Professor Julia Männchen

Anstatt wie andere Rentner ihren wohlverdienten Ruhestand im Schrebergarten oder im sonnigen Süden zu verbringen, ist Professorin Julia Männchen auch mit fast 75 Jahren noch an der Universität tätig. Sie arbeitet unter anderem als ehrenamtliche Kustodin im Gustav-Dalman-Institut, das sich mit der biblischen Landes- und Altertumskunde befasst. Seit 1968 ist die gebürtige Dresdnerin, die in Leipzig Theologie studiert hat, an der Universität Greifswald. Mit moritz sprach sie über ihre Arbeit, modernes Hebräisch und die Einsparungen bei der Bildung.

Wollten Sie als Kind schon immer Theologie studieren?
Nein, ich wollte Medizin studieren und Ärztin werden. Ich hatte nach meinem Abitur eine Ausbildung als medizinische Assistentin gemacht und dann aber gemerkt, dass das doch nicht mein Gebiet war, weil ich einfach zu wenig Gespür dafür hatte. Ich arbeitete damals in einem Labor im Krankenhaus und wenn da etwas nicht geklappt hatte, dann sagte meine Kollegin einfach: „Dann nehmen wir mal hiervon etwas mehr.“ Da hatte ich gemerkt, dass ich auf so eine Idee nie kommen würde. Die hatte einfach das richtige Händchen und Kenntnis. Entweder man findet so einen Zugang oder eben nicht.

Was fasziniert Sie an Theologie?
Auf der einen Seite komme ich aus einem kirchlichen Umfeld und habe auch die kirchliche Jugendarbeit mitgemacht, auf der anderen Seite wird in der Theologie über den Menschen, das Leben, den Sinn des Lebens und auch über das menschliche Zusammenleben nachgedacht. Das ist für mich heute noch wichtig und bereichernd zu lesen.

Sie haben Ihr Rentenalter schon weit überschritten. Warum arbeiten Sie weiterhin ehrenamtlich als Kustodin im Gustav-Dalman-Institut?
Ich habe mir vorgenommen, sozusagen ein Inventarverzeichnis im Namen von Gustav Dalman zu erstellen. Beziehungsweise das, was an Schriftlichem da ist, so weit zu ordnen, dass es dann ins Archiv gegeben werden kann – denn dort gehört es hin. Mein Ziel ist es, das noch abzuschließen.

Haben Sie schon Pläne, was Sie nach dieser „Abschlussarbeit“ machen wollen?
Ja, ich will noch einiges schreiben, auch im Zusammenhang mit Dalman; da sind teils noch Sachen zu machen.

Wie oft trifft man Sie noch in der Universität an?
Ich unterrichte noch modernes Hebräisch und das findet in diesem Semester dreimal die Woche statt. An sich bin ich aber jeden Tag hier, schon wegen der Sortierung der Akten. Außerdem machen wir jeden Mittwoch um halb eins eine Führung im Dalman-Institut.

Wie ein zweites Zuhause…
Ja (lacht), aber Ende August ist das dann abgeschlossen. Da muss mal ein Schlussstrich gezogen werden. Mit 75 reicht’s mir auch(lacht).

Wenn Sie mal zurückblicken, was gibt es für Veränderung im Uni-Leben?
Was die Studenten betrifft, kann ich das schlecht sagen, aber insgesamt sind die Verhältnisse natürlich ganz anders. Also vor 1989 war das ganz klar: Das Studium war streng geregelt mit fünf Jahren, dann machte man Examen und bekam eine Fachstelle. Dann haben damals auch Leute Theologie studiert, die vielleicht lieber Germanistik studiert hätten, aber das ging nicht. Inzwischen ist es sehr viel schwerer, eine Fachstelle zu kriegen, weil dort gespart wird. Allein die Tatsache, dass Theologiestudenten heute innerhalb ihres Studiums in der Schule unterrichten müssen, sind völlig andere Bedingungen und eine ganz andere Auseinandersetzung mit dem nichtchristlichen Umfeld.

Was sagen Sie dazu, dass bei der Uni bald die Lichter ausgehen?
Ich finde das katastrophal! Es ist unmöglich, dass immer wieder an dem Sektor Bildung gespart wird. Man wundert sich – allgemein gesagt – dass rechtsextreme Äußerungen gemacht werden oder dass Leute nicht zur Wahl gehen. Und dann spart man gleichzeitig an der Bildung, die politisches Bewusstsein und das Nachdenken über Politik fördert. Das kann man langfristig nicht ermöglichen, wenn man an ihr spart. Die Frage ist dabei natürlich immer: Wo würde ich denn sparen? Wenn man hier nicht spart, wo kann man an anderer Stelle sparen? Dazu weiß ich zu wenig, aber auf jeden Fall finde ich, dass es eine Katastrophe ist, an der Bildung zu sparen. Und – es kommen natürlich die ganzen anderen Faktoren hinzu, was das wirtschaftlich für die Region bedeutet, wenn die Uni so geschrumpft werden soll.

Macht Ihnen das Dozieren noch Spaß?
Ja! Da ich modernes Hebräisch unterrichte und da immer wieder Anfänger sind,  kommt man nicht sehr weit. Aber das ist etwas, was mir Spaß macht. Ich bin selber oft in Israel gewesen. Die Sprache, die wir im Theologiestudium kennenlernen, benutzen wir eigentlich nur passiv, wir lesen und übersetzen, so wie man das bei Latein oder Griechisch macht. Die Sprache aber wirklich aktiv im täglichen Leben zu benutzen macht einfach Spaß. In der Bibel kommt kein Wort für Auto vor – aber im modernen Hebräischen. Man erlebt viele Aha-Erlebnisse. Das ist sehr schön; ja, das macht mir Spaß.

Frau Männchen, Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führten Leonard Mathias und Sabrina v. Oehsen.

Foto: Sabrina v. Oehsen