Wochenlang habe ich meine Socken gewogen und die Ausrüstung bis ins Detail gecheckt, bevor ich mich von Greifswald verabschieden konnte. Mein Ziel waren die Sümpfe, Wälder und das wunderbare Fjäll: Eine fünfwöchige Wanderung auf dem Fernwanderweg Nordkalottleden durch Skandinavien wartete auf mich.

mm114_37_Kultur_Lappland-KarteWenn man mehr Rentiere als Menschen an einem Tag sieht und gelernt hat, das permanente Summen der Mücken zu ignorieren, ist man vermutlich in Lappland. Auf 800 Kilometern führt der Nordkalottleden durch die schönsten Gebiete Nordskandinaviens und verbindet dabei Norwegen, Finnland und Schweden.

Nach einem langen Tag haben wir unsere Zelte an dem Ufer eines Gebirgssees aufgeschlagen, eingerahmt von Bergen im äußersten Nordwesten Schwedens. Es ist schon spät und während ich nach einem Bad in dem eiskalten Wasser bereits mehrfach in meinem Zelt eingeschlafen bin, kocht sich Robin vor seinem Zelt neben mir gerade sein zweites Abendbrot. Ich selbst bin zu erschöpft, den Spirituskocher herauszuholen, und beschränke mich auf eine Tafel Schokolade der Sorte „Salzlakritz“.

Das Leben auf dieser Wanderung ist faszinierend einfach und gleichzeitig unglaublich erfüllend. Im Wesentlichen hat es sich auf Gehen, Schlafen und Essen reduziert. Die zentralen Fragen kreisen um das Wetter, das Gewicht des Rucksacks und die Suche nach der besten Furt über den nächsten Fluss. Nach all den Wochen der Vorbereitung in Deutschland bin ich für diese Einfachheit aber auch mehr als dankbar. Die Planung der Wanderung und vor allem die Selbstversorgung unterwegs stellten mich durchaus vor eine gewisse Herausforderung. Doch die Infrastruktur ist viel besser als erwartet und der Weg um einiges belebter, ohne dabei auch nur annähernd touristisch zu sein.

Grenzenloses Länderspiel

Seit meinem Start im norwegischen Kautokeino hat mich der Nordkalottleden in drei Wochen bereits sieben Mal über die Landesgrenze Schwedens, Finnlands oder Norwegens getragen und durch die verschiedensten nordischen Landschaftsformen geführt. Die Gegend um Kautokeino in der norwegischen Finnmark ist geprägt durch flache Hügel, morastige Birkenwälder und zahlreiche Sümpfe – ideale Bedingungen also für nasse Füße und Mückenstiche. Entsprechend dankbar war ich, nach einer knappen Woche endlich in die nordische Bergwelt, das Fjäll, aufsteigen zu können. Nach den ersten Kilometern in Norwegens Bergen wechselte der Nordkalottleden über die Grenze nach Finnland, wo nach insgesamt zehn Tagen am Ende der ersten Etappe endlich wieder eine warme Dusche in dem Örtchen Kilpisjärvi auf mich wartete. Das Bergdorf liegt in der Nähe des norwegisch-finnisch-schwedischen Dreiländerecks, welches durch einen monumentalen, gelben Betonklotz markiert wird. Für mich bedeutete dieser Punkt nicht nur den Beginn meiner zweiten Etappe, sondern auch das Ende des einsamen Wanderns, da ich einige Kilometer weiter meinen künftigen Wandergefährten Robin traf, einen Schweizer Studenten.

Die Landschaft wurde derweil zusehends alpiner, auch wenn wir selten höher als 1 000 Meter über den Meeresspiegel aufstiegen. In diesen polaren Breiten liegt die Baumgrenze oft bei wenigen hundert Metern, die Vegetationsgrenze bei knapp unter 1 000 Meter. Zuerst schwinden die gebückten Birken, dann die Sträucher, zuletzt bleiben noch Krähen-, Blau- und Moltebeeren und vereinzelte Moose und Flechten. Sobald der Weg jedoch wieder talwärts führte, erwarteten uns saftiges Grün und die zahlreichen Rentiere, die hier in kleineren Herden die meiste Zeit des Jahres frei umherwandern. Nur die gelegentlichen Rentierzäune und neonfarbenen Halsbänder mancher Tiere erinnern daran, dass es sich keinesfalls um wilde Tiere handelt, sondern um die domestizierten Herden der Sámi.

Während sich meine Tafel Schokolade langsam dem Ende zuneigt, hat Robin inzwischen sein „Nudelcouscous“, eine Mischung aus Nudeln, Couscous und einer Tütensuppe, fertig gekocht. Wenn wir morgen früh wieder aufbrechen, warten weitere zwei Wochen auf uns. Da wir immer weiter in Richtung Süden und in den Herbst hinein wandern, werden die Tage langsam wieder kürzer. Das heißt, wir lassen das Phänomen der Mitternachtssonne hinter uns und es wird wieder kurz vor zwölf dunkel werden. Auf den nächsten 300 Kilometern werden wir noch achtmal die norwegisch-schwedische Grenze überqueren, mit mehr oder weniger schwierigen Furten zu kämpfen haben und sogar Boot fahren.

von Jakob Fölster

Foto: Jakob Fölster

Karte: Lisa Sprenger