Als Social Urban Gardens wurden sie im Sommer angepriesen. moritz. war bei der Polly Faber, um Initiatoren und neu Dazugekommene  von den durch Eigeninitiative geprägten Gärtenzu befragen – samt Ortswechsel und Interviewpartner-Zuwachs.

Wir sind jetzt hier im ersten Garten. Wann sind die Hochbeete entstanden und habt ihr die alle selbst erbaut?
Stephan: Die sind alle selber gebaut! Vorher lag der Garten eher brach und im März 2014 haben wir angefangen. Es gab schon vorher Versuche von den Polly-Mitgliedern einen Garten anzupflanzen, aber das ist dann immer wieder eingeschlafen.

Charlie: Und die Sonnenblume-Aktion! Da wurden etwa 2 Kilogramm Sonnenblumen-Samen bestellt, die nach der Aussaat versucht wurden zu kultivieren. Das könnte man ein bisschen als eine Kunst-Aktion sehen.

Stephan: Früher gab es bereits zwei Hochbeete, die ein Besucher der Polly Faber gebaut hatte. Als dann allerdings das Nachbargrundstück gekauft wurde, entschied man sich, dass die beiden Hochbeete dort weg mussten. Nachdem ich sie repariert hatte, kamen sie in den kleineren Garten.

Habt ihr das alles selbst finanziert oder habt ihr dabei Unterstützung?
Stephan: Wir fragen immer bei Baustellen, ob wir Bretter bekommen können. Außerdem fragen wir oft nach Baupaletten und so weiter, die irgendwo übrig bleiben. Finanziell ist fast alles mit Eigenleistung und Spenden ermöglicht worden. Es geht zudem darum, die Gegenstände, die wir haben, zu upcyceln. Zum Beispiel wurde uns eine Badewanne mitgebracht, die jetzt noch im Hof steht und im Frühjahr bepflanzt wird.
Charlie: Wir haben bisher hauptsächlich Geld für die Wasserkanister ausgegeben, die Regenwasser zum Bewässern sammeln.

„Es interessiert nicht was jemand studiert sondern nur, dass er oder sie sich für Pflanzen interessiert.“

Wie viele seid ihr, die an den Hochbeeten arbeiten?
Stephan: Hier im kleinen Garten sind wir drei bis vier Leuten, die sich regelmäßig treffen. Auf der Freifläche bei den Hochbeeten sind das etwa zehn Leute.

Charlie: Zehn? Eher 20. Ja, 20!

Sind das alles Polly Faber-Mitglieder, Studierende oder Greifswalder?
Charlie: Der kleinere Garten ist schon eher der „Polly-Garten“, weil sich hier hauptsächlich Mitglieder drum kümmern. Der Garten drüben ist so angelegt, dass es mehr ein Anknüpfungspunkt ist. Es muss hier keiner zwangsläufig etwas mit der Polly zu tun haben. Hier kann jeder kommen, um die Beete zu pflegen und zu ernten. Es nutzen nicht nur Studierenden die Hochbeete, sondern auch Greifswalder selbst – eine gute Mischung. Natürlich muss man anfangs ein bisschen erklären, worum es geht. Dann merken die Leute aber, dass es ein Projekt ist, das mit Eigenengagement verbunden ist. Dass keine kapitalistische Zwecke verfolgt werden und das Projekt einen sozialen Hintergrund hat.

Stephan: Das mit dem sozialen Hintergrund finde ich gut, weil man hier Menschen kennen lernen kann, an denen man in der Stadt vielleicht vorbeigelaufen wäre. Das beinhaltet für mich die Idee des offenen Gartens. Es interessiert nicht, was jemand studiert, sondern nur, dass er oder sie sich für Pflanzen interessiert. Der Garten soll auch für Besucher sein, die einfach nur die Atmosphäre genießen, sich auf die Bank setzen oder mithelfen wollen. Außerdem war der Gedanke, das Gemüse und so weiter als Eigenanbau bei Veranstaltungen anzubieten immer da.

Charlie: Bio-Polly!

Ist das denn alles hier Bio?
Charlie: Wie verwenden keine Pestizide.

Stephan: Genau! Bei dem Saatgut ist zwar nicht alles Bio, aber wir verwenden eben keine Pestizide und keinen künstlicher Dünger. Die Pflanzen sind zum Großteil von den Mitgliedern selbst gespendet, aber auch ein paar Gärtnereien haben uns unterstützt.

Nachdem der kleine „Polly“-Garten sich als ein grünes Mini-Paradies zwischen Kunst und altem Backstein erwiesen hat, gehen wir gemeinsam hinter das Polly Faber-Gelände. Auf dem Weg treffen wir noch zwei weitere „städtische Gärtner“. Bei diesen Hochbeeten fällt gleich auf, dass sie noch reicher bepflanzt sind. Außerdem sieht man hier deutliche Zeichen für ein Gemeinschaftsprojekts – eine Totenkopf-Flagge bedeutet „Bitte mitgießen“.

