Mecklenburg-Vorpommern ist musikalisches Ödland, gerade elektronische Tanzmusik kommt hier zu kurz. Erzählt man sich. Dass aber aufsteigende DJs in Greifswald ihre Wurzeln tragen, das weiß kaum jemand. Ein informativer Absturz.

Die dritte Flasche Pfeffi ist geleert. Genauso der erste WG-Mitbewohner von Dorothee, der sich nach dem dritten Trinkspiel auf dem Klo verbarrikadiert.
Dorothee lebt nun seit fast vier Wochen in Greifswald, eine Ersti. Bisher gefällt es ihr ganz gut. Sie feiert heute, zu Halloween, das erste Mal mit ihrer WG eine kleine Homeparty. Alle sind gut dabei, alle in guter Stimmung. Jetzt braucht es nur noch eins für den perfekten Abend: Oliver Koletzki LIVE in der Stadthalle. Der ist nun seit fast neun Jahren eine nicht aus der Elektro-Szene wegzudenkende Größe. Mit seinem Label „Stil vor Talent“ schaffte er 2005 den internationalen Durchbruch. Für Freunde der elektronischen Tanzmusik ein langersehntes Highlight in der Wahlheimat.

Die verglitzerten Elektrofans warten ungeduldig vor der Wohnungstür, während Doro noch eben die „Oliver-Koletzki-Reinkomm-Mukke“ ausschaltet. Nachdem das Weg-Bier gekauft und der Knoblauch-Döner verzehrt ist, machen sie sich auf den Weg zur Stadthalle. „Alter, hier ist ja kein Schwein!“ –  Finn, gebürtiger Greifswalder, hat so eine „Schlange“ vor dem Theatercafé noch nie gesehen.

„Ach das wird schon“ – Dorothee völlig blau. Mit entgleister Mimik schafft sie den Weg hoch zum Türsteher, der den drei Leuten vor sich lautstark verkündet, sie sollen doch schon reingehen, bei Kolle (Koletzki) würde es immer voll. Er kenne das schließlich schon von anderen Partys.

Fachgespräch unter Betrunkenen

Neben Doro grölt Finn mit seinem ,,Stil vor Talent“-Jutebeutel in der Hand: ,,Leute, Leute wisst ihr was? Ihr habt zwar Stil – aber ich, ich hab Talent!“ Nachdem das Gelächter ausgeblieben ist, stakst Finn in die Stadthalle. Zur Einstimmung erfüllen die pulsierenden Klänge von Marcus Bekker aus Stralsund den Raum, gefolgt von The Original Peter, der die Platten zum Glühen bringt. Die nächste Stunde ist erfüllt von weiteren Bierchen, dem Auftaktstampfen der Mädchen und der zu schrumpfen scheinenden Halle. Die Fülle macht sich an den Ellbogen des jeweiligen Tanznachbarn bemerkbar, die sich hartnäckig im eigenen Rippenbereich aufhalten. Weitere zufällige Zusammenstöße und Bierwellen später braucht Dorothee dringend eine Zigarettenpause. Den klebrigen Boden überwindend füllen sich ihre Lungen mit klarer Nachtluft und Nikotin. „Bist du Ersti?“, spricht sie ein schlaksiger Typ am Pommesstand an. Es folgen die üblichen Phrasen, angefangen von der gemeinsamen Heimat Berlin über den vielfältigen Elektrostrich bis hin zum heutigen Abend. „Ist nicht so mein Ding hier“, macht der entspannt wirkende Riese klar, „die Leute sind ultra anstrengend und grölen mir dauernd ins Ohr. Da ist es im BT stressfreier.“ Doro glotzt ihn an. BT? Klingt fast wie ´ne Tankstelle. Der Typ muss bemerkt haben, dass Doro keinen Schimmer hat, wovon er spricht. Er glotzt zurück. „Noch nie was vom BT gehört? Und du willst Elektro-Fan sein? Sagt dir die RoSa-WG was? Verschnibbt & Zugenäht? Pete & Kloppenburg? Das sind die Legenden der heimischen Szene, man!“ Langsam dämmert Doro, dass sie dem elektroverliebtesten Raver Greifswalds gegenüber steht. Eigentlich perfekt. Die Stadt ist zwar nicht klein, aber trotzdem eine kulturelle Wüste. Dachte sie bis jetzt. „Echt? Elektroszenelegendeningreifswald?“, lallt sie mit dem Zigarettenstummel im Mundwinkel. „Hä, klaaar“, macht der Typ und startet die Vorstellung. Statt sich über 0-8-15-DJs und verranzte Dorfschuppen auszulassen, erzählt er von individuellen Clubs, von DJs, die hier klein angefangen und dort ganz groß geworden sind, von ausgeflippten Persönlichkeiten und kulturellen Erhaltungskämpfen. Schon fast philosophisch um die Uhrzeit.

