Seit gut einem Jahr ist Professor Johanna Eleonore Weber im Amt als Rektorin der Universität Greifswald. moritz sprach mit ihr über das vergangene Jahr, die anstehenden Projekte und die nächsten Schritte im Umgang mit dem Haushaltsdefizit.

RektorinWie ist Ihnen das letzte Jahr als Rektorin der Universität Greifswald vorgekommen?
Ich kann es kaum glauben, dass schon ein Jahr vergangen ist. Die Zeit ist schnell verflogen, weil die Tage so ausgefüllt sind. Auch früher hatte ich volle Tage, aber nun sind viele unterschiedlichste Aufgaben hinzugekommen, die volle Aufmerksamkeit fordern. Ich hatte erwartet, dass das Rektorat lebhaft und anstrengend werden wird,  aber dass die Aufgaben so vielfältig sind, das hat mich positiv überrascht.

Welche Projekte haben Sie, die Sie 2013 nicht verwirklichen konnten, aber 2014 in Angriff nehmen wollen?
Wenn ich erlebe, wie andere Hochschulen bei bestimmten Themen mit gutem Beispiel vorangehen, wünsche ich mir oft, dass wir das auch möglichst schnell in Greifswald umsetzen können. Aber dann wird mir schnell bewusst, dass die Realisierung viel Zeit in Anspruch nehmen wird. Zum Beispiel sehe ich beim Thema Gleichstellung oder Internationalisierung, was wir alles verbessern könnten, weiß aber, dass Veränderungen vorbereitet und schrittweise umgesetzt werden müssen. Das erfordert eben Geduld und Zeit. Als wir beispielsweise kürzlich die Universität Lund besucht haben, konnten wir erleben, wie strategisch dort im Hinblick auf Internationalisierung gedacht wird und welch hoher Stellenwert eine auf internationale Gäste abgestimmte Willkommenskultur hat. Mein Wunsch ist es, auch für Greifswald mehr internationale Studierende zu gewinnen und internationale Partnerschaften und Forschung voranzubringen.

Wann muss der Hochschulentwicklungsplan fertig sein?
Der Hochschulentwicklungsplan (HEP) muss am 30. Juni 2014 beim Bildungsminister vorliegen. Wir haben mit den Zuarbeiten bereits im Herbst 2013 begonnen, damit der Senat die Möglichkeit hat, über unseren Entwurf ohne Zeitdruck zu diskutieren und abstimmen zu können. Wir besprechen derzeit einen ersten Entwurf des Hochschulentwicklungsplans in der Rektoratsberatung und in der Dienstberatung. Ab März beziehungsweise April wird der Senat in mehrmaliger Lesung den HEP diskutieren und abschließend darüber abstimmen.

Was sind die neuen Ziele in dem Hochschulentwicklungsplan?
Das ist ein Prozess, der gemeinsam von den beteiligten Gremien der Universität getragen werden soll. Wir gehen mit einem Entwurf in die Diskussion. Da diese Diskussion erst begonnen hat, möchte ich einzelne Vorschläge noch nicht erläutern.

Denken Sie über einen Forschungsschwerpunktwechsel nach?
In der Januarsitzung des Senats wurde darüber schon spekuliert, ob wir eine Änderung in den Forschungsschwerpunkten vornehmen möchten. Unser generelles Bestreben muss es sein, dass der Hochschulentwicklungsplan Änderungen abbildet, die in unserer Forschung erfolgt sind. Dort, wo sich neue Schwerpunkte gebildet haben, wo erfolgreiche Forschung betrieben wird, die auch attraktive Lehre nach sich zieht und Studierende anlockt, tun wir gut daran, solche Entwicklungen im Hochschulentwicklungsplan aufzugreifen.

Wie hat sich die Gleichstellung im letzten Jahr entwickelt?
Auf der einen Seite sehe ich die Entwicklung sehr positiv. Wir diskutieren viel häufiger und offener über Gleichstellungsfragen. Wir haben durch unsere Mentoring-Programme sehr gute Angebote für die Förderung von jungen Wissenschaftlerinnen etablieren können. Aber wir sehen auch, dass Gleichstellung Hand in Hand mit einer ausgeprägten Familienfreundlichkeit gehen muss. Die jungen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die Eltern sind, müssen stärker darin unterstützt werden, Beruf und Familie miteinander verbinden zu können. In der Hinsicht ist schon sehr viel geschehen. Nach wie vor dramatisch gering ist die Anzahl der Hochschullehrerinnen an der Universität, mit Ausnahme der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät. Der Anteil an Frauen ist jedoch nur langsam zu steigern, da wir in jedem Jahr nur eine geringe Anzahl von Professuren neu besetzen können. Und zudem sind wir nicht die einzigen, die sich um Wissenschaftlerinnen bemühen. Wir befinden uns gerade in einem fröhlichen Wettkampf um Frauen. Da Hochschulen mit höheren Frauenanteilen auch höhere Förderungschancen haben, sind diese strategisch besser organisiert. Wir müssen aktiv werden, indem wir Frauen gezielt ansprechen, beispielsweise über entsprechende Netzwerke und Fachgesellschaften. Was mich erschüttert hat, ist der geringe Anteil an Frauen in der Gruppe der Hochschullehrer/innen in den neu gewählten Fakultätsräten: In drei Fakultäten, der Theologischen und der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät sowie in der Universitätsmedizin gibt es keine einzige Professorin in den Fakultätsräten, in der Philosophischen Fakultät eine und in der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät zwei. Welches Bild vermitteln wir damit nach außen?

„Wir befinden uns gerade in einem fröhlichen Wettkampf um Frauen.“

Was wird als nächstes beim Haushaltsdefizit unternommen?
In diesem Jahr steht uns eine Prüfung durch den Landesrechnungshof bevor. Das ist das Ergebnis im Streit mit dem Minister, der bezweifelt hatte, dass die von uns angegebenen Daten korrekt sind. Nun sollen die beiden Universitäten Rostock und Greifswald vom Landesrechnungshof geprüft werden. Der Landesrechnungshof wird demnächst an die Arbeit gehen. Wir sind überzeugt, dass wir richtig rechnen, und gehen davon aus, dass die Ergebnisse Grundlage für künftige Verhandlungen sind. Ideal wäre es, wenn wir – korrekte Zahlen vorausgesetzt – für die von uns genannten Bedarfe auch entsprechend mehr Geld erhalten würden.

Wann rechnen Sie mit einem Ergebnis?
Das weiß im Moment niemand. Wir hoffen, dass das Ergebnis so schnell wie möglich kommt.

Glauben Sie daran, dass weitere finanzielle Mittel fließen, wenn das Ergebnis des Landesrechnungshofs positiv ist?
Ich würde mich sehr freuen, wenn es so kommen würde. Es wäre die logische Konsequenz einer Prüfung. Die Frage ist dann nur, ob und wie die zusätzlichen Mittel bereitgestellt werden. Der Doppelhaushalt 2014/15 wurde ja im vergangenen Dezember verabschiedet; weitere Mittel müssten dann in irgendeiner Form den Universitäten zur Verfügung gestellt werden.

Was wären denn die nächsten Schritte, wenn keine weiteren finanziellen Mittel vom Land kämen?
Zunächst haben wir jetzt alle Rückstellungen, die wir noch hatten, unter anderem auch die Mittel für die Sanierung der alten Physik, in den laufenden Haushalt eingespeist. Das heißt, wir haben dadurch in diesem Jahr ein bisschen Luft bekommen, die Personalstellen einigermaßen ausfinanzieren zu können. Ohne die Rückstellungen hätten wir auslaufende Stellen nicht verlängern können; das hätte nach dem Gießkannenprinzip Stellen getroffen, die gerade frei werden. Aber ab dem kommenden Jahr wird es wirklich eng! Dann hilft nur die Hoffnung auf zusätzliche Mittel und den neuen Doppelhaushalt mit den entsprechenden  Zuwächsen für die Hochschulen. Also wir retten uns jetzt sozusagen über die nächsten beiden Jahre mit allem, was wir noch haben, und dann wissen wir selbst nicht weiter, wenn keine Unterstützung kommt.

