„Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut!“ Der diesjährige Oktober sollte ein großer Aktionsmonat werden. Aber am Ende wurden nicht alle Veranstaltungen umgesetzt und die Aufmerksamkeit hielt sich in Grenzen.

Wir schreiben das Jahr 2014, Greifswald von Oktober bis November. Blut sollten die Studierenden spenden, Worte erhören und die eigene Stimme auf der Straße erheben. Und wozu? Zur Sicherung der Existenz der Universität, wie sie ist und alle Studierenden sie kennen. Den Oktober an der Universität Greifswald sollte so schnell niemand vergessen, vor allem nicht die geldgebenden oder nicht-geldgebenden Politiker. Geplant waren als Einstieg mehrfaches Dosenwerfen in der Erstsemesterwoche, ein gemeinsames Tauziehen mit Studierenden und ein Poetry Slam. Nicht viel wurde davon wahrgenommen, einiges sagten die Organisatoren sogar ganz ab. Für den Poetry Slam am 17. Oktober 2014 hatten sich beispielsweise zu wenig Bewerber gemeldet.
Mit der Mahnwache „Leere Stühle statt Lehrstühle“ am 23. Oktober 2014 lenkten die Mitglieder der Arbeitsgruppe (AG) Bildungsstreik 2014 erneut die Aufmerksamkeit auf die Situation an der Universität Greifwald – allerdings nur bei den Teilnehmern der Tagung des Wissenschaftsrats, bei denen die Protestform allerdings gut ankam. Durch zu wenig Werbung waren nur altbekannte Gesichter aus der Hochschulpolitik unter den knapp 60 Studierenden, die vor den 77 leeren Stühle standen. Die Zahl 77 steht dabei für die Dozierenden, die aufgrund der Sparmaßnahmen nicht mehr bezahlt werden können und somit wegfallen.

Zur Lesung „GUStAV schreit“ am 29. Oktober 2014 kamen sogar nur Engagierte und Freunde des Studentischen Autorenvereins sowie Mitglieder der AG. Bis dato eine ernüchternde Anzahl an protestierenden Studierenden. Das lag vor allem an der kaum vorhandenen Werbung. Wer außerhalb des hochschulpolitischen Milieus und vor allem außerhalb Facebooks unterwegs war, bekam von den Veranstaltungen nichts mit.

Auf der Straße

Den ganzen Oktober über und bis in den November hinein lief außerdem die Aktion „Bluten für die Uni“. Blutspender konnten das durch Aderlassen verdiente Geld an ein Konto des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) zum Erhalt der Lehre spenden. Weit verteilten Flugblättern zum Trotz erhielt diese ebenfalls weniger Aufmerksamkeit als erhofft.

Doch die große Demonstration am 03. November 2014 während des Besuchs von Bundeskanzlerin Angela Merkel sollte den Höhepunkt des Aktionsmonats markieren. Die ursprünglich angedachte bundesweite Demonstration in der Bundeshauptstadt war sehr früh wieder abgesagt worden. Also sollte die Kanzlerin nun in Greifswald auf eine geballte Studierendenschaft nicht nur aus der Hansestadt, sondern auch aus Neubrandenburg, Rostock, Stralsund und Wismar treffen und sich den Protesten stellen. Den Auftakt machte dabei ein Special der Critical Mass, bei der am Ende aber nur ungefähr zwanzig Fahrraddemonstranten eine Stunde lang durch die Stadt fuhren und unter anderem den Neuen Campus besuchten.
Vom Bahnhofsvorplatz aus startete der Demonstrationszug in Richtung Bahnhofsstraße. An die 700 Studenten liefen mit Schildern, Bannern und manche sogar mit Musikinstrumenten einem LKW hinterher, auf dem ein DJ auflegte. Die Inspiration hierfür stammte von den Demonstrationen zum Erhalt des Clubs RoSa-WG. Nach einem ersten Abstecher über den Marktplatz führte die Route über die Friedrich-Loeffler-Straße zum Rubenowplatz.

Im Vorfeld der Demonstration hatte sich das Rektorat an die Organisatoren der AG Bildungsstreik gewandt und darum gebeten, die Proteste in einem gesetzteren Rahmen abzuhalten, weil man sonst befürchten müsse, dass Merkel gar nicht käme. Teilweise ließen sich die Organsatoren darauf ein – indem sie unter anderem den „77 Leere Stühle“-Protest erst am 23. Oktober 2014 abhielten und nicht wie geplant am 22. Oktober 2014, als die Bundesministerin für Bildung und Forschung Dr. Johanna Wanka in Greifswald war. Die Demoroute ließen sie sich allerdings nicht vorschreiben und so marschierten die Demonstranten zu einer Zwischenkundgebung auf dem Rubenowplatz auf. Kurz danach kam Angela Merkel im Universitätshauptgebäude an. In Sprechchören machten die Studierenden lautstark auf sich aufmerksam. Erik von Malottki, der als Studierendenvertreter in der Aula war, schrieb bei Twitter: „Merkel ist da. Stille im Saal. Man hört die rufe der studis Wir sind hier wir sind laut weil man uns die Bildung klaut #uniretten“.