mm114_33_Greifswelt_Kolle_Alexander pics„Falls du Bock auf Techno, Tech-House oder Goa-Trance hast, geh auf jeden Fall ins BT. Ich war damals auf der ‚Vergiss-mein-nicht‘-Party und die haben es tatsächlich geschafft, Empro (Sisyphos) zu engagieren. Das war mega. Sound und Stimmung tip top. Früher war ich auch oft in der RoSa-WG. Die haben so erfolgreiche Leute wie Wankelmut, Oliver Schories oder Monkey Safari nach Greifswald gebracht. Das hat dem Städtchen hier echt Leben eingehaucht und war jedes Mal nicht vor sechs Uhr zu Ende.“ Dann erzählt er, dass es die RoSa-WG nicht mehr gibt. Wegen Streitereien mit dem Vermieter, zu wenig Geld und Straßendemos, die erfolglos blieben. „Aber es gibt noch Hoffnung. Die RoSa-WG hat der Greifswalder Elektro-Szene nämlich Nachwuchs dagelassen!“, strahlt der Typ und reibt sich die Hände. Doro kauft dem Pommesbudenmenschen zwei Bier ab und reicht ihrem Gegenüber eins. Drinnen wummert der Bass, es klingt noch nicht wie Kolle.

Der Typ erzählt von Verschnibbt & Zugenäht, einem DJ-Zweiergespann, das aus dem Vorläufer der RoSa-WG geboren wurde und mittlerweile deutschlandweit unterwegs ist. Obwohl sie früher von Tech-House und Elektro-Swing geprägt waren, bewegen sie sich jetzt bei den Großen Richtung Superflu und Co. Die provinziale und sympathische Bescheidenheit hätten die beiden aber nie abgelegt. „Die spielen viel lieber auf Veranstaltungen, die einem guten Zweck dienen, als sich für die Gage zu verbiegen. Haben die mir mal nach einem Auftritt verraten“, sagt er und nimmt einen Schluck Bier. Was ihn auch beeindruckt, ist das politische Engagement der beiden. „Die sind ernsthaft auf der Hedonistischen Internationale gegen den Castortransport nach Lubmin aufgetreten. ‚Atomkraft wegbassen‘ hieß das. Da haben die die Menge gerockt und gleichzeitig gezeigt, dass sie für unsere Umwelt kämpfen. Fand ich geil.“ Abgesehen von regionalen Auftritten schlägt das Duo aber auch auf Festivals wie dem diesjährigen GOA-Festival Simsalaboom und in bekannten Clubs wie dem ‚About Blank‘ in Berlin und der ‚Roten Flora‘ in Hamburg die Platten an. „Ich hatte echt das Gefühl, die sind hier noch zu Hause, fühlen sich wohl, sind aber eben auch gerne unterwegs. Und erfolgreich, ist ja klar.“

Elektro im Kaufhaus-Gewand

Als Finn auf die Pommesbude zusteuert, hat er schon wieder Schnaps in der Hand. Torkelnd drückt er Doro den doppelten Pfeffi in die Hand und prostet ihr zu. „Leute, Leute was is‘n. Ihr müsst schon rein. Der legt gleich auf. Es is‘ voll und wir müssen vor. Stil vor Talent!“ Doro kippt das Glas hinunter und grinst. „Klar. Komme gleich nach. Der Typ hier weiht mich gerade in die hiesige Elektroszene ein. Wusstest du, dass berühmte DJs aus Greifswald kommen und es auch einige Clubs gibt, die solche Größen einladen?“ Finn zuckt mit den Schultern. Gebürtige Greifswalder wissen sowas. Trotzdem mustert er den Typen interessiert. „Erzähl mir mal was, was ich noch nicht weiß!“

mm114_33_Greifswelt_Kolle2_Alexander picsDer Typ zieht an seinem Zigarettenstummel und überlegt. „Hm. Es gibt da so ein Trio, das dem klassischen Elektro-DJ Konkurrenz macht. Die nennen sich Pete & Kloppenburg und sind zu dritt unterwegs. Ein DJ, ein Schlagzeuger und eine VJane. Am Anfang hat Pete als DJ noch alleine Trancecube-Partys in Greifswald geschmissen und vor allem mit eigenen Tracks den Trance gesellschaftstauglich gemacht. Der war sogar mal Mitglied in der Kiste. Dann kam irgendwann Katharina dazu, die Pete als VJane unterstützt hat. Und vor circa drei Jahren war Pete so begeistert von Michael am Schlagzeug, dass er ihn kurzerhand mit ins Boot geholt hat. Da waren sie dann komplett. Die Tracks haben dadurch eine unglaubliche elektronische Vielseitigkeit bekommen. Das hört man echt raus! Die haben dann ihr Debüt in der Kiste gegeben und haben seitdem schon Gigs in Dresden, Leipzig, Rostock und Cottbus gespielt. Ist total verständlich, dass die so erfolgreich sind. Die setzen sich keine Grenzen in der Musik. Das, was die machen, hat immer ´ne Seele. Die mixen einfach alles. Hip Hop, Musik der 60er bis 90er, Elektro und und und. Das wird nie langweilig, vor allem weil die sich auch immer weiterentwickeln und fortlaufend verändern.“

Finn nickt begeistert. „Von denen hab ich schon mal gehört. Aber dass die auch woanders auftreten wusste ich nicht. Da müssen wir hin, wenn die wieder mal in Greifswald spielen, Doro!“ Beide strahlen den Typen mit Scheinwerferaugen an. Der lacht. „Freut mich, dass ich euch was Neues erzählen konnte. Aber lasst uns mal wieder reingehen. Ich glaub, Koletