Das Mindesthaltbarkeitsdatum begegnet uns täglich im Leben. Bereits beim Frühstück steht es unter anderem auf der hoffentlich noch frischen Milch. Aber was ist, wenn es überschritten wurde? Was für den einen ein Gesetz zum Wegwerfen ist, ist für den anderen nur eine Empfehlung.

Lager spaltet, gibt es in Deutschland seit dem 22. Dezember 1981: das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD). Gerade zum Semesterbeginn fällt wohl ein paar Studierenden bei der Sichtung ihrer Lebensmittel-Sammlung auf, dass sie dieses und jenes Lebensmittel schon zu lange horten. Aber was bedeutet das eigentlich?

Die Hersteller sichern den Verbrauchern nur bis zum MHD zu, dass die Eigenschaften des Produkts so sind, wie sie sein sollen und von ihnen gewünscht werden. Folglich wird die Qualität nur bis zu diesem Zeitpunkt garantiert. Danach können eher harmlose „Alterungserscheinungen“ wie Konsistenzveränderungen, leichte Farbwechsel und geringfügige Geschmacksveränderungen auftreten. Folgenreichere Entwicklungen des Lebensmittels können allerdings nicht ausgeschlossen werden. Hierzu zählen zum Beispiel die Bildung von giftigem Schimmel oder Bakterien sowie Fäulnis. Dies ist normalerweise nur der Fall, wenn das MHD überschritten oder die damit verbundene ideale Lagerung nicht eingehalten wurden.

Dass der durchschnittliche Verbraucher ein Lebensmittel mit überfälligen MHD nicht mehr so appetitlich findet, kalkulieren die Hersteller ein. Sie müssen nach Ablauf des MHD keine Haftung mehr für ihr Produkt übernehmen und reizen dieses dementsprechend oft natürlich nicht bis zum möglichen Zeitpunkt aus. Ein weiterer Trend beeinflusst das MHD ebenfalls: Der zunehmende Verzicht auf Konservierungsstoffe und Zusätze verkürzt den Abstand zwischen Produktion und Ablaufen des MHD. Die Lebensmittel und ihre Haltbarkeit kehren wieder verstärkt zu ihrer natürlichen Beständigkeit zurück. Dies führt den Verbraucher immer häufiger in die Bredouille, abgelaufene Lebensmittel zu essen oder diese doch lieber wegzuwerfen.

Nicht zu verwechseln ist das Mindesthaltbarkeitsdatum übrigens mit dem Verbrauchsdatum. Dies ist in der Regel an der Formulierung „zu verbrauchen bis:“ zu erkennen. Das Verbrauchsdatum sollte sehr ernst genommen werden, da dieses extra für leicht verderbliche Lebensmittel eingeführt wurde. Dazu gehören unter anderem Hackfleisch, unbehandeltes Geflügelfleisch und Fisch. Hier ist also besondere Vorsicht geboten.
Sehr ernst sollte man das MHD auch bei Medikamenten nehmen, da hier die Qualität immer oberste Priorität hat. Bei Kosmetikprodukten hingegen kann man auch mal eine Auge zudrücken und das kleine weiße Strich-Döschen auf der Rückseite der Verpackung mit der Monatsangabe nach eigenem Ermessen auslegen. Aber auch hier soll gesagt sein, dass beispielsweise Bakterien nach Ablauf des MHD in den Tuben und Tiegeln einen guten Nährboden finden können.

Bei einigen Lebensmitteln kann allerdings jeder das Mindesthaltbarkeitsdatum vergeblich suchen, da es hier nicht nötig und somit nicht angegeben ist. Dazu gehören unter anderem Zucker in fester Form, Speiseeis in Portionsgrößen, Getränke mit einem Mindestgehalt von 10 Prozent Alkohol,  frisches Obst und Gemüse. Diese Regelung basiert auf zwei Annahmen: Zum einem ist das MHD nicht verpflichtend, wenn man annimmt, dass die Lebensmittel schnell genug verzehrt werden und die Lagerung sehr entscheidend ist. Hierzu zählt Produkte wie das genannte Speiseeis in Portionsgröße oder ergänzend frische Backwaren. Zur zweiten Annahme gehören Lebensmittel, die nur einen sehr schlechten Nährboden für Bakterien oder Schimmelpilze bieten und somit schwer verderblich sind. Dazu zählen die beschriebenen alkoholischen Getränke und der Zucker.

Der Umgang mit dem MHD

Aber wie kann man das MHD umgehen? Der naheliegendste Tipp ist es, das jeweilige MHD im Blick zu behalten oder nur das zu kaufen, was man in naher Zukunft verbrauchen wird. Sollte das einmal nicht gelingen, gibt es aber immer noch genug andere Optionen. Die Lebensmittel können verarbeitet und eingefroren werden – so bleiben sie auf natürlicher Art länger haltbar, aber es kostet vielleicht im ungünstigen Moment zu viel Zeit. Eine Alternative wäre das sogenannte Food-Sharing. Hier kann jeder seine überflüssigen Lebensmittel an Mitmenschen verteilen, die gerade diese Lebensmittel gern hätten.

