Nach neusten Umfragen 2014 würde in Ungarn jeder dritte Student die rechtsextremistische Partei Jobbik wählen. An Universitäten werden Listen über jüdische Studenten geführt. Dozenten und Professoren werden gekündigt, wenn sie nicht mit der neuen Dauerregierung kooperierten. Eine Reportage eines Ungarnfans.

Der „Theaterbrief aus Ungarn“ von Esther Slevogt liest sich fast wie ein verzweifelter Hilferuf einer der letzten Humanisten Ungarns. Und das ist er wohl auch. „János Petrás erhielt ein Verdienstkreuz – Petrás ist Sänger und Bassist der bekanntesten Band der ungarischen Rechtszene Kárpátia, die auch Urheber des Marsches der rechtsextremen paramilitärischen „Magyar Gárda“ („Ungarischen Garde“) ist, welche sich mit Auftritten im Stil der ungarischen Nazis und Hetzliedern gegen Minderheiten hervortut“, schreibt Slevogt mit der Bitte zu bemerken, was hier geschieht. Es ist immer wieder zu lesen, wie sehr sich Ungarn in den letzten Jahren seit der Machtübernahme Victor Orbáns verändert hat. Doch im Allgemeinen nehmen die sogenannten „reichen europäischen Länder“ wie Deutschland und Frankreich kaum Notiz davon, dass Ungarn immer tiefer in den Faschismus hereinzuschlittern scheint. Slevogts Brief wurde im März 2013 veröffentlicht. Als ich 2012 mein Praktikum an Historischer Stelle in Budapest machte, zeigte sich mir ein ähnliches Bild.

„Zigeuner sind dreckig und faul“

Untergekommen bin ich bei alten Freunden und freue mich, wieder Zeit mit ihnen verbringen zu können und den ungarischen Alltag in der Hauptstadt mitzuerleben. Wie ich jedoch nach einiger Zeit feststellen darf, haben sich einige Dinge seit meiner Kindheit verändert. Als wir mit der Villamos (ungarisch Straßenbahn, wörtlich auch „die Elektrische“) zum Markt fahren um uns mit frischem Gemüse einzudecken, werde ich Zeuge einer Situation, die ich zuallererst nicht einordnen kann. Ich sehe zwei Roma nur wenige Sitzplätze zu meiner Rechten, während sich gutgebaute Jugendliche mir gegenüber laut und hörbar mit abfälligen Bemerkungen über sie unterhalten. „Cigany“ („Zigeuner“), so vernehme ich, seien dreckig und faul und würden nur durchs stehlen überleben, anstatt vernünftig zu arbeiten. Diese, ein junges Pärchen, fühlten sich durch diese Situation derartig eingeschüchtert, dass sie den Platz nach einiger Zeit räumen und sich weiter hinten im Zug hinstellten. Die Plätze werden frei und von den Jungs eingenommen.

Ähnliche Situationen passieren mir dann auf meiner Arbeitsstelle – wobei ich dachte, dass gerade unter Historikern, politisch informierten und gebildeten Menschen, ein anderes Klima zu erwarten ist. In der Pause erzählen mir andere ungarische Praktikanten, Juden- und Zigeunerwitze. Inhaltlich geht es in der Pointe darum, dass vier „Zigeuner“ zum Klauen mit dem Skoda umherfahren, man sie aber nicht sehen könne in der Dunkelheit, da sie alle der Hautfarbe nach „schwarz“ seien. Als ich erkläre, dass ich dies weder witzig und noch gut finde, versucht man mir wohlwollend zu erklären, dass man auch deutsch in der Schule gehabt hätte und dieses Problem mit den „Zigeunern“ so sei wie das Problem, das wir mit den Türken hätten.

Aus politischen Gründen entlassen

Als ich im Abschlussgespräch nach meiner Zeugnisübergabe mit dem Chef des Museums auf dieses Thema zu sprechen komme, erklärt er mir nur, dass er mir seine politische Orientierung nicht mitteilen könne und diese allgemein für sich behält. Andernfalls würde er mit vielen seiner Angestellten in Konflikt geraten und um seinen Arbeitsplatz fürchten müssen. In diesem Zusammenhang, dass in Ungarn in den letzten Jahren in etwa ein Drittel aller Dozenten, Professoren und Lehrer sowie Medienarbeiter und Journalisten gekündigt worden ist, weil sie nicht regimetreu waren, verstehe ich dies. Ich wundere und ärgere mich jedoch, dass wiederholt eine gesamte Generation als Folge dessen heranwachsen muss, die ähnlich unserer Großeltern-generation für ihr ganzes Leben fehlgeleitet und verblendet wird. Aus historischer Sicht hat Ungarn gerade erst damit begonnen, die Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges aufzuarbeiten, da es ihnen in der Besatzungszeit der Russen nicht möglich gewesen war und jetzt wird Faschismus schon an Schulen gelehrt und von staatlicher Seite unterstützt und toleriert.

