Mr. Gewohnheit, der gute Freund

„Einen Hype“ – so nannte meine Mitbewohnerin die neue Evolution der Vegetarier und Veganer. Sie sprießen überall aus dem Boden, wo man geht und steht, hat man Angst auf einen drauf zu treten. „Sorry, deine grüne Farbe, das Moos, das auf dir wuchs, die Haare, die sich langsam aber sicher zu einem fetten, filzigen Knäuel entwickelten – hab dich irgendwie so als selbstverständlich wahrgenommen.“ Ja, unsere Umwelt ist alltäglich. Alltäglich und nicht auffallend genug. Würde uns mal ein Baum ansprechen und sagen: „Hey, weißte, du und deine Zigarette – ihr geht mir schon ziemlich auf den Geist. Denn ich bin deine Luft zum atmen, Alta!“ Ich glaube, dann würde der eine oder andere mehr über das Selbstverständliche nachdenken.

Vielleicht würde es auch mal helfen, dem netten Würstchen zwei Augen zu verpassen, es grunzen, vielleicht sogar reden zu lassen. Weder möchte ich den Moralapostel spielen noch möchte ich jemand dazu bekehren, Vegetarier zu werden. Denn gerade vor kurzem musste ich selbst darüber nachdenken, warum ich ursprünglich zum Vegetarismus übergewechselt bin. Oftmals vergessen wir, warum wir tun, was wir tun. Warum kaufe ich schon seit Jahren die gleiche Marmelade oder warum kann ich nicht aufhören, auf den geliebten Schokoriegel zu verzichten? Vieles wird zur Gewohnheit. Die Gewohnheit ist oftmals auch nichts Schlechtes. Wir fühlen uns wohl mit dem Kumpel. Ja, ohne ihn hätten wir keine Routine und auch keinen blassen Schimmer, wer wir sind. Kumpel Gewohnheit gehört an unsere Seite. Doch manchmal sollten wir uns daran erinnern, warum wir uns ursprünglich mit ihm anfreundeten.

So ging es mir heute mit dem Gemüse- und Tofufresser-Dasein. Ich habe mir die Frage gestellt: Bin ich noch überzeugte Vegetarierin? Oder wacht Kumpel Gewohnheit über meine zwei gemüseträchtigen Kühlschrankregale? Doch als der Vegetarismus als „Hype“ bezeichnet wurde, lief mein Motor – angetrieben von Pflanzenfett – heiß. Das erste Mal nach vielen Jahren, wurde mir wieder klar, dass meine Entscheidung richtig war. Ich bin keiner dieser allround-Vegetarier oder Veganer. Bei der Biomilch habe ich mich jetzt schon oft informieren müssen, um danach genauso ahnungslos zu sein wie zuvor. Nur besseres Futter oder doch mehr Platz für die Kühe? Da mich die Siegel nicht wirklich überzeugen, möchte ich das auch nicht unterstützen. Sagt mir Bescheid, falls ihr eine Milch findet, die bezahlbar und WIRKLICH bio ist. Ich würde gerne nur noch Bioprodukte kaufen und mich Veganerin nennen. Auf Schafskäse, den geliebten Schokoiegel und frische Milch zum Kaffee verzichten. Doch da schaut mich mein Kumpel nur komisch an. Irgendwie will das noch nicht – vielleicht bin ich noch nicht bereit dazu, ganz auf tierische Produkte zu verzichten. Mit all dem Hintergrundwissen weiß ich eigentlich: Vegetarier sein ist nichts Ganzes und nichts Halbes. Doch momentan fühle ich mich ganz wohl damit.

Wir sind nicht dazu geboren, perfekt zu sein und wir haben unsere Fehler. So wie ich auf den Schokoriegel nicht verzichten kann, kann der andere nicht ohne sein Leberwurstbrot aus dem Haus. Jedoch ist es die Gewohnheit von uns allen, etwas zur Gewohnheit werden zu lassen und manchmal glaube ich, wäre es ganz gut, den Kumpel einfach mal über Bord zu werfen und etwas Neues auszuprobieren.

mm109_46_kolumne_BellaWorten eine Bedeutung zu geben, ihnen Leben einzuhauchen, sie nicht als bloße Worte zu sehen, sondern als Expressionen meiner Selbst – ist es nicht das, was es bedeutet, sich auf Papier zu verewigen?

von Angi