BAföG-Gelder für die Bildung

mm114_14_Hopo_Bildungsstreik 2_Lisa Klauke-KerstanAuf dem Rubenowplatz hielten währenddessen die Vertreter der einzelnen Hochschulstandorte Reden. Sie wetterten gegen die derzeitige Bildungspolitik, den Stellenabbau, das Kooperationsverbot und sprachen sich dafür aus, dass die freigewordenen Geldmittel aus der BAföG-Übernahme durch den Bund nur in die Bildung investiert werden. Die Förderung für Schüler und Studierende wird ab nächstem Jahr vollständig der Bund übernehmen, was Entlastungen für die Haushälter der Länder bedeutet. Wie diese eingesparten Geldbeträge genau genutzt werden sollen, hat die Landesregierung in Mecklenburg-Vorpommern noch nicht bekannt gegeben. Es handelt sich hierbei um eine Summe von rund 29 Millionen Euro. „Dieses Geld soll an die Studierenden gehen“, forderte unter anderem Michael Schulz, der Sprecher aus Neubrandenburg vor dem Hauptgebäude.

Die Sprecher und Demonstranten waren sich einig, dass zusätzliche Fördermittel an die Hochschulen gehen müssen. So erhielt auch Katharina Wilke von der Universität Rostock zustimmenden Applaus und Rufe, als sie sagte: „Bildung wird als Ware gehandelt. Das müssen wir nicht akzeptieren.“ Sie erklärte die Lage der Hochschulen im Land, die immer mehr darauf angewiesen sind, Drittmittel anzuwerben. Das allerdings führe dazu, dass einzelne Standorte und Institute zu Konkurrenten im Kampf um Geld für Forschung und besonders für Bildung werden. Ein weiteres oft betontes Thema war der geplante Stellenabbau und die Bezahlungssituation etlicher Dozenten. „Es kann nicht sein, dass Promovierende unbezahlt Lehre halten“, machte Katharina klar.
Die meisten Redner gingen zudem auf die vergangenen Demonstrationen im Mai in Greifswald und im Juli in Rostock ein. So meint Martin Grimm von der Universität Greifswald: „Wir haben etwas mit der Demo im Mai erreicht: Dass nämlich die Länder die Gelder aus der BAföG-Übernahme erhalten.“

Nachdem sich die Bundeskanzlerin trotz vehementer Forderung in Form von Rufen á la „Merkel raus!“ und „Wir wollen die Mutti sehen“ nicht zeigte, zogen die Demonstrierenden weiter zum Marktplatz. Dort war bereits eine Bühne aufgebaut worden, auf der weitere Reden von Oppositionspolitikern und Vertretern der Hochschulgruppen gehalten wurden. Die bildungspolitische Sprecherin vom Bündnis 90/Die Grünen Ulrike Berger kritisierte in ihrer Rede ausführlich die Bildungspolitik der derzeitigen Landesregierung Mecklenburg-Vorpommerns und besonders die der Bundesbildungsministerin. Die Landesabgeordneten Dr. Mignon Schwenke (Die Linke) bekundet die Solidarität ihrer Partei zu den Studierenden: „Die Opposition steht an eurer Seite. Und das wird auch so bleiben.“ Außerdem äußerte sie Zweifel bezüglich der freien Gelder aus der BAföG-Übernahme. Selbst nach der Bekanntgabe des Gutachtens, das die finanzielle Lage der Hochschulen im Land einschätzen und am 14. November veröffentlicht wurde, sei nicht sicher, ob das Geld überhaupt bei den Hochschulen ankommt. Vielmehr bestünde die Gefahr, dass es zur Stopfung von Haushaltslöchern verwendet werden würde. Wichtig sei jedoch, dass die Gelder „eins zu eins in die Bildung gehen.“
Auch Vertreter der Hochschulgruppen hatten das Wort. Inzwischen war die Zahl der Demonstrierenden stark zusammengeschrumpft. So begrüßte Björn Wieland von der Satirepartei Die Partei sein Publikum mit den Worten: „Hallo trauriger Rest.“ Der als Vertreter der Landeskonferenz der Studierendenschaften sprechende Milos Rodatos hingegen lobte die noch Anwesenden. Rodatos war während der Demonstration in der Aula gewesen und berichtete nun: „Ihr ward vorhin so laut, man hat in der Aula nichts mehr verstanden.“

Auch wenn die Demonstration bis um achtzehn Uhr angemeldet war, gingen bereits über drei Stunden vorher viele Demonstrierende nach Hause. Auch etliche Erstsemester waren bereits motiviert, für ihre Dozenten und ihre Bildung auf die Straße zu gehen. „Es geht ja irgendwie auch um unsere Studienplätze und Professoren“, meinte Marie aus Greifswald. Und ein Erstsemester aus Neubrandenburg schloss sich den Forderungen der Redner an: „Das Geld aus der BAföG-Übernahme soll dorthin gehen, wo es hingehört.“

von Juliane Stöver und Wiebke Evers

Fotos: Lisa Klauke-Kerstan