Wann sind diese Hochbeete auf der Freifläche hinter der Polly Farber entstanden?
Charlie: Die sind zum Workshop während der Woche des Greifswald International Students Festivals entstanden, genauer am 25. Juni 2014. Neben dem Workshop hatten wir einen Referenten aus Berlin hier, der allen Aquaponic erklärt hat. Die Idee, ein Aquaponic-Projekt zu starten, hatten wir schon einmal. Das ist ein in sich geschlossenes Wassersystem mit Fischen und Pflanzen. Dabei geben die Fische den Pflanzen Dünger und die Pflanzen reinigen das Wasser, sodass ein Kreislauf entsteht. Soweit sind wir zwar noch nicht, aber ich kann mir vorstellen, dass wir das hier einmal umsetzen werden. Vielleicht errichten wir je nach Beteiligung im Herbst die Grundpfeiler. Es gibt auch genug Material für weitere Hochbeete, also kann sich jeder noch anschließen. Interessierte können gern beispielsweise zu unseren Terminen vorbeikommen. Die Gemeinschaft trifft sich immer am ersten Mittwoch im Monat um 18 Uhr und am dritten Donnerstag des Monats ebenfalls um 18 Uhr. Das steht alles auf dem Blog www.urbanpolly.net, der das Projekt dokumentiert.

Wie bist du zu den Hochbeeten gekommen, Nicole?
Nicole: Ich habe in Greifswald studiert und bin noch hier. Zudem mag ich Pflanzen und ich komme gern mit meiner Tochter, Marie, hierher. Mir geht es dabei in erster Linie nicht um den Ernteertrag. Ich finde es schön mal eine Kleinigkeit zu ernten – ein paar Tomaten oder eine Gurke, die man selbst großgezogen hat.

Charlie: Das ist auch eine geschmackliche Sache.

Nicole: Genau und es geht um den ideellen Gedanken des urbanen Gartens – Teile der Stadt zu bewirtschaften.

Charlie: Ich finde so ein Hochbeet ist auch praktisch, weil es eine gute Arbeitshöhe hat. Die ist gut für den Rücken und man muss nicht direkt auf dem Boden rumkrauchen.

Gab es noch andere Gründe für die Entscheidung, Hochbeete zu bauen?
Nicole: Die Schnecken kommen schwerer an das Gemüse und ich habe das Gefühl, dass sich Unkraut nicht so schnell vermehrt.

Stephan: Wir haben uns zudem für Hochbeete entschieden, weil man nicht weiß, ob der Boden belastet ist, und der Boden hier keine gute Muttererde bietet.

Charlie: Und hier zeigt sich die Renaturalisierung des Industriegebiets, die Grundidee des urbanen Gartens. Wo vorher Baustoffe gelagert wurden, kann jetzt angepflanzt werden.
Stephan: Außerdem haben wir noch zwei Insektenhotels gebaut und seit gestern hat ein Imker sogar einen Bienen-Kasten probehalber bei uns aufgestellt. Das ist natürlich gut für die Pflanzen, die dann im Frühling bestäubt werden müssen.

„Es geht um den ideellen Gedanken des urbanen Gartens – Teile der Stadt zu bewirtschaften.“

Wie sehen eure Pläne in nächster Zeit und im nächsten Jahr aus?
Stephan: Die Gartensession ist natürlich bald vorbei und das meiste sind einjährige Pflanzen. Wenn die dann abgeerntet sind, werden die herausgeholt. Aber die Kräuter sind winterfest. Die werden dann abgedeckt und so vor dem Frost geschützt.

Charlie: Wir haben zum Beispiel Katharina als Mitglied, die beim Akademischen Auslandsamt arbeitet. Sie hat die Motivation, dass die internationalen Studierenden hier unter anderem integriert werden. Ich denke, das ist eine gute Idee, damit die internationalen Studierenden auch außerhalb der Universität Kontakte knüpfen. Das finde ich cool an dem Projekt. Es ist ein kleiner überschaubarer Raum, der ein Minimum an Pflege braucht – nicht wie ein eigener Garten – und dazu gibt es die Gesellschaft.

Stephan: Ferner wurde überlegt, Flüchtlinge zu integrieren, damit sie sich hier beschäftigen und neue Leute kennen lernen können. Das würde dann bestimmt zur Vermischung der Kulturen beitragen.
Nicole: Sodass sie trotz fehlender Arbeitserlaubnis etwas Sinnvolles unternehmen können.

Wer Interesse bekommen hat, kann jederzeit selbst Eindrücke von dem Projekt Social Urban Gardens bei der Polly Faber sammeln. Die Termine zum regelmäßigen Treffen können ebenfalls als Anlaufpunkt genutzt werden. Jedes Eigenengagement ist willkommen und es steht immer jemand mit Rat und Tat zur Seite, da alle es als Gemeinschaftsprojekt sehen. Wer das Projekt unterstützen möchte, kann Baumaterial, Gartengeräte, Saat- und Pflanzengut sowie Erde mit- oder vorbeibringen. Im Frühjahr werden dann wieder Workshops rund um die Social Urban Gardens geplant.

von Jette Geiger

Foto: Jette Geiger