All diese Vorkommnisse belasten mich sehr, da ich mich mit der ungarischen Kultur und den Menschen dort durch meine vielzähligen Aufenthalte sehr verbunden fühle. Ich versuche also einen Gesprächspartner zu finden, der mir erklären kann, was hier vor sich geht und wie es zu einer derartigen Sinti-, Roma- und Judenfeindlichen Stimmung kommen konnte. Mein Jugendfreund, bei dem ich untergekommen bin, muss dafür herhalten. Er ist jedoch nach einigen Tagen von den kritischen Fragen meinerseits durchaus genervt. Als ich während eines Trainings im Fitnessstudio, in dem wir früher schon zusammen trainiert haben, naiv frage, wieso an der Wand die Pfeilkreuzler-Flagge – bei der es sich um die Flagge der Ungarischen Nazis handelt, die mit Hitlerdeutschland 1944 kooperierten und den Abtransport der ungarisch-jüdischen Landbevölkerung schon vor Eintreffen der SS vorbereitet hatten – hängen würde, bekomme ich eine endgültige und abschließende Antwort: „ Leo, jeder in Ungarn ist rechts, alle hier! Also hör auf immer deine komischen Fragen zu fragen, darauf habe ich keinen Bock!“.

„Jeder in Ungarn ist rechts!“

Nach meinem Praktikum möchte ich jetzt noch zwei Wochen auf dem Lande bei anderen Freunden verbringen, um meine Semesterferien zu genießen und zu entspannen. Auf dem Fußballplatz, auf dem ich praktisch großgeworden bin, spielten wir fast täglich in den Abendstunden, bis es dunkel wird, da es tagsüber bei über 40 C° nicht auszuhalten ist. Neben dem Platz steht nun immer ein Auto mit der Aufschrift „Polgárörség“, was für Bürgerwehr oder Miliz steht. Auf meine Nachfrage hin wird mir versichert, dass diese nur zu meiner Sicherheit da sei und mich vor den „Zigeunern“  beschützen würden. Als ich mit dem Fahrrad nach Hause fahre, steht im Dunkeln ein weiteres Fahrzeug auf dem Marktplatz und eines kommt mir am Dorfende auf der gegenüberliegenden Straßenseite entgegen. Ich wundere mich sehr, da drei Fahrzeuge mir für ein kleines circa 1 300-Seelendorf sehr übertrieben vorkommt, zumal ich mich hier immer sichergefühlt und nie Probleme beziehungsweise Schwierigkeiten mit Sinti und Roma gehabt habe. Wenn man bedenkt, dass nur ein Jahr zuvor in Gyöngyöspata nach Auftritten der „Bürgerwehr“ Roma-Häuser angezündet und fliehende Bewohner hingerichtet wurden, darunter ein fünfjähriges Kind, fehlen mir die Worte. Das Ganze wird von der Regierung runtergespielt und von der europäischen Union toleriert.

Nach neuesten Umfragen 2014 würde jeder dritte Student die rechtsextremistische Partei „Jobbik“ wählen. An Universitäten im ganzen Land werden Listen über jüdische Studenten geführt. Dass es die rechtskonservativen mit Hilfe des Internets und der Medien schaffen, gerade die jungen Menschen anzusprechen, ist besonders beängstigend.

Abschließend möchte ich sagen, dass mein Ungarnaufenthalt mich als großen Ungarnfan, der seit seiner frühen Kindheit mehrmals jährlich ins Land kommt, frustriert und traurig macht. Die Grundsteine der Demokratie – Pressefreiheit und die Teilung von Judikative, Legislative und Exekutive – sind meiner Ansicht nach nicht mehr gegeben. Mit einer Stimmung, die der in den 30er Jahren des vorherigen Jahrhundert ähnelt und den anhaltenden politischen Veränderungen in Richtung eines rechtskonservativen Staates, bleibt mir nichts anderes über als Ungarn nur das Beste zu wünschen.

Wer ein Praktikum im Ausland macht, erhält unweigerlich einen mehr oder weniger tiefen Einblick in andere Kulturen. Was Leonhard Dirks jedoch während seines Aufenthaltes in Ungarn miterlebte, erschreckte ihn. Seit einigen Jahren gewinnt dort ein rechtskonservatives Denken immer größeren Einfluss. Auch vieles in der seit 2010 bestehende Regierung um den Ministerpräsidenten Victor Orbán scheint aus demokratischer Sicht immer wieder fragwürdig. Kritik dagegen kommt vor allem aus dem Ausland. Für moritz. hat Leonhard hier seine eigenen Erfahrungen in der ungarischen Hauptstadt aufgeschrieben.

von Leonhard Dirks

Foto: Leonhard Dirks