Grenzenlose Freiheit im europäischen Bahnnetz – das verspricht InterRail. Seit 1972 werden Rucksäcke gepackt, Fahrpläne studiert und ganz wichtig: Länder erkundet. Für 442 Euro können sich Jugendliche bis 25 Jahre freikaufen und 30 Tage lang fahren, bis die Schienen glühen. Doch hält das Ticket, was es verspricht? Zwei Erfahrungsberichte.

Eisenbahn 1

Mein Weg nach Batz-sur-mer

Ich bin nur hier, weil der Ort Batz heißt. Für jeden, der französisch spricht, mag das unsinnig klingen. Ich kann kein Französisch. Typisch deutsch gesprochen ist der Name Batz definitiv witzig. „Batzen für Hunde, nicht für Katzen. Batzen“, diese Komik hat schon Hape Kerkeling genutzt. Ich sitze also in Batz-sur-mer, einem kleinen Ort in der Bretagne, in den ich mich schon bei den ersten Schritten vom Bahnhof zum Campingplatz verliebt habe. Auf der einen Seite der Landzunge die schroffen Felsen der Atlantikküste, auf der anderen Salzwiesen wie Weizenfelder. Die Luft schmeckt salzig. Doch ich bin nicht gekommen, um zu bleiben.

Zwei Tage zuvor war ich noch in Paris – der bunten, funkelnden, vor Müll und Kultur triefenden Metropole. Schön war es mit Mona, Arc und Karamelltarte, doch nun ist es genug. Ich schnappe mir meinen viel zu schweren Rucksack, die Tim-und-Struppi-Essenstasche, die uns – mich und meinen Lieblingsmenschen – seit Brügge begleitet, und stiefele siegesgewiss zum Gare du Nord. Das Interrailticket wie immer sicher in einem Zipbeutel zusammen mit dem Reiseführer und einem Tagebuch verstaut.
Ich spreche, wie gesagt, kein Französisch und die Bahnbeamten der französischen Hauptstadt nur un petit peu Englisch. Für meinen treuen Begleiter und mein Tablet beginnt nun die Odyssee bis zu der ernüchternden Erkenntnis, dass man Paris ohne TGV, dem Schnellzug des Baguette-Landes, nicht verlassen kann. Der TGV bietet nur ein minimales Kartenkontingent für Interrailer. Ist dieses verbraucht, richtet sich der Zuschlag für die Bahnfahrt nach der Sockenfarbe der Reisenden. Ich wusste, ich hätte die blauen Wandersocken anziehen sollen. Die Fahrt ins ersehnte Batz ist unbezahlbar. Nach einem panischen Bahnhofswechsel und Ticketkauf entscheiden wir uns für Royan, das Bordeaux für Arme. Ein schrecklicher Ort. Am nächsten Tag geht es ohne Blick auf die Hotelburgen direkt zum Bahnhof und endlich nach Batz. Diesmal kostenlos.

Ich falle um zwei Uhr nachts in mein Greifswalder Bett. Hinter mir liegen 17 Stunden Regionalbahnfahren durch ganz Deutschland, denn im eigenen Land gilt das Interrail-Ticket nicht. Unsere Reise ist nun zu Ende – schön war‘s. Ganze vier Wochen ohne Ich-muss-noch, die drohende Bibliothek im Nacken und die sozialen Verpflichtungen der zahlreichen Netzwerke. Noch heute träume ich von den Orten, verarbeite die Eindrücke. Zu kurz war man an manchen Orten, zu lang an manchen anderen. Ich sehne mich nach der weltbesten Pizza Neapels, wenn ich vor meinem Eierragout in der Mensa hocke. Ich möchte wieder in der verlassenen, atemberaubenden Natur des Nationalparks von Cassis wandern, wenn ich mir meine vier Buchstaben am Schreibtisch platt sitze. Ich war noch nie so viel draußen an der zugegebenermaßen nicht immer frischen Luft wie in meinem kurzen Leben als Interrailer. In diesem Leben zählen die Alltagssorgen nicht. Auf Reisen kreisen die Gedanken zwischen den Zügen nur darum, wo der nächste Supermarkt ist, ob man im Zelt oder im Hostel schläft und ob das Budget noch ein Eis erlaubt.

