ohne wirklichen Handlungsverlauf.

Julian Thompson (Ryan Gosling) führt einen aufstrebenden Boxclub in Thailand. Dorthin flüchtete er, als er vor zehn Jahren seinen Vater erschlug. Der Club muss als Tarnung für Drogengeschäfte herhalten, die er zusammen mit seinem älteren Bruder Billy abwickelt. Für die beiden könnte es nicht besser laufen, bis Billy die 14-jährige Tochter eines Bordellbesitzers missbraucht und umbringt, woraufhin der pensionierte Polizeichef Chang (Vithaya Pansringarm) den Vater des Mädchens zu Billy in den Raum schließt, der ihn wiederum zu Tode schlägt. Mit der Vergewaltigung wird eine bestialisch gewaltgeladene Kettenreaktion ausgelöst, die sich wie ein roter Faden durch den Film zieht. Um den toten Sohn zu identifizieren, reist seine Mutter Crystal (Kristin Scott Thomas) ins Land. Sie stellt sich als die wahre Strippenzieherin der Drogengeschäfte heraus und verlangt, dass Julian den Mörder zur Strecke bringt. Ihn plagen Gewissensbisse. Er wünscht sich aus dem illegalen Geschäft auszusteigen und verweigert den Racheakt, womit das Schicksal seinen Lauf nimmt. Der jüngste Sohn soll den Sprössling des Teufels symbolisieren, der sich von diesem lossagen möchte.

Die Mutter, die Teufelsfigur, versucht dem mit all ihrer Macht entgegenzuwirken und strahlt durch ihre kalte Art Macht auf ihren Sohn aus, der er sich nicht entziehen kann. Der Protagonist versucht das Richtige zu tun, indem er auf sein Gewissen hört, doch die Fixierung auf die Mutter ist stärker. Julian sehnt sich danach wieder im Unterleib seiner Mutter zu sein, wo ihm Schutz und Obhut geboten wird – dies visualisiert Refn in einer seiner unzähligen absurden Szenen, irgendwo zwischen Blutlachen und Folterszenen im Stripclub.

„Only God Forgives“ verzichtet auf die Rolle eines guten Charakters. Das macht es dem Zuschauer leicht, keine Bindung zum Geschehen des Films aufzubauen. Auf einen Spannungseffekt und einen wirklichen Handlungsverlauf verzichtet der Regisseur ebenfalls. Viel mehr steht die schwer erträgliche Gewalt in Zusammenhang mit vielen Machtspielchen im Vordergrund. Teilweise wird die Grenze zum Erträglichen erheblich überschritten. So wundert es nicht, dass viele Zuschauer der Filmfestspiele in Cannes schon vor dem Ende des Films flüchteten und das Publikum, das bis zum Schluss durchhielt, nur noch Buh-Rufe übrig hatte.

von Markus Teschner

Foto: © SUNFILM Entertainment