Rezension

Nach der Trennung von ihrem Mann zieht Sadie mit ihrer vierzehnjährigen Tochter Betty von Sidney nach Tasmanien in das Haus ihrer Großmutter Pearl Tatlow, die während der 30er Jahre eine bekannte Schriftstellerin war. Sadie, die das Talent ihrer Großmutter geerbt hat, möchte mehr über ihre Vorfahrin herausfinden – und über ihre grausame Ermordung. Sie begibt sich auf Spurensuche und stößt auf einige Ungereimtheiten. War Pearl Tatlow, Kinderbuchautorin, Ehefrau und Mutter zweier Mädchen, wirklich so eigenwillig und arrogant wie im Dorf erzählt wird?

„Alle anwesenden Männer verzehrten sich nach Pearl. Ich verachtete sie dafür, obwohl ich sie verstehen konnte. So betrunken und widerwärtig sie auch war, so war sie dennoch das Schönste, was ich je gesehen hatte.“

Statt sich nach der Prüderie der Nachbarn zu richten, trug Pearl modische Klamotten und geizte nicht mit weiblichen Reizen. Kein Wunder, dass viele der Dorffrauen sie schnell als billig abstempelten – einerseits aus Neid, andererseits auch aus Religiösität. Weder ihr Ehemann Maxwell noch die tratschenden Dorfbewohner konnten Sadies Großmutter ihre Leidenschaft für ein unabhängiges und freies Leben ausreden – und dazu gehörten nach Pearls Lebenseinstellung auch eine offene Ehe, Alkoholexzesse, emotionale Ausbrüche und eine gehörige Portion Exzentrik. Heutzutage könnte man vermuten, dass Sadies Großmutter unter Depressionen litt. Damals jedoch betitelte man sie schlicht als verrücktes und eingebildetes Weibsbild, das ihre Kinder mit Geschichten über einen tasmanischen Teufel ängstigte, Besucher unhöflich abfertigte und ihren Pflichten als treue Ehefrau nicht nachkam. Umgekehrt konnte aber auch Pearl mit der Verklemmung und der Einfältigkeit der Dorfbewohner nichts anfangen.

„Ich bin übergeschnappt. […] Lass mich in diesem Zimmer sein, wo du mich vor den braven, anständigen Langweilern von Pencubitt wegschließen kannst. […] Die Fliegenmenschen von Pencubitt, die mit ihren riesigen Fliegenaugen alles sehen, alles verurteilen und fürs Protokoll der Geschichte Fliegendreck hinterlassen. Die tollen Bücher des Fliegenmists von deinen freundlichen Nachbarn.“

Eindrücklich beschreibt Josephine Pennicott, die selbst in Tasmanien geboren wurde, in ihrem Werk „Dornentöchter“ die Geschichte einer jungen, egozentrischen Frau, die sich aus dem engen Korsett der Konventionen befreien will und von einem Leben mit Freiheit, Unabhängigkeit und Leidenschaft träumt. Pearl will frei und sorgenlos leben – wie ein Kind. Doch die Realisierung dieses Traums kann ein Problem werden, wenn andere ebenfalls ihre Freiheit in Anspruch nehmen. So will Pearls Ehemann Maxwell  wie seine Frau von nun an sexuelle Freiheiten genießen – ein Grund für Pearl, ihre Dornen auszufahren.

„Es gab Zeiten, da war es unmöglich festzustellen, wann Pearls Phantasie an die Stelle der Realität trat. Sie konnte so phantasievoll und selbstvergessen sein wie ein Kind. […] Wie ein Kind nahm sie sich, was immer sie wollte, ohne sich dabei der möglichen Folgen ihrer Taten bewusst zu sein. Doch wie wir alle herausfinden sollten, waren die Konsequenzen ihres Verhaltens entsetzlich.“

Doch mit ihrem aufbrausenden und egoistischen Verhalten machte Sadies Großmutter sich viele Feinde – bis sie in ihrem eigenen Keller von einem Unbekannten auf brutale Weise ermordet wurde. Für Sadie ist das ein Rätsel, welches endlich gelüftet werden soll.

„Sie war Pearl: künstlerisch, unkonventionell, frei. […] Auch konnte sie völlig blind sein, was die Wirkung ihrer Worte und Taten betraf. […] Sie hatte eine gewissen unschuldige Grausamkeit an sich, und ich musste oft an ein Kind denken, das einer Fliege die Flügel ausreißt.“

Die Suche nach dem Mörder tritt im Laufe der Handlung jedoch eher in den Hintergrund. Dennoch gelingt es Pennicott, den Spannungsbogen durch seltsame Erscheinungen und unheimliche Begebenheiten bis zum Ende aufrecht zu erhalten. Auch der Wechsel zwischen der Erzählung der Geschichte von Pearl und der von Sadie trägt zum Spannungsaufbau bei. Als jedoch das Rätsel gelöst wird, ist es leider etwas ernüchternd. Einige Fragen bleiben offen – eventuell  sollen sie zum Spekulieren anregen. Dennoch ist es insgesamt ein lesenswerter Roman, in dem Aspekte der Freiheit, Emanzipation, Fantasie oder Liebe zum Nachdenken anregen.

von Sabrina v. Oehsen

Foto: ©Ullstein Verlag