An dem heikelsten Tipp scheiden sich die Geister. Was für manche ein absolutes Novum wäre, ist für andere gängige Praxis: Das Mindesthaltbarkeitsdatum als Empfehlung zu sehen und sich auf die eigene Einschätzung verlassen. Hier kommen die eigenen Sinne und Erfahrungen ins Spiel. Das MHD ist überschritten, aber das Produkt sieht aus wie eh und je? Es riecht auch noch wie es am ersten Tag? Was sollte nun dagegen sprechen es zu verzehren? Eigentlich nur das MHD, oder? So ist es tatsächlich. So verweist beispielsweise das Verbraucherportal von Baden-Württemberg darauf hin, dass das MHD kein Verfallsdatum ist und abgelaufene Lebensmittel nach eingängiger Prüfung sogar umetikettiert werden können. Jetzt hat natürlich nicht jeder Studierende ein eigenes kleines Labor, in dem getestet werden könnte, ob die Lebensmittel auch ein Fall für das Umetikettieren wären. Als Studierender sollte man aber einschätzen können, ob der Joghurt wirklich am Tag nach dem Ablauf ungeöffnet und dadurch ungeprüft weggeworfen werden muss, und ob die Konserve bei der einwöchigen Überschreitung des MHD den Joghurt dabei begleiten sollte.

Um das liebe, aber oft kleine Studierendenportemonnaie folglich zu schonen, kann man ruhig Foodshare-Angebote und somit die „Furcht“ vorm Mindesthaltbarkeitsdatum nutzen. Des Weiteren kann das schlanke Budget geschont werden, indem man sich ein bisschen mehr auf die eigene Einschätzung verlässt und weniger auf die industrielle Empfehlung mittels Mindesthaltbarkeitsdatum. Zudem kann der Einkauf auch einmal in den Bereich der reduzierten, da angeblich nicht mehr lange haltbaren Lebensmittel führen. Auch hier warten oft genauso gute Lebensmittel wie im restlichen Geschäft auf eine neue Heimat.

von Jette Geiger

Montage: Lisa Klauke-Kerstan
Fotos: www.schoko-riegel.com (Schokolade), ralph Aichinger (Joghurtbecher), hodihu (Tabletten)

Maximalhaltbarkeitsdatums-Denken

Kommentar von: Anton Walsch

Das Mindesthaltbarkeitsdatum wird gern als Grund für die massenhafte Lebensmittelverschwendung ausgemacht. Die Container-Rebellen machen es für weggeworfene Lebensmittel in Supermärkten verantwortlich, zu Hause soll es an tonnenweise Essen schuld sein, dass im Müll und nicht auf dem Teller landet, obwohl es noch gut ist. Das Problem aber ist kaum das Datum selbst. Es gibt dem Verbraucher die Chance, schlecht gewordene Produkte innerhalb einer gewissen Zeit zurückzugeben. Danach können Händler und Hersteller nicht dafür verklagt werden, dass Lebensmittel natürlicherweise verderben können. Das MDH gibt also beiden Seiten Rechtsschutz. Soweit, so sinnvoll.

Das Problem sind letztlich wir. Denn gern machen wir uns das Leben mit Daumenregeln einfacher. Das Mindesthaltbarkeitsdatum wird so schnell zum Maximalhaltbarkeitsdatum, zum „Wegwerfdatum“. Für Lebensmittel gibt es nun eine „gute“ Zeit vor dem MDH, und eine „schlechte“ danach. Doch so ist es keineswegs gedacht, nicht umsonst gibt es zusätzlich das „Verbrauchsdatum“ bei Fisch oder Fleisch. Schon im Supermarkt führt das Denken in „davor“ und „danach“ dazu, dass Produkte nicht mehr gekauft werden, wenn sie nur noch ein paar Tage „haltbar“ sind. Man nimmt lieber den frischen Joghurt. Lebensmittel landen dann oft schon in den Containern, bevor das MDH überhaupt erreicht ist. Angebotstheken für solche Waren sind eine gute Lösung – „reduziert“ zieht immer –  doch es gibt sie bisher selten. Ebenso ist ein MDH bei einigen Produkten nicht besonders zweckdienlich und wird zunehmend abgeschafft. Reis, Konserven oder Nudeln können eben kaum verderben.

Im eigenen Kühlschrank allerdings kann man das Wegwerfen von Lebensmitteln nicht mehr dem Markt in die Schuhe schieben. Abgelaufene Produkte fliegen oft direkt in die Tonne, auch wenn „danach“ eben nicht gleich „schlecht“ bedeutet. Doch verdorbenes Essen lässt sich gut erkennen: Man sieht es, man riecht es, man schmeckt es. Schimmel oder Gärung sind kaum zu übersehende Anzeichen – bei Obst und Gemüe schaffen wir das wie selbstverständlich. Doch schon das bloße Risiko etwa eine Milch zu testen, ist vielen unangenehm. Die Hürde zum Mülleimer ist dann niedriger, die Supermarktregale scheinen sich immer neu zu füllen. Das meiste kosten kaum einen Euro. Das verlockt auch dazu, mehr zu kaufen, als man „rechtzeitig“ essen kann.

Gelegentlich gibt es Vorschläge, das Mindesthaltbarkeitsdatum abzuschaffen. Das ist Quatsch, denn ich erwarte Produkte zu kaufen, die in Ordnung sind. Ein Händler kann das kaum in jedem einzelnen Fall selbst nachprüfen. Alternativvorschläge wie ein „best before“ oder das Herstellungsdatum mit angegebenem Verbauchszeitraum sind nur eine Umetikettierung. Sie laufen ebenso auf ein „davor“ und „danach“ hinaus. Das Problem am Mindesthaltbarkeitsdatum ist also unsere Vorstellung von einem Stichtag. Angebotsregale im Supermarkt könnten die perversen Mengen weggeworfenen Essens reduzieren, viel mehr aber noch bewusstes Planen von Einkäufen, Wertschätzung von Lebensmitteln und Kenntnisse über die Anzeichen ihres „Nachlebens“.