Aus einer Schnapsidee entsteht der studentische Erotikkalender in Greifswald. moritz. hat sich die Organisation und Entwicklung  genauer angeschaut.

Schmunzelnde Gesichter, Unverständnis und Kommentare wie „dann muss der Präsident aber auf das Cover“: Das waren die ersten Reaktionen auf einen Antrag der Partei ‚Die PARTEI’ am 1. Juli 2014 im Studierendenparlament (StuPa). Unter dem Motto „Selbst anpacken – Geld für die Uni ranholen“ wollen sie einen Erotikkalender von Studierenden organisieren. Dieser soll die Universität in Sachen Haushaltsdefizit unterstützen. „Wir wollen mit Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, zum Beispiel Lehrstellen an der Universität ranholen“, erklärt Björn Wieland, einer der Antragssteller. Außerdem werden dadurch auch die Studierenden auf das Thema Haushaltsdefizit stärker sensibilisiert.

Viele der anwesenden StuPisten sehen in dem Antrag nur wieder ein Hirngespenst der Partei, da der Antrag bei einigen Bieren in einer Kneipe, während der Planung des Wahlprogramms der StuPa-Wahlen im Januar 2014, formuliert wurde. Und doch gibt es einige Mitglieder des StuPa, die im Antrag einen Sinn sehen. Man könne die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Haushaltsdefizit verstärken, müsse jedoch auch vorher die Richtlinien abstecken. Der Kalender soll nämlich kein Werkstattkalender werden, sondern auch künstlerische Ansprüche haben. Trotz harscher Kritik und langen Diskussionen sprechen sich die Parlamentarier für den Antrag aus. Die Referenten des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) müssen sich nun mit dem Kalender auseinandersetzen, indem sie Orte, Models und  Fotografen suchen. Sie sollen dabei ein Konzept entwickeln, welches dann planmäßig Anfang September besprochen und abgesegnet wird. Erst dann entscheidet man endgültig über den Kalender und erteilt die wohl mögliche Druckfreigabe.

Euphorischer Beginn

Auch die AStA-Referenten sind dem Projekt gegenüber positiv gestimmt. Zwar haben auch sie einige Zweifel, ob die Ziele erreicht werden, trotzdem beschließen sie einstimmig die Gründung einer Arbeitsgemeinschaft, die sich mit dem Kalender befassen soll. Die AG Erotikkalender erblickt nun das Licht der Welt und nur drei Tage später konstituiert sie sich. Zwar wird bis zum September kein endgültiger Vorsitzender gewählt, aber Björn Wieland, Antragssteller, und Anna-Lou Beckmann, AStA-Referentin für Veranstaltung, übernehmen das Zepter. In zahlreichen Sitzungen, die ab nun jede Woche stattfinden, wird das Konzept besprochen und jegliche Unterstützung gesammelt. Bei der AStA-Sitzung am 21. Juli 2014, also nur vier Tage nach der ersten AG-Sitzung, sind die Organisatoren positiv gestimmt. Man habe jetzt schon genügend männliche Models, nur an den weiblichen hapert es. Zwischenzeitlich sprechen die Organisatoren von ungefähr 30 Models. Jedoch taucht Ernüchterung auf, denn nicht jedes Model, dass sich zum Anfang gemeldet hatte, will sich dann doch ausziehen. „Als es ernst wurde und man nachgefragt hat, kam manchmal eine Absage oder keine Antwort mehr, sodass wir am Schluss fast genau auf die benötigte Anzahl an Models gekommen sind“, erzählt Björn. Die Organisatoren wollen allen Studierenden die Möglichkeit geben am Projekt teilzunehmen. Deshalb wurde mit den Models vorweg besprochen – falls sie es nicht in den Kalender schaffen –, dass ihre Bilder für Werbezwecke, wie Plakate und die Internetseite, genutzt werden. Auch die Idee eines Bildbandes kam zusätzlich zum Kalender auf.

Eines der Models ist Marlene*. „Ich bin kein Mensch, der gerne Parolen brüllt oder Sitzblockaden veranstaltet. Dass meiner Uni Geld fehlt, stört mich trotzdem: Durch den Kalender kann auch ich mich an den Protesten um das Haushaltsdefizit beteiligen“, begründet sie ihre Entscheidung. Und doch war es für die Studentin das erste Mal als Aktmodel. „Klar war ich am Anfang aufgeregt und gespannt, aber bei dem Shooting an sich war die Atmosphäre sehr angenehm und entspannt. Eigentlich hat es sogar Spaß gemacht“, erzählt die junge Frau, die sich sonst eher als fotoscheu beschreibt.

Rege Beteiligung in der AG 

Bevor sich die Models ausziehen können, muss erst das Konzept stehen. Rund 15 Studierende nehmen durchschnittlich an den Sitzungen der AG teil. Sie diskutieren über verschiedensten Punkte. Man entscheidet sich so zum Beispiel, dass es einen Wendekalender geben wird – eine Seite mit Frauen, die andere mit Männern. Und dass die Studierenden rund 10 Euro zahlen sollen, für Außenstehende liegen die Kosten bei 15 Euro. Eines der größten Streitthemen ist die Nacktheit der Studierenden. Einige Besucher der AG wollen die Individualität der jeweiligen Models beibehalten. Diese sollen selbst entscheiden, wie viel Haut sie zeigen. Genauso sollen die Fotografen aussuchen, ob sie die Fotos lieber in schwarz-weiß oder Farbe produzieren. „Die Models sind keine Sklaven“ und „nicht jeder Mensch ist gleich, genauso wie die Universität vielseitig ist“, waren Argumente, die für die Freiheit der Models und Fotografen sprechen. Andere Mitglieder der AG möchten dagegen eine Linie im Kalender haben. Man müsse sich schon überlegen, was man macht. „Die komplette Ästhetik und die künstlerischen Aspekte gehen bei einer unklaren Linie verloren“ und „wir können den Models schon Richtlinien geben“ waren die Gegenargumente. Der StuPa-Präsident Philipp Schulz versucht dabei zu beschwichtigen: „Es geht in erster Linie um das Hochschuldefizit.“ Um dieses Thema im Mittelpunkt zu haben, sollen die Models an besonders gefährdeten Gebäuden der Universität fotografiert werden, so wie der Anglistik, Alte Physik oder im Jura-Keller. Im Endeffekt wird ein Mittelweg gefunden: Die Models werden in schwarz-weiß abgelichtet, dürfen aber selbst entscheiden, wie viel sie tragen wollen.

Neben den Models sind die Fotografen ein wichtiger Bestandteil. Jan Krause ist einer der Fotografen, der sich sofort bereit erklärt hat zu helfen. „Zum einen mache ich mit, weil ich gerne fotografiere und das Projekt als Herausforderung angesehen habe, weil ich zuvor noch nie nackte Menschen fotografiert habe und zum anderen, weil ich als Kunststudent die Auswirkungen der aktuellen Finanzsituation schon jetzt zu spüren bekomme“, erklärt er seine Begeisterung für das Projekt. Gerade die Fotografen stecken viel Zeit in das Projekt. Neben den AG-Sitzungen gibt es Treffen mit den Organisatoren und den Models. Dazu kommen Besichtigungen der Locations, die Fotoshootings und die Nachbearbeitung der Fotos. „Die Planung und die Durchführung begleitet mich nahezu durch die gesamten Semesterferien. Neben der Zeit steckt aber auch viel Herzblut im Kalender.“

Chaotische Organisation

Trotz all der erfolgreichen Arbeit fehlt es vor allem an einer strukturieren Organisation. „Ich habe das Gefühl, dass die Fotografen sich untereinander viel koordiniert haben, dem AStA und dem AG-Vorsitz aber zeitweise der Überblick fehlte“, erklärt Marlene. Weiter erzählt sie, dass sie nach ihrem Fotoshooting einen Vertrag bezüglich den Bildrechten unterschreiben musste. „Gleichzeitig wurde mir aber auch gesagt, dass es noch einen neuen Vertrag später geben wird.“

Neben der Organisation müsste auch die Kommunikation besser klappen. „Es sollten mehr Informationen fließen, um Missverständnissen vorzubeugen“, findet Jan. Marlene meint, dass gerade die Einladungen zu den AG-Sitzungen nicht öffentlich genug sind. Auch Björn würde bei einer Wiederholung des Projekts die Organisation verbessern wollen und die Arbeit transparenter gestalten. „Dies beides ist aber sicherlich dem sehr eng bemessenen Zeitplan geschuldet und könnte daher beim nächsten Mal einfach behoben werden.“

Finanzierung ungeklärt

Eine Frage wird jedoch nicht in der AG geklärt: Wie soll der Kalender überhaupt finanziert werden? Dafür setzen sich die Organisatoren, das StuPa-Präsidium und der AStA-Vorsitz zusammen. Dafür setzen sich die Organisatoren, das StuPa-Präsidium und der AStA-Vorsitz zusammen. Gerade das Problem der Umsatzsteuer muss geklärt werden. Man will der Studierendenschaft diese Unkosten nicht auch noch aufdrücken. Wie nun das Finanzkonzept aussieht, ist unklar. Gegenüber dem moritz. wollten die Organisatoren sich nicht äußern. „Es gibt gute Ideen, die auf der StuPa-Sitzung diskutiert werden sollen“, meint Björn.

Am 2. September 2014 sollte die endgültige Entscheidung über den Erotikkalender erfolgen. Da der Kalender zur Ersti-Woche am 6. Oktober 2014 schon verkauft werden soll, musste die Entscheidung schnell fallen. Jedoch war das StuPa in der Sitzung aufgrund eines formellen Fehlers nicht beschlussfähig und konnte somit nicht über den Kalender entscheiden. Schon vorweg hatten einige StuPisten sich negativ gegenüber dem Kalender geäußert. Sie wollen nicht vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Da der Kalender nun fertig sei, müsse man ihn annehmen. Auch das die Organisatoren kein vorläufiges transparentes Finanzkonzept vorgelegt hat, missfällt einigen Mitgliedern. Nun gab es in der vorlesungsfreien Zeit keine StuPa-Sitzung mehr. Gerüchten zufolge, wollen die Organisatoren – obwohl es keinen Beschluss gibt – den Kalender produzieren, indem sie die Kosten über Sponsoren decken lassen. Auch gegenüber moritz. wollten sie sich nicht äußern, wie es genau weitergehen soll. Björn jedoch möchte ganz klar den Kalender veröffentlichen „Nach der vielen Arbeit, die so viele Studierende in das Projekt gesteckt haben, wird der Kalender kommen, so oder so!“

* Name von der Redaktion geändert

von Corinna Schlun

Foto: Isabel Kockro