Rezension

Der Dokumentarfilm „Am Ende der Milchstraße“ zeigt still und doch berührend das Leben in Wischershausen. Der Ort besteht aus einer Straße mit rund zwanzig mehr oder weniger benutzten Häusern und ihren Anbauten. Ein Jahr lang darf der Zuschauer zwei Handvoll der insgesamt 50 Bewohner in ihrem Alltag begleiten – ihr Schicksal teilen. Hier zeigt sich das Leben in Mecklenburg-Vorpommern fernab der Ostseestrände.

Mit ganz ruhigen und klaren Bildern gelingt es den Filmemachern Leopold Grüns und Dirk Uhlig, dass der Zuschauer vor seinem heimischen Fernseher in die Filmwelt eintaucht. Man kann die Kälte des schneereichen Winters spüren. Minutenland bekommt man den Geruch eines frisch geschlachteten Schweins nicht mehr aus der Nase und spürt den Schmerz von Bauer Maxes Fuß bis ins Mark. Maxe nimmt die Welt, wie sie kommt. Seine Freundin Cordula macht er glücklich. Den Osten wünscht er sich zurück, aber nicht die SED, die Saubande. Der zugezogene Elektriker Harry hingegen lebt in einem Wohnwagen. Es ist schon fast philosophisch, wenn er in seinen Bart nuschelt: „Warum vom Nordkap träumen, wenn man dafür den Otter um die Ecke links liegen lässt.“ Gabi ist fünffache Mutter, eine bewundernswert starke und unglaublich zufriedene Frau. Sie geht mit den Jahreszeiten, ihre Wäscheleine zeigt den Wandel der Natur. Der Melker Olli bringt es auf den Punkt: „Wir saufen gerne.“ Doch vor allem sind sie alle zusammengenommen eine liebenswerte Dorfgemeinschaft. Jeder hilft jedem.

Der Film ist mal leise, mal laut, arbeitet hauptsächlich mit den Geräuschen des Windes, der Vögel oder der Arbeitsgeräte der Bewohner. Dann und wann werden die Szenen mit akustisch unaufdringlicher Musik unterstrichen. Ein Jahr lang haben die Filmemacher das Dorf besucht, bevor die erste Kamera aufgestellt wurde. Dementsprechend natürlich und authentisch verhalten sich die Dorfbewohner, immer mal wieder werden Rückfragen an die fast eingemeindeten Kameraleute gestellt. Keiner der Gefilmten hat ein leichtes Leben, doch das scheint nicht schlimm zu sein. Nur manchmal sieht man die Traurigkeit. Beispielsweise als Olli feststellt, dass es für die Arbeit in der mechanisierten Milchstraße heute nur noch einen braucht, der vernünftig denken kann und sich gleichzeitig fragt, was die armen Schweine machen, die nicht denken können?
Die DDR wünschen sich hier viele zurück, damals gab es wenigstens noch Arbeit. Olli hat gelesen, dass man heute 400 Jahre arbeitslos sein muss, um eine halbwegs gute Rente zu bekommen. Die hat er noch nicht hinter sich. In Wischershausen wird an alten Denkweisen festgehalten. Da kann es auch mal passieren, dass der Opa seinen Enkeln rät, dass Frauen, die kein Mittag und Abendbrot machen, zerstückelt werden dürfen. Aber der Opa verbringt wenigstens Zeit mit seinen Enkeln.

Dieser Film zeigt einem ganz undramatisch, wie zufriedenstellend das Leben trotz all seiner Schlichtheit abseits vom Großstadtstress sein kann. Klar ist das viele Saufen nicht schön und die Arbeitslosigkeit deprimierend. Dennoch leben in Wischershausen herzensgute und ehrliche Menschen. Dieser Film zeigt Tatsachen, die bewegen und gut tun. Das Herz geht einem auf, wenn Olli betrunken zu seiner frisch anvertrauten Frau ins Feld torkelt.

Sie: „Du hast aber auch schon gut gebechert.“
Er: „Ich bin doch nicht hier, um bei meiner eigenen Hochzeit nüchtern zu sein.“

Hier ist ein Schmunzeln erlaubt, genauso wie in der Szene, als Maxe sich morgens in Schlüpper und Unterhemd aus dem Bett hievt. Doch wie sagte der Bauer bei der Premiere des Films in Neubrandenburg: „Euch möchte ich mal sehen, wenn ihr euch morgens um fünf aus dem Bett quält. Das sieht bestimmt auch nicht besser aus.“

von Lisa Klauke-Kerstan

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