Das beste Eis meines Schienen-Daseins gab es in Florenz. Neben der historischen und zum Touristenfang gewandelten Goldbrücke wird nicht nur Eis in die Waffel gespatelt, sondern auch auf der Zunge schmelzende Mousse au Chocolat. Erst danach weiß man, was Genuss ist. Beim Blick auf meine Uni-Texte erträume ich mir täglich genau dieses Eis am Strand von Batz.

von Lisa Klauke-Kerstan

Eisenbahn 2

Oh, du schöner Balkan

Später Abend, Nachtzug D293 von Belgrad nach Sofia. Es klopft an der Kabinentür, verstohlen verstecken wir unsere Zigaretten. Ein grimmig dreinblickender Schaffner öffnet die Tür und ermahnt uns, die Nachtruhe zu beachten. Die verqualmte Luft und die glimmenden Zigarettenstängel würdigt er keines Blickes. Warum auch, wir sind auf dem Balkan, der Raucherhochburg Europas. Die Menschen hier rauchen überall, ständig und das für wenig Geld – zumindest für einen Mitteleuropäer. Der Nachtzug rattert weiter durch die ehemalige Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien. Während einfache Arbeiter und Bauern im Sitzwagen reisen, logiert das solventere Publikum, Rucksack-Touristen aus der ganzen Welt, im Schlafwaggon.
Da ist etwa Lore, eine 20-jährige Belgierin, die mit dem Fahrrad von Brüssel bis an die türkisch-syrische Grenze unterwegs ist. Sie möchte auf die prekäre Situation der syrischen Flüchtlinge aufmerksam machen. In Zeiten von IS-Terror in der syrischen Grenzstadt Kobanê fragen wir uns, ob das einfach nur verrückt oder höchst lobenswert ist. Weiterhin sitzt ein kauziges Studentenpärchen aus unserer Heimatstadt Jena bei uns. Mit Leuten aus Ostthüringen hätten wir hier, an diesem Ort und zu dieser Zeit, am wenigsten gerechnet. Till und seine Freundin Julia sind auf dem Weg nach Istanbul und schon ein wenig reisemüde.

Für mich wird es Zeit in die Waagerechte zu gleiten. Früh – halb fünf – stoppt der Zug jedoch abrupt. Grenzübertritt nach Bulgarien. In unserer Sechs-Mann-Schlafkabine ist ein geräuschvoller Pegel an Schnarchen zu vernehmen.
Eine halbe Stunde passiert nichts, dann öffnen zwei serbische Grenzbeamte die Tür und kontrollieren unsere Pässe. Wieder eine halbe Stunde später erscheinen zwei bulgarische Polizisten in der Kabine. Ich werde angestarrt, dann wieder mein Ausweis, dann wieder ich. Sie stutzen und versuchen mir in ihrem rudimentären Englisch klar zu machen, dass ich nicht die Person auf dem Pass bin. Ich verstehe nicht, doch plötzlich fällt mir ein, wo der Hase läuft. Mein Zwei-Wochen-Bart sowie die verquollenen und noch schlaftrunkenen Augen machen mich in den Augen der Beamten zu einem Anderen. Ich bestehe darauf, dass ich die Person auf dem Bild bin, es werden strenge Blicke ausgetauscht, quälend lange Sekunden vergehen, in denen niemand etwas sagt, und plötzlich dampfen sie wieder ab. Glück gehabt!

Eine Woche zuvor hatten wir, mein Bruderherz sowie ein guter Freund und ich, unsere Rucksäcke gepackt. Der Plan lautete mit dem Zug nach Sofia und zurück. Auf einen Reiseführer, Pläne oder sonstige Vorbereitungen verzichteten wir. Einzig die Rail-Planner-App, welche Zuginformationen sowie An- und Abfahrtszeiten abrufbar bereithält, auch offline, war im täglichen Gebrauch. Über die Stationen Pilsen (das Prag für Arme), Bratislava (das Wien für Arme), Budapest (die Perle an der Donau) und Zagreb (hat nicht bis zur Adria gereicht) ging es nach Belgrad. Belgrad, das sind prachtvolle Gemäuer mit schmutzigen Fassaden, das sind schwimmende Diskotheken auf der Save und Donau und das ist eine Stadt im Aufbruch nach der Milošević-Ära. Die Stadt ist rau, pulsiert und definitiv ein Geheimtipp in Europa. Hingegen war Sofia eine herbe Enttäuschung. Um diese Stadt zu lieben, muss man wahrlich ein großes Herz besitzen. Also hieß es wieder auf gen Norden mit dem Nachtzug.

Nach 22 Tagen überschritten wir in Görlitz die Grenze. Was bleibt von drei Wochen Ost- beziehungsweise Südosteuropa mit dem Interrail-Ticket? Karnivoren und Raucher mit kleinem Geldbeutel, die zudem ein hartes Kreuz für die Nachtzug-Betten haben und ein starkes Faible für postsowjetischen und postjugoslawischen Charme aufbringen können, diejenigen werden Südosteuropa lieben. Und ja verdammt, wir haben uns verliebt! Wir kommen wieder.

von Ernst Rudolf

 

Karte: Lisa Sprenger