Eva-Maria Isber wurde dieses Jahr für ihre Abschlussarbeit mit dem Lydia-Preis der Theologischen Fakultät für wissenschaftliche Arbeiten ausgezeichnet. moritz. hat die Preisträgerin getroffen und mit ihr über ihre Arbeit gesprochen.

Zu lehren aber erlaube ich der Frau nicht“, lautet eine Textstelle aus dem ersten Brief an Timotheus. Während sich in Deutschland das Bild der Rolle der Frau in der Kirche in den letzten 50 Jahren stetig wandelt, ist es in Griechenland immer noch unvorstellbar, dass eine Frau auf der Kanzel steht. In ihrem Auslandssemester an der griechisch-orthodoxen Fakultät in Athen wurde Eva-Maria Isber mit solchen Denkweisen konfrontiert und konnte eine ihr bis dahin unbekannte Auslegungspraxis der Bibel miterleben. Die 27-jährige ist gebürtige Greifswalderin. Sie ist seit einem Jahr verheiratet und wohnt mit ihrem Ehemann in Berlin. 2009 begann sie ihr Studium und erhielt dieses Jahr ihr erstes theologisches Examen. Für ihre Abschlussarbeit wurde sie mit dem Lydia-Preis ausgezeichnet, den die Theologische Fakultät für wissenschaftliche Arbeiten vergibt, welche die Genderperspektive in besonderer Weise berücksichtigen.

In deiner Arbeit hast du dich mit einer Bibelstelle aus dem ersten Brief an Timotheus auseinandergesetzt. Worum geht es in dieser Textstelle?
Der Text beschäftigt sich unter anderem mit Regelungen für die Gemeinden, zum Beispiel wie christliche Männer und Frauen leben und sich im Gottesdienst verhalten sollen. Vor allem geht es um die Rolle der Frau, ihre Unterordnung gegenüber dem Mann und dass sie in der Gemeinde nicht lehren darf.

Womit hast du dich in deiner Arbeit genau beschäftigt?
Ich habe besonders die Auslegungsgeschichte des Textes bei den Kirchenvätern und in der protestantischen und griechisch-orthodoxen Kirche und Theologie anhand von Beispielen untersucht. Theologische Textauslegung unterliegt immer der sogenannten exegetisch-hermeneutischen Methode, welche sich im Laufe der Jahrhunderte und in den unterschiedlichen Konfessionen verändern kann. Es arbeiten also alle mit dem gleichen Text, kommen aber zu unterschiedlichen Ergebnissen. Ich habe nun versucht zu zeigen, wo Wege der Auslegung in den beiden Konfessionen parallel laufen und wo sie, zum Beispiel auf Grund anderer geistesgeschichtlicher Entwicklungen, in Griechenland und Deutschland auseinandergehen.

Knüpft deine Arbeit an die Gender-Thematik an?
Meine Arbeit ist keine typisch feministische oder Gender-Arbeit. Der Beispieltext, an dem ich meine Studien zur Auslegungsgeschichte mache, geht mit seinen – für uns heute recht provokanten – Aussagen zur Rolle der Frau, in diese Richtung.

Was hat dein Interesse an diesem Thema geweckt?
Der Text ist mir bei der Examensvorbereitung in die Hände gefallen und hat mich zum Nachdenken angeregt. Heute werden ja in der protestantischen Kirche Frauen zu Pastorinnen ordiniert. In der griechisch-orthodoxen Kirche gibt es keine Priesterinnen. Da können nur Männer in den kirchlichen Dienst. Ein Text wie 1. Timotheus 2, 11-15 wirft auf die Fragestellung des „Priesteramts der Frau“ sein eigenes Licht.

Welchen Stellenwert hat die Gender-Thematik deiner Meinung nach in der Theologie?
Theologiestudentinnen, Pastorinnen, Theologieprofessorinnen – ich denke, in Deutschland hat sich die theologische Landschaft in den letzten 50 Jahren schon ein großes Stück weiter auf dem „Genderweg“ bewegt. Mittlerweile ist es für uns selbstverständlich, wenn eine Frau auf der Kanzel steht oder den Gottesdienst hält. In Griechenland ist so etwas undenkbar!

Inwiefern hat sich dein Semester in Griechenland auf deine Themenwahl ausgewirkt?
Während meines Studiums in Athen ist mir das eben beschriebene Problem der unterschiedlichen Auslegungsmethoden deutlich geworden. In Seminaren, Vorlesungen und Gesprächen mit Kommilitonen ist mir aufgefallen, dass die Methoden der Schriftauslegung in Athen andere sind als die, die ich im Grundstudium in Greifswald gelernt habe. Ich habe gesehen, wie unterschiedliche Methoden zu anderen Auslegungen desselben Bibeltextes und damit unterschiedlichen Verständnissen und Lösungen – zum Beispiel solcher Fragen wie die nach dem Priesteramt der Frau – führen können. Seitdem hat mich diese Frage nicht mehr losgelassen.

