30 Jahre lang müssen Hebammen die Unterlagen ihrer Schützlinge aufbewahren. 30 Jahre lang können sie für mögliche Fehler zur Verantwortung gezogen werden – eine unheimliche Bürde. Eine Reportage über die kleinen Füßen eines Neugeborenen.

Muttermilch hilft immer.“ Das ist der Satz, der mir von diesem Tag wohl am längsten im Gedächtnis bleiben wird. Es ist ein langer Tag. Janine, seit 2006 in Greifswald ausgebildete Hebamme, arbeitet zweimal in der Woche zwölf Stunden. An den anderen drei Tagen sind es acht Stunden. Eine Mittagspause ist nicht eingeplant. Der Tag beginnt mit einer offenen Sprechstunde für werdende Mütter, gefolgt von einer Krabbelgruppe. Hier stoße für einen Tag ich dazu.

Eine Decke voll mit glücklichen, aber durchweg müde scheinenden Müttern und ihren quicklebendigen Kindern. Manche kennen sich schon, andere sind neu. „Die Mütter treffen sich hier freiwillig einmal die Woche und tauschen Erfahrungen aus. Wir bieten ihnen nur den Raum und setzen uns dazu, um den Müttern zur Seite zu stehen“, erklärt Janine. Geld bekommt sie dafür nicht. Janine, 30 Jahre alt, ist Teil einer Hebammenpraxis in Greifswald. Drei Frauen unterstützen hier andere Frauen bei ihrem Kinderglück. Die Arbeit mit der Krabbelgruppe teilen sie sich, ansonsten arbeiten sie aber sehr unabhängig voneinander.
Während die umherrobbenden Kinder an Maischips knabbern und die Mütter sich über Schokoriegel freuen, klingelt Janines Handy. Eine frisch gebackene Mama hat einen Milchstau. Damit sich daraus kein Milchfieber entwickelt, kommen winzig kleine Nadeln zum Einsatz. Bereits am Wochenende hat die Hebamme sie akkupunktiert, doch die Nadeln müssen erneut zum Einsatz kommen – also ab ins Auto. Hebammen sind viel unterwegs, immer dabei Janines große braune Ledertasche. Hier verstaut sie alles, was sie für die Arbeit mit den Schwangeren und Neugeborenen benötigt. Die Tasche ist schwer. Trotz Milchstau begrüßen uns Anja und ihr kleiner Edgar freudig. Edgar ist ein Fußballweltmeister-Baby. An dem Tag seiner Geburt konnte kein Sieg das Glück von Anja über ihren kleinen Edgar übertrumpfen. Edgar hat auch einen nun großen Bruder. Bei beiden Schwangerschaften hat sich die Mama sowohl durch Hebammen als auch durch einen Arzt betreuen lassen und würde es immer wieder so machen. „Zu einer Hebamme herrscht eine besonders vertrauensvolle Beziehung. Mit Janine kann ich über alles offen reden“, erklärt mir die junge Mutter, während sie auf dem Bett liegt, die Brust gespickt mit Nadeln. Nebenbei überprüft Janine Edgars Gewicht und die Wendefähigkeiten seines kleinen Kopfes. Es riecht nach Babypuder. Außerdem ist Anja froh, dass Hebammen häufig Naturheilverfahren anwenden. In der Schwangerschaft und Stillzeit möchte man schließlich nicht dauernd Medikamente zu sich nehmen, nur weil es einem mal nicht ganz so gut geht. Um die Nadeln fachgerecht setzen zu können, hat Janine anderthalb Jahre eine Zusatzausbildung absolviert. Hebammen bilden sich häufig gerade in der alternativen Medizin neben ihrem Beruf weiter, um die Frauen bestmöglich unterstützen zu können, erzählt sie mir.

Hebammen im Dauerstress

„Hebammen arbeiten immer zu viel“, sagt Janine als wir wieder auf den Hof zur Hebammenpraxis einbiegen. Es geht weiter mit dem Rückbildungskurs. Im Monat unterstützt Janine zwischen sechs und zehn Frauen. Das ist bei weitem nicht genug, damit alle Frauen mit Baby im Bauch in Greifswald betreut werden, doch mehr sei definitiv nicht möglich. Janine hat selbst eine kleine Tochter, deswegen ist sie momentan auch nicht bei Geburten dabei. Trotzdem ist sie fast rund um die Uhr im Einsatz für die Vor- und Nachbetreuung. Die Arbeit der deutschen Hebammen wird durch die Krankenkassen getragen. Für einen Hausbesuch bekommt Janine 27 Euro brutto. Laut Tarifvereinbarungen darf ein solcher 20 Minuten dauern, doch meist reicht diese Zeit gerade mal dazu das Kind auszuziehen. Janine bleibt in der Regel 60 Minuten. Ihre Bezahlung ist das gute Gefühl, geholfen zu haben.

