Die Gustel, Mitglieder des Greifswalder Universitäts-Studentischer Autorenverein, treffen nun den moritz. Jetzt könnt ihr die Geschichten auch hier lesen. Dieses Mal: Online-Dating-Fieber oder warum man vielleicht nicht zu viele Ansprüche an eine potentielle Partnerin haben sollte.

Ich fragte mich, wie spät es war. Allerdings konnte ich Uhrzeiten erschreckend gut schätzen, indem ich meinem Alkoholpegel vertraute. In diesem Moment war ich schon ein bisschen benebelt. Mein Gleichgewichtssinn war aber noch im grünen Bereich. Das bedeutete, dass es irgendwas zwischen elf Uhr abends und drei Uhr nachts sein musste. Auf meinen Alkoholpegel konnte ich mich eben immer verlassen.

Mein Kumpel war gerade auf der Tanzfläche und performte seinen sorgsam einstudierten Moonwalk. Ich wusste die einen oder anderen Dinge über Frauen, und Moonwalks standen nicht allzu weit oben in den Dingen, die Frauen dahinschmelzen lassen wie ein Magnum-Eis in der Sonne. Oder wie ein Kalippo-Eis in der Sonne, wie eigentlich jedes Eis in der Sonne. Eigentlich sind gute Vergleiche schon sehr mein Stil, aber als ich das einem Mädchen an der Bar erzählte, zeigte sie mir nur die kalte Schulter. Ihre Schulter war so kalt wie, sagen wir mal, ein Fischstäbchen im Drei-Sterne-Gefrierfach … oder wie ein Aufbackbrötchen im Drei-Sterne-Gefrierfach. Egal, da drin ist sowieso alles gleich kalt. Eine eiskalte Minus 10°C-Schulter. Auf jeden Fall schien sie sich weder für Eissorten noch für die gradgenaue Kühlleistung meines Drei-Sterne-Gefrierfachs zu interessieren.

Ich war sowieso eher der Onlinedating-Typ. Also fuhr ich nach Hause, machte meine Espressomaschine an und setzte mich an meinen Laptop, um an meinem Online-Dating-Profil zu feilen. In den letzten zwei Monaten hatte ich ganze drei Mails von Frauen bekommen. Eine davon war allerdings von der lächerlich gut aussehenden Seitenadministratorin, die mich zur Eröffnung meines Profils beglückwünscht hatte, mit dem dezenten Hinweis darauf, dass ich für nur 29,99 Euro im Monat in der Lage wäre, eigene Nachrichten an Frauen zu verschicken.

Aber nicht mit mir. Soll der Berg ruhig mal zum Propheten kommen. Der Berg ist im Idealfall 1,70 Zentimeter groß, hat braune Haare, grüne Augen und ist mindestens auf optischer Ebene sportlich, besser noch auch auf der anderen Ebene. Dazu hat die Frau Sommersprossen, ist Nichtraucherin, Schuhgröße nicht über 39, Alter nicht über 23. Das sind natürlich nur die Eckdaten. Aber unterm Strich sollte sie eine generelle Grundintelligenz aufweisen, sich dazu noch etwas für Gefrierschränke interessieren und über ein gut platziertes Star-Wars-Zitat lachen können. Eine Affinität zu Fremdwörtern wäre auch ganz wünschenswert, aber ohne dass sie zu abgehoben wirkt. Bildungsstand eher Richtung hoch, mittlerer Bildungsstand wäre noch zu verschmerzen, wenn ihr Einkommen dafür im mittelhohen Bereich pendelt, damit ich mir auch sicher sein kann, dass sie mich nicht wegen meines doch sehr soliden Paketservicejobs kennenlernen möchte. Man lernt ja schon in King of Queens, dass pummelige Paketboten die beste Wahl für eine längerfristige Partnerschaft sind. Aber wem erzähle ich das? Steht ja alles in meinem Profil drin.

Die erste Frau war mit ihrer Sofortnachricht leider mit Anlauf durch mein Schuhgrößenkriterium gefallen. Das alleine hätte sie durch sprachliche Finesse, Witz und einem optisch gut bis sehr gutem nicht photoshop-bearbeiteten Profilfoto wieder gut machen können. Doch die Tatsache, dass sie nicht einmal meine Minimalanforderungen in der Profilbeschreibung lesen konnte, ließ die 24-jährige Surflehrerin natürlich wieder eiskalt durch mein Raster fallen (Stichwort: Grundintelligenz). Hätte ihre Nachricht angefangen mit: »Hey, sorry, ich habe zwar Schuhgröße 40, aber ich würde dich trotzdem gerne kennenlernen …«, dann hätte die (Schuhgrößen-)Nummer wieder anders aussehen können. Aber gut, muss sie wissen. So landete die Nachricht verständlicherweise nur im virtuellen Papierkorb.

Die zweite Frau hatte mit ihrer Nachricht dagegen alles richtig gemacht. Selbst nach dem dritten kritischen Lesedurchgang ist mir nichts Negatives aufgefallen. Im Gegenteil: Ihre Nachricht sprühte verbal vor Charme, Witz und Eloquenz. Sie war 22 Jahre alt, studierte Germanistik, dazu Schuh- und Körpergröße alles im grünen Bereich. Sie hatte zwar nicht meine Wunschaugenfarbe, aber irgendwo musste man eben Abstriche machen, wenn man glücklich werden wollte. Aber der Teufel steckte wie immer im Detail. Auf dem vierten ihrer hochgeladenen Fotos mischte sich ein Duckface-Selfie unter die ansonsten sehr ansehnlichen Bilder.

Okay, sowas konnte schon mal im Eifer des Foto-Hochladens passieren, dachte ich. Daher beschloss ich, aus ihrer unglücklichen Foto-Panne Kapital zu schlagen und sie zu einer romantischen Entenfütterung einzuladen. Aber: Falsch gedacht. Danach antwortete sie mir nicht mehr. Schade eigentlich: Ich hatte noch eine trockene Scheibe Toastbrot, die den Enten sicher geschmeckt hätte. Das waren bis jetzt auch die größten meiner Online-Dating-Abenteuer. Aber ich war optimistisch. Vielleicht streiche ich die einen oder anderen meiner Kriterien, um den Kreis meiner potenziellen Liebhaberinnen auszuweiten. Ich hoffe nur, dass ich dann genug Zeit haben werde, um auf die ganzen Nachrichten zu antworten.

von Chris Wahsner