Eine bundesweite Arbeitsgemeinschaft zum Thema Evolution verbindet Studierende und Hochschulabsolventen unterschiedlichster Disziplinen.

Die Theorie Charles Darwins lieferte ebenso revolutionäre Inhalte für die Wissenschaft wie für unser Selbst- und Weltbild. Die weitreichenden Konsequenzen, die sich daraus ergaben, stellten den wörtlich verstandenen biblischen Schöpfungsglauben infrage. Dazu ermöglichten sie erstmals eine konsistente naturalistische Erklärung zur Entwicklung der Lebewesen. Trotz dieser enormen Erklärungskraft gibt es auch heute in Deutschland immer noch deutlichen Widerstand gegen die Evolutionstheorie und die sich aus ihr ergebenden Schlussfolgerungen.

„Kreationismus ist eine dezidiert wissenschafts- und aufklärungsfeindliche Position. Wir denken, dass man etwas dagegen unternehmen muss“, sagt Andreas Beyer, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Evolutionsbiologie (AG EvoBio) und Professor für Molekularbiologie. Beyer gründete im „Darwin-Jahr“ 2009 mit mehreren anderen Naturwissenschaftlern die wissenschaftliche Vereinigung „AG Evolutionsbiologie – Evolution in Biologie, Kultur und Gesellschaft“.

Ein Ziel ihrer Arbeit sieht die AG in der Aufklärung über das interdisziplinäre Konzept der Evolution, wobei das Spannungsfeld zwischen Evolutionstheorie und religiösen Schöpfungslehren besondere Berücksichtigung findet. Wesentlich für die Gründung der AG war die Erkenntnis, dass die gesellschaftliche Zukunftsperspektive in großem Maße von der Verankerung der Wissenschaft in der Bildung abhängig ist, erklärt Beyer.

Die Evolutionstheorie spielt hier eine besondere Rolle. So liefert sie neben einer konsistenten Beschreibung der Zusammenhänge innerhalb der belebten Natur wie keine andere wissenschaftliche Theorie Hinweise auf die Verortung des Menschen in seiner Umwelt. Eine populärwissenschaftliche Aufbereitung der Evolutionstheorie, die Analyse kreationistischer Einlassungen und die Auseinandersetzung mit gesellschaftlich relevanten Aspekten der Evolutionstheorie gehören deshalb zu den Aufgaben der AG EvoBio. Unter anderem die Bereitstellung didaktischer Materialen und die Vortragsangebote richten sich gezielt an Lehrer sowie auch an wissenschaftliche Laien. Grundzüge der Evolutionstheorie und Wissenschaftstheorie sollen so für die Allgemeinheit verständlich dargestellt werden. Hierzu werden beispielsweise ausgewählte wissenschaftliche Publikationen sprachlich und inhaltlich so vereinfacht dargestellt, dass die Ergebnisse ein breiteres Publikum erreichen können.

In Deutschland ist der Schöpfungsglaube weit verbreitet, wie eine im Auftrag der „Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland“ erstellte repräsentative Umfrage 2005 herausfand: Einerseits hielten rund 60 Prozent der Befragten die Entstehung des Lebens ohne Einwirken einer höheren Macht in einem natürlichen Entwicklungsprozess für wahr. Allerdings ging deutlich mehr als ein Drittel von einem biblischen Schöpfungsakt oder einer göttlich gesteuerten Entwicklung aus. Eine von der Technischen Universität Dortmund 2008 durchgeführten Umfrage unter Studienanfängern zeigte zudem, dass unter angehenden Biologielehrern jeder Achte nicht von der Evolution überzeugt war.

Darwins religiöse Gegner

Die Widerlegung parawissenschaftlicher Kritik an den Erkenntnissen über die Evolution hat seit den Anfängen der AG einen hohen Stellenwert, denn die entsprechenden Argumentationen der Evolutionsgegner sind für Laien häufig kaum durchschaubar. Ziel ist es, Argumentationshilfen und -strategien zur Verfügung zu stellen. Ein Meilenstein dieses Vorhabens stellt der Sammelband „Evolution im Fadenkreuz des Kreationismus – Darwins religiöse Gegner und ihre Argumentation“ dar, der vor fünf Jahren vom Geschäftsführer der AG, Martin Neukamm, herausgegeben wurde. Er enthält eine Auseinandersetzung mit deutschsprachigen Vertretern kreationistischer Thesen und deren Argumenten.

Neben den in dem Buch besprochenen Evolutionskritikern, die teilweise auf einem naturwissenschaftlich anspruchsvollen Niveau argumentieren, finden sich heute in Deutschland auch immer mehr evangelikale Jugendorganisationen, bei denen der Kreationismus eher als Nebenprodukt einer fundamental-christlichen Weltsicht verstanden werden kann. Das Menschenbild, das durch einen solchen Glauben vermittelt wird, ist jedoch alles andere als fortschrittlich und humanistisch.