Hebammen sind Multitalente: Geburtshelfer, Seelsorger, Mediziner, Schamanen, eine gute Freundin, Ernährungsberater und Sportlehrer. Der Rückbildungskurs beginnt mit einer Vorstellungsrunde der vielen „Wir“. Mütter verschmelzen mit ihren Kindern. Nach ein paar Übungen für Bauch, Beine und Po finde ich mich neben einem Kreis von stehenden Frauen wieder, die alle gemeinsam ihren Beckenboden anspannen. Dies sei die effektivste Methode um den weiblichen Körper nach den Strapazen einer Geburt wieder zu stärken. Das könne man sogar mit Gewichten trainieren – für mich eine bizarre Vorstellung.

Es gibt wieder keine Pause zum Durchatmen. Während der letzten sportlichen Aktivitäten trudeln schon die ersten werdenden Mamis für die Akkupunktursprechstunde ein. Nach dem Setzen der Nadeln gegen Sodbrennen, Wassereinlagerungen und als Geburtsvorbereitung, füllt Janine ihre Patientenkarten aus, während sich die Frauen unterhalten. Das ist der erste Papierkram am Tag, den ich sehe. Auf Nachfrage erklärt mir Janine, dass sie die restliche Dokumentation abends macht, wenn ihre Tochter im Bett ist. Ein Großteil ihrer Leistungen kann sie mit der Krankenkasse abrechnen, doch dafür sind viele Zettel und eine Menge Tinte notwendig. Jeder Handgriff für die kleinen Wesen wird festgehalten, Lücken dürfen nicht entstehen, sonst haftet die Versicherung nicht. Und da sind wir schon an dem Punkt angekommen, an dem aus den vielen süßen kleinen Babys purer Ernst wird.

Vom Aussterben bedroht

Bis dato wurden die deutschen Hebammen durch die Nürnberger Allianz versichert. Keine andere Versicherung wollte dieses Risiko tragen und so bildete die Nürnberger ein Monopol, was die Prämien für freiberufliche Hebammen unglaublich in die Höhe schnellen ließ. 1981 haben Hebammen noch 30,68 Euro pro Jahr für die Absicherung ihrer Tätigkeit bezahlt, 2014 sind es für geburtsbegleitende Hebammen schon 5 000 Euro. Eine Steigerung jenseits der Inflationsrate – kein Wunder, dass zahlreiche Hebammen im Frühjahr 2012 zu protestieren begannen. Nach Angaben des Vereins „Hebammen für Deutschland e.V.“ haben bereits 20 Prozent der insgesamt rund 18 000 Hebammen der Geburtshilfe abgeschworen. Doch es kommt noch schlimmer, denn die einzige zur Verfügung stehende Versicherung hat angekündigt den Vertrag zu beenden. In diesem Falle müssten sämtliche freiberufliche Hebammen, also 60 Prozent aller Geburtshelferinnen, ihre Existenz aufgeben, denn ohne Versicherung ist die Arbeit mit so empfindlichen kleinen Menschen einfach nicht möglich. Das Risiko ist zu groß. „Ich überlege auch immer wieder, was ich anderes machen könnte, wenn es soweit kommen sollte, aber bis jetzt ist mir noch nichts eingefallen“, sagt Janine mit traurigen Augen. Bis 2015 ist die Versicherung noch sicher, danach weiß noch keiner, wie es weitergeht. Immerhin konnte Anfang August eine Einigung der Hebammenverbände mit den Krankenkassen bezüglich eines finanziellen Ausgleichs der steigenden Versicherungsprämien erreicht werden. Dies sei aber nur eine kurzfristige Lösung. Langfristig müssen andere Wege durch die Politik gefunden werden, um das Recht auf die freie Wahl des Geburtsortes aus dem Sozialgesetzbuch V zu gewährleisten, so die Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes, Martina Klenk.

Für Janine bleibt keine Zeit weiter darüber nachzudenken. Sie ist bereits auf dem Weg zu ihrem nächsten Hausbesuch. Hier führt sie eine Kardiotokografie (CTG) durch, um die Herztöne und mögliche Wehen zu überprüfen. Gespannt richten sich die Augen der werdenden Mutter und der zukünftigen großen Geschwister auf den Bildschirm und sie lauschen den Herztönen. Das Baby hat Schluckauf. Eine Stunde dauert der Besuch mit Akupunktur, CTG, Urinkontrolle und Gespräch. Janines Tag ist noch nicht zu Ende. Für sie folgen ein kurzer Besuch im Krankenhaus, noch ein Hausbesuch und die Fahrt nach Stralsund. Ich gehe geschafft nach Hause. Für Janine stand fest, dass sie Hebamme wird, als sie eines nachts kurz vor ihrem Abitur davon träumte. Eine berufene Hebamme – anders geht es wohl in diesem Beruf nicht, stelle ich fest, als ich müde auf meine Couch sinke.

von Lisa Klauke-Kerstan

Bild: Lisa Klauke-Kerstan