„In Griechenland ist so etwas undenkbar!“

Was hast du außerdem aus deinem Aufenthalt in Athen mitgenommen?
Mir ist aufgefallen, dass in Griechenland die Schriften der Kirchenväter viel ausführlicher studiert werden als in Deutschland. Diese Studien habe ich als sehr bereichernd empfunden. In Athen hatte ich zudem die Möglichkeit, neugriechisch zu lernen. Ich konnte das nun bei meiner Examensarbeit wunderbar nutzen, da ich griechisch theologische Literatur im Original lesen, übersetzen und diskutieren konnte. Das könnte ich den ganzen Tag machen!

Wenn du die Ergebnisse deiner Untersuchungen zusammenfasst, zu welcher Erkenntnis bist du gekommen?
Meine Arbeit schließt mit der Frage, ob man anhand einer eher auslegungsgeschichtlich orientierten Methode nicht eine Brücke schlagen kann zwischen der gegenwärtigen griechisch-orthodoxen und der protestantischen Methode der Textauslegung, sodass sich beide Konfessionen der gleichen Methode bedienen und gemeinsam mit dem Text arbeiten können. Diese Vision ist sicher nicht so schnell umsetzbar, ich halte sie aber für wichtig, auch im Hinblick auf den ökumenischen Dialog der Kirchen.

Die Bibel in gerechter Sprache ist eine Übersetzung der biblischen Schrift mit dem Ziel „dem Ausgangstext in heutiger Sprache ‚gerecht‘ zu werden“. Eine gegenderte Bibel sozusagen. Wie stehst du dazu?
Ich verwende auch die Bibel in gerechter Sprache neben vielen anderen Übersetzungen. Sie ist, glaube ich, ihrem Ziel gerecht geworden, auf „ungender-gemäße“ Sprache in den meisten „klassischen“ Übersetzungen hinzuweisen und ein Beispiel zu geben, wie man es anders machen kann. Ich selbst versuche bei meinen Übersetzungen immer sehr dicht am altgriechischen Originaltext zu bleiben und würde nie dem Text etwas abverlangen, was da nicht steht oder in der Zeit seiner Entstehung nicht intendiert wurde. Die Autoren der Bibel haben eben noch nicht so „gender“ gedacht wie wir heute!

Die dir verliehene Auszeichnung erhielt ihren Namen von der gottesfürchtigen Lydia, die in der Apostelgeschichte als wohlhabende Unterstützerin der ersten Christinnen und Christen beschrieben wird. Welche Bedeutung hat der Preis für dich persönlich?
Ich wusste seit dem ersten Semester, dass es diesen Preis gibt. Beim Konzipieren und Schreiben dieser Arbeit habe ich aber nicht daran gedacht. Erst als sie schon beim Prüfungsamt eingereicht war, wurde ich von Kommilitonen ermutigt, mich dafür zu bewerben. Ich habe mich dann sehr über die Auszeichnung gefreut, vor allem darüber, dass nicht nur mein betreuender Professor die Arbeit mit „sehr gut“ bewertet, sondern auch andere Professoren und Studenten meine Arbeit mit Interesse lesen.

„Die Autoren der Bibel haben eben noch nicht so ‚gender‘ gedacht wie wir heute!“

Und der Preis, ein Büchergutschein, kommt wie zum Einsatz?
Den werde ich hervorragend nutzen können, um mir unter anderem eine neue Ausgabe des griechischen Neuen Testaments zu kaufen. Die wird dann jeden Tag auf meinem Schreibtisch liegen!

Wenn du auf deine Studienzeit in Greifswald zurückblickst, woran erinnerst du dich besonders gerne?
Wenn ich an die Zeit zurückdenke, dann denke ich an die familiäre Atmosphäre in der Theologischen Fakultät, lustige Abende in der Küche des Theologischen Studienhauses und spontane Radtouren an den Greifswalder Bodden im Sommer.

Und welche Pläne hast du für die Zukunft?
Relativ spontan habe ich eine Stelle als Inspektorin des theologischen Wohnheims „Stiftung Johanneum“ in Berlin bekommen. Das macht mir großen Spaß und ist eine tolle Chance, weil ich damit die Möglichkeit habe, gleichzeitig meine Promotion bei Professor Böttrich in Greifswald schreiben und finanzieren zu können. In meiner Doktorarbeit beschäftige ich mich übrigens weiter mit den Fragen meiner Examensarbeit, habe aber die neutestamentlichen Texte und die Schriften der Auslegungsgeschichte und Gegenwart ausgeweitet.

Also kehrst du Greifswald vorerst noch nicht den Rücken?
Nein, ich komme immer wieder!

von Lisabet Riehn

Foto: Privat