Mit der „Wanka-Blockade“ in Greifswald am 20. Mai 2014 und der Rostocker Demonstration am 25. Juni 2014 wurde regional auf die schlechte finanzielle Lage der Hochschulen hingewiesen. Eine Großdemonstration aller Studierendenschaften in Berlin sollte der Höhepunkt werden, aber um die ist es jetzt sehr ruhig geworden.

Die Studierenden demonstrieren wieder. Mit der Blockade des Instituts für Plasmaphysik Greifswald im Mai 2014 hatte der Bildungsstreik begonnen. Es folge die Demonstration in Rostock. Nach diesen beiden Veranstaltungen sollte nun eine zentrale, bundesweite Demonstration in Berlin stattfinden, um die Bundesregierung unter Druck zu setzen. Jedoch wurde es um diese erstaunlicher Weise sehr ruhig. Es scheint, als würde es nicht zu dieser Großveranstaltung kommen. Auf dem letzten Planungstreffen des Bildungsstreiks habe die Verantwortlichen in  Berlin mitgeteilt, dass sie keine Demonstration machen würden. „Die Gründe hierfür waren unter anderem ein zu geringes Mobilisierungspotential in Berlin, zumal die Studierenden auch auf viele Standorte aufgeteilt sind und es daher schwer ist alle zu erreichen. Auch fehlt dem Bündnis die Unterstützung der Allgemeinen Studierendenausschüsse“, erklärt Alexander Hönsch, Vorsitzender der bundesweiten Treffen und Student der Universität Magdeburg. Man wolle lieber keine Demonstration machen, als eine kleine Versammlung mit wenig Menschen.

„Es ist schon sehr schwach von Berlin, nichts auf die Kette zu bekommen, einer protestgewohnten und vor allem großen Stadt, die viele bundespolitische Anlaufstellen zum Demonstrieren hat“, findet Martin Grimm, Vertreter des Studierendenparlaments Greifswald, doch recht deutliche Worte zur aktuellen Situation. Man habe sich bei der letzten bildungspolitischen Aktion mit schätzungsweise 150 Protestierenden in Berlin „selbst ein Armutszeugnis ausgestellt“, so Martin weiter. Auch Marie Bonkowski, ehemalige Referentin für Hochschulpolitik im Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA)Greifswald, findet es schade, dass Berlin sich aus der Verantwortung zieht. „Einzelne Demos im Rahmen des Bildungsstreiks werden häufig so wahrgenommen, als würden nur einzelne Standorte über eine unzureichend finanzierte Bildungseinrichtung verfügen. Hierbei handelt es sich jedoch um ein bundesweites Problem. Eine gemeinschaftliche Demonstration in der Landeshauptstadt hätte dies, und die Solidarität zwischen den Standorten, verdeutlicht”, erklärt sie das Problem. Die Vertreter aus Berlin wollten sich nicht zu den Vorwürfen äußern.

Da sie bisher auch jedem Versuch einer Vernetzung mit den anderen Universitäten aus dem Weg gegangen seien, hat man sich in der Greifswalder Arbeitsgemeinschaft (AG) „Bildungsstreik“ dazu entschlossen, die Herbstproteste in Greifswald stattfinden zu lassen. Die Pläne dafür seien auch schon in der Umsetzung. So ist der kommende Oktober als Aktionsmonat geplant, der vor allem zur Aufklärung und Mobilisierung genutzt werden soll. „Neben unseren Kommilitonen, die bereits hier sind, wollen wir mit unserer Aufklärungsarbeit auch gezielt an die neuen Erstsemester herangehen. Den ganzen Monat werden wir mit Infoständen, Material und Veranstaltungen füllen“, informiert Martin, der Vorsitzende der AG „Bildungsstreik“. Weitere Details wolle er aber nicht verraten, um den Überraschungseffekt zu wahren. „Zum krönenden Abschluss des Jahres soll dann wieder in guter alter Tradition am 5. November 2014 protestiert werden, diesmal aber nicht in Schwerin, sondern in Greifswald.“ Um landesweit Unterstützung für die kommenden Aktionen zu sammeln, vernetze man sich daher auch auf Landesebene. Der Beginn des kommenden Semesters dürfte daher für viele spannend werden. Es bleibt aber abzuwarten, ob Greifswald bildungspolitisch wirklich ein „Heißer Herbst“ bevorsteht.

von Tom Peterson und Corinna Schlun

Geld2Es fehlt an Solidarität 

Kommentar von: Tom Peterson

Der Bildungsprotest herrscht in Deutschland schon seit 2009 und viele der „alten Hasen der Hochschulpolitik“ stehen gerade vor ihren Abschluss und wollen in das Arbeitsleben starten. Daher ist es umso wichtiger, dass diejenigen für diese Thematik sensibilisiert werden, die mit ihren Studium gerade beginnen. Sie sind es auch schließlich, die die Kürzungen im Bildungsbereich am deutlichsten spüren werden.
Sieht man sich jedoch die letzten Teilnehmerzahlen an den Demonstrationen in Mecklenburg-Vorpommern und Umgebung an, kommen einem ernste Zweifel, ob der Bildungsprotest von Erfolg gekrönt sein wird. 150 Demonstrierende in Berlin, knapp doppelt so viele in Rostock. Und auch die so berüchtigte „Wanka-Blockade“ in Greifswald konnte kaum mehr als ein Zehntel aller Studierenden der dortigen Universität mobilisieren. Wie kommt es, das alle Studierenden einer Universität für einen Tag frei bekommen, um für die Bildung zu protestieren, über 90 Prozent sich aber lieber ins Eiscafé oder an den Strand setzen? Wieso kommt es zu dieser fehlenden Solidarität unter den Greifswalder Studierenden? Ist es einfach Desinteresse, was mit der eigenen Universität passieren könnte, oder weil die Aufklärungsarbeit seitens der studentischen Gremien nicht ausreicht um die Masse der Studierenden zu erreichen? Waren nicht einmal 10 Prozent der Studierenden bei der „Wanka-Blockade“ dabei, so waren es bei der anschließenden Vollversammlung noch weniger. Aber gerade hier hat jeder Studierende die Chance selber an der Hochschulpolitik seiner Universität mitzuwirken.

Dass eine zentrale Demo in Berlin nicht zu Stande kommt, kann nicht nur an dem dortigen Unwillen der Studierendenvertreter liegen. Wozu die ganze Vernetzung untereinander, wenn man nicht einmal eine gemeinsame Veranstaltung an einem Ort hinbekommt? Wenn man Aussagen wie „Berlin ist zu weit weg“, oder „Mich betrifft das doch nicht“ hört, muss man sich ernsthaft fragen, was eine gerechtere Bildung den Studierenden wert ist? Sicher, eine Fahrt von München nach Berlin und wieder zurück sprengt in der Regel jedes Studentenbudget. Aber warum bekommen die Studierenden in Spanien, Frankreich und anderen europäischen Ländern so etwas hin? Eine zentrale bundesweite Demo in der Hauptstadt bietet die einmalige Möglichkeit, bei denen ein Zeichen zu setzen, bei denen man die Verantwortung in der Bildungspolitik sehen möchte – bei der Bundesregierung. Wenn man wirklich etwas erreichen möchte, kann dies nicht durch kleine dezentrale Veranstaltungen anderswo geschehen. Berlin ist nun mal die Bundeshauptstadt und nicht München, Hamburg oder Frankfurt. Kleine Demonstrationen sind auch wichtig; sie sind schneller und einfacher organisiert und können im Prinzip öfters veranstaltet werden. Nur hat sich leider gezeigt, dass die Politik solche Veranstaltungen kaum wahrnimmt. Eine Großveranstaltung hat dagegen den Vorteil, dass sie weitaus mehr öffentlichen Druck schafft. Und genau das ist es, was die Bundesregierung braucht, damit es zu Bewegung in der Bildungspolitik kommt. Soll sich in der aktuellen Bildungspolitik etwas ändern – vorausgesetzt man möchte dies überhaupt – ist ein Zugticket, oder eine längere Autofahrt doch wohl das geringere Übel.