Kein typischer Atheisten-Club

„Natürlich hat jeder Mensch ein Recht zu glauben, was er möchte. Sobald religiöser Fundamentalismus jedoch öffentlich missioniert, muss er sich auch der Beurteilung seiner Aussagen stellen. Die gezielte Beeinflussung von vor allem Kindern und Jugendlichen liegt weit außerhalb einer geschützten Privatsphäre“, erklärt Anna Beniermann, Mitglied der AG Evobio. Sie arbeitete schon während ihres Studiums in der Arbeitsgemeinschaft mit, die nicht nur Alumni oder renommierten Forschern offensteht. Angehende Wissenschaftler und jüngere Menschen, die sich für die Beschäftigung mit diesen Themen interessieren, sind ebenfalls eingeladen.

Beniermann erklärt weiter, dass die AG EvoBio eine Auseinandersetzung mit fundamentalistischen Gruppen, die sich gezielt an Heranwachsende, Jugendliche und junge Erwachsene wenden, für besonders wichtig hält: Hier wird neben dem wissenschaftlich erworbenen Wissen auch die Selbstbestimmung jedes einzelnen Menschen aufgrund religiöser Ideologie unmittelbar gefährdet. Da in der AG Fachleute der unterschiedlichsten Disziplinen vertreten sind, können evolutionäre Fragestellungen unter den verschiedensten Blickwinkeln behandelt und betrachtet werden. Durch einen Zusammenschluss von evolutionsbiologisch versierten Personen wird die Vermittlung von Sachinformationen zur chemischen und biologischen Evolution möglich und auch ideologisch begründeter Evolutionskritik kann so begegnet werden.

Ein typischer Atheisten-Club ist der Verein nicht. In der Gründungserklärung heißt es: „Als Vertreter einer fruchtbaren naturwissenschaftlichen Disziplin sehen wir den Naturalismus, welcher jeder empirischen Wissenschaft zugrunde liegt, als unabdingbare Voraussetzung einer sinnvollen Arbeit und Diskussion. Daher halten wir daran fest, dass Weltanschauungen inklusive solcher religiöser oder konfessioneller Art das wissenschaftliche Denken und Arbeiten nicht seinem Inhalt nach beeinflussen dürfen, unabhängig davon, welchen Stellenwert sie in dieser oder jener Form im Leben und Arbeiten eines jeden einzelnen einnehmen.“

Chance zur Mitgestaltung

Die AG Evolutionsbiologie ist also ein weltanschaulich neutraler Zusammenschluss. Und trotz teilweise sehr unterschiedlicher persönlicher Weltanschauungen ist ein methodischer Naturalismus der gemeinsame Nenner: Christen, Agnostiker, Atheisten und Humanisten in der AG EvoBio sehen unabhängig von ihrer persönlichen Einstellungzum religiösen Glauben die naturwissenschaftliche Methode als hohes Gut an.
Und die aktive Vernetzung ist besonders in einem so interdisziplinären Feld wie der Evolutionsbiologie fruchtbar: Biologen, Chemiker, Philosophen, Religionswissenschaftler, Theologen und viele weitere treffen dabei aufeinander und bringen unterschiedliche Sichtweisen zu den  betrachteten Themengebieten ein. In den vergangenen Jahren hat es wissenschaftliche Tagungen gegeben, die von der AG ganz oder teilweise bestritten und mit interessanten Vorträgen gefüllt wurden. So zum Beispiel in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Akademie im Rheinland in Bad Godesberg auf einer Tagung mit dem Titel „Evolutionsbiologie am Anfang des 21. Jahrhunderts“. Dort wurden evolutionsbiologische Grundlagen und Forschungsergebnisse ebenso wie Überlegungen zu erkenntnistheoretischen und philosophisch-theologischen Schlussfolgerungen aus der Evolutionstheorie vorgestellt. Weitere Tagungen sind geplant und können – genau wie einzelne Vorträge – bei Mitgliedern der AG angefragt werden. Die AG EvoBio bearbeitet somit ein sehr umfangreiches Themengebiet. Deshalb freut man sich auch immer über neue Mitarbeiter, welche die Inhalte der Evolutionsbiologie kompetent vermitteln können: „Wir bieten allen, die Interesse an evolutionsbiologischen Themen besitzen, einen methodischen Naturalismus vertreten und Lust haben, gemeinsam mit den verschiedensten Kollegen aus ganz Deutschland an gesellschaftlichen Themen im Bereich Evolutionsbiologie zu arbeiten, eine Plattform“, fasst Andreas Beyer zusammen. Und nicht zuletzt liefert die AG Evolutionsbiologie damit auch jungen Forscherinnen und Forschern die Chance zur aktiven Mitgestaltung und interdisziplinären Vernetzung.

Beyer betont: „Sicher ist Homo sapiens nicht die ‚Krone der Schöpfung‘, für die er sich jahrtausendelang mit überheblicher Selbstverständlichkeit gehalten hat. Aber immerhin sind wir die einzigen, die über diese Welt sowie unsere eigene Natur und Herkunft nachdenken und Erkenntnisse gewinnen können. Dies ist ein hohes Gut, und das sollten wir miteinander teilen.“

Mehr über die AG könnt ihr auf www.ag-evolutionsbiologie.de erfahren. | Viele interessante und aktuelle Neuigkeiten rund um den Arbeitsbereich der AG gibt es regelmäßig auf www.facebook.com/AGEvolutionsbiologie

von Arik Platzek

Foto: wikicommons User 1997