Vielfalt und Pluralismus gemeinsam gestalten: Gläubige und Atheisten werben für ein zeitgemäßes Miteinander in der Gesellschaft.

mm111_28_greifswald_IEEG

Sven Speer, 32,
gründete 2011 das Forum Offene Religionspolitik.

Schrumpfende Kirchen, wachsende religiöse Vielfalt: In den nächsten Jahrzehnten wird sich die weltanschauliche Landschaft der Bundesrepublik weiterhin wandeln. Darin sind sich alle Experten einig. In den großen Kirchen spürt man die Veränderungen ganz besonders: es gibt immer weniger Gläubige, und vor allem unter jüngeren Menschen ist die Distanz zu religiösen Vorstellungen oder die Ablehnung von zentralen Lehren des Christentums verbreitet.

In Greifswald wurde deshalb vor zehn Jahren das Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung (IEEG) gegründet. Es gehört zur Theologischen Fakultät der Universität und wird von Michael Herbst, Inhaber des Lehrstuhls für Praktische Theologie und von 2009 bis 2013 Prorektor der Hochschule, geleitet. Beim IEEG wird erforscht, wie kirchenferne Menschen wieder zum christlichen Glauben gebracht werden können – mit wechselndem Erfolg, wie Michael Herbst Anfang dieses Jahres auf einer Tagung in Berlin berichtete: Nach anfänglich positiven Ergebnissen sei beispielsweise die Zahl der „Greifbar“-Gottesdienste, die sich vor allem an kirchenferne Menschen richten, in den letzten Jahren immer kleiner geworden. Das zehnjährige Bestehen des IEEG soll nun am 13. und 14. Juni 2014 mit einem Festakt gewürdigt werden. Dann wird ebenfalls wieder über die Frage diskutiert werden, wie es bei dem Thema in Zukunft weitergehen kann.

Der Handlungsdruck ist hoch, weil auch Debatten um die besonderen Rechte der Kirchen in der Gesellschaft, wie sie in den letzten Jahren in den Medien und der Politik hochgekocht sind, voraussichtlich wiederkehren werden: Denn die Zahl der Menschen, die sich gar keiner Konfessionsgemeinschaft mehr verbunden fühlen, nimmt zu. Schon jetzt bilden sie mehr als ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland, und seit langem die deutliche Mehrheit in den neuen Bundesländern. Aber auch die Zahl der Menschen, die sich anderen Konfessionen verbunden fühlen, wächst: Muslime, Aleviten, Juden, Buddhisten und eine Vielzahl weiterer kleinerer Glaubensgemeinschaften gibt es heute in Deutschland. Wie sollte eine Politik aussehen, die nachhaltig auf solche Veränderungen eingeht?

Öffnung erforderlich

„Wir brauchen eine wirkliche Öffnung“, sagt Sven Speer dazu. Der 32-jährige Politikwissenschaftler hat vor drei Jahren das Forum Offene Religionspolitik (FOR) gegründet, um Angehörige verschiedener Konfessionen und Menschen ohne religiöses Bekenntnis in diesen Fragen miteinander in das Gespräch zu bringen – und für mehr Gleichberechtigung zu werben. Christen verschiedenster Kirchen, Muslime, Agnostiker und Atheisten gehören dem Forum an und versuchen dort gemeinsam, politische Impulse und Anregungen zu entwickeln und bekannter zu machen. Wie können alle Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften unter der Wahrung der Freiheitsrechte aller Bürger gleichen Zugang zum öffentlichen Raum und zu staatlicher Unterstützung erhalten? Welche politischen Reformen sind am besten geeignet, um die Diskriminierung von kleineren Gemeinschaften abzubauen? Wie müssen die Interessen der Menschen ohne Konfession berücksichtigt werden? Lassen sich Mittelwege zwischen den Polen im Streit über das Verhältnis zwischen Staat und Religionen entdecken, die Gläubige und Atheisten gleichermaßen befürworten? Solchen Fragen stellen sich die Mitglieder des FOR.

„Früher hatte ich eine sehr religions- und kirchenkritische Haltung“, verrät Sven Speer über sich. Zum Umdenken sei es während der Zeit beim Exzellenzcluster „Religion und Politik“ an der Westfälischen Wilhelms-Universität gekommen. Dort war er zwischen 2009 und 2012 als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. Und stellte schließlich fest: „Auch radikaler Laizismus würde nicht allen Gruppen in der Gesellschaft gerecht werden.“

Dass der politische Reformbedarf hoch ist, bestätigen jedenfalls renommierte Experten. Ulrich Willems, Professor für Politikwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster, erklärte im Juli vergangenen Jahres im Themenmagazin der Evangelischen Kirche in Deutschland mit dem Titel „Reformation. Macht. Politik.“ der Evangelischen Kirche in Deutschland: „Die Politik trägt durch die langjährige und anhaltende Vernachlässigung der Religionspolitik ein erhebliches Maß an Verantwortung für den gegenwärtigen Problemdruck.“ In der Frühphase der Bundesrepublik sei diese für eine mehrheitlich christliche Gesellschaft entworfen worden, auf gesellschaftliche Veränderungen wurde bis heute allerdings nicht reagiert. Im internationalen Vergleich stehe Deutschland nun schlecht da, so Willems.

Sven Speer begann im Jahr 2010, über diese Themen zu bloggen und stieß bald auf Menschen, die seine Gedanken teilten. Damit entstand die Idee zum Forum als eine überkonfessionelle, überparteiliche und institutionell unabhängige Gesprächs- und Arbeitsgemeinschaft. Mittlerweile hat das FOR fast zwei Dutzend feste Mitglieder, darunter Wissenschaftler, Abgeordnete und andere Funktionsträger sowie fünf Studierende – und sogar ein Schüler.

Deutschland als internationales Vorbild?

Als Verein blickt das FOR heute auf bereits 30 teils hochkarätige Veranstaltungen zurück. Zahlreiche Vorträge, nicht nur in Deutschland, sondern auch in den Vereinigten Staaten, Ägypten und Israel hat FOR-Initiator Speer selbst absolviert. Diverse Podiumsdiskussionen wurden in Zusammenarbeit mit Stiftungen oder anderen Trägern der Erwachsenenbildung durchgeführt, um die Vertreter der unterschiedlichen Glaubensrichtungen und auch Angehörige von Verbänden nichtreligiöser Menschen miteinander in den Dialog zu bringen. „Daneben veröffentlichen wir regelmäßig online Diskussionsbeiträge, die sich mit der Frage beschäftigen, wie die Aufgabe einer Öffnung des Staates gegenüber der entstandenen Vielfalt gelöst werden kann“, so Speer. Er ist überzeugt: „Mit einer offenen Religionspolitik kann Deutschland auch international zum Vorbild werden.“ Schon länger wird das Forum als unabhängiger Ansprechpartner über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus wahrgenommen, entsprechende Anfragen erhalten die FOR-Referenten unter anderem von Botschaften.

Trotzdem hofft das FOR auf noch mehr Interessierte, die sich für die Ziele einer offenen Religionspolitik einbringen wollen. „Unterstützung vor Ort ist für uns sehr wichtig“, betont Sven Speer. „Es gibt in vielen Städten Gesprächskreise oder runde Tische, häufig als gemeinsame Projekte von Angehörigen unterschiedlicher Konfessionen, in denen auch religionspolitische Fragen diskutiert werden. Da würden wir gern stärker präsent sein – nicht zuletzt, um bei entsprechenden Anfragen unsere Überlegungen und Konzepte selbst vorstellen zu können.“

Wertvoll seien die so gewonnenen Erfahrungen allemal, meint er schließlich. Denn ob in der Welt der Wirtschaft, der Politik oder im privaten Umfeld: die Vielfalt und der Pluralismus weltanschaulicher Überzeugungen gehört für immer mehr Menschen längst zum Alltag. Das FOR sei insofern auch ein idealer Platz, um trotz divergierender Glaubensvorstellungen gegenseitige Wertschätzung und Kooperation zu erleben. Speer: „Wir wollen nicht, dass in Deutschland alle gleicher Meinung sind. Aber wir verlangen, dass alle gleich zu Hause sind – unabhängig von ihrem Bekenntnis.“

von Arik Platzek

Foto: Paul Peplow via wiki commons, Privat (Profilbild)