„Das Rektorat verfügt nicht über Professoren. “

Trotzdem bangt das Casper-David-Friedrich-Institut um die Schließung, da eine Professorenstelle nicht besetzt werden soll.
Die Stelle ist nicht aktuell gestrichen worden. Es gibt einen früheren Beschluss der Fakultät, die Anzahl der Stellen von drei auf zwei Professuren zurückzuführen. Die Frage ist, wann diese Rückführung von drei auf zwei erfolgt, bereits jetzt im Hinblick auf die Nachfolge von Professor Puritz oder später nach Ende der befristeten Professur von Professor Müller. Die Studiengänge sind nicht bedroht. Es ist Aufgabe der Fakultät, dafür zu sorgen, dass das in der Studienordnung vorgesehene Lehrangebot erhalten bleibt, und sei es durch Vertretungen.

Auf der institutsinteren Vollversammlung der Studierenden war Dekan Wöll dabei und meinte, dass man beim Rektorat beantragen will, dass eine neue Stelle geschaffen werden soll.
Wir können keine zusätzliche Professur außerhalb des Stellenplans der Universität schaffen. Die Fakultät muss ihre Professuren im Rahmen ihres Stellenplans verteilen. Das Rektorat verfügt nicht über Professuren.

Die Zahl der Studierenden an der Universität hat sich in den letzten zwei Jahren verringert. Was wollen Sie dagegen unternehmen?
Wir sehen den Rückgang natürlich mit Sorge. Auf der einen Seite folgen wir darin dem Bundestrend: Der vorübergehende große Andrang durch doppelte Abiturjahrgänge und Wegfall der Wehrpflicht geht zurück, auch bundesweit. Dennoch müssen wir uns die Frage stellen: In welchen Studienfächern ist der Rückgang besonders stark? Für welche Fächer müssen wir gezielt mehr Studierende gewinnen? Wir haben einige Fächer mit einer unterdurchschnittlichen Auslastung, für die besondere Anstrengungen nötig sind. Das betrifft eine Reihe von Fächern in der philosophischen Fakultät, aber auch die Physik. Wir müssen uns die Frage stellen, wie wir diese Fächer attraktiver machen und sie noch gezielter bewerben können.

Was, glauben Sie, sind die Ursachen für den Rückgang?
Ich weiß es nicht. Wir müssen nach den Ursachen forschen, alles andere ist Spekulation. Leider können wir diejenigen, die NICHT nach Greifswald kommen, nicht nach ihren Gründen fragen, denn genau diese kritische Gruppe kennen und erreichen wir nicht. Wir können uns nur indirekt darum bemühen, an solche Informationen zu kommen, indem wir zum Beispiel mit Hilfe der Qualitätssicherung unsere Erstsemester befragen, was sie bewogen hat, nach Greifswald zu kommen – und was in ihren Überlegungen auch gegen Greifswald gesprochen hat. Eine andere Möglichkeit ist, dass wir Universitäten mit vergleichbaren Studiengängen anschauen, ob dort die Studierendenzahlen auch zurückgehen. Dann erfahren wir, ob der Rückgang für Greifswald spezifisch ist oder ein Fach allgemein an Attraktivität verloren hat. Und das ist eine wichtige Information, denn dann können wir fragen, was unseren Studiengang von dem in anderen Universitäten unterscheidet. Solche Analysen sind der Schlüssel zu den nötigen Änderungen, durch die Studiengänge wieder an Attraktivität gewinnen.

Foto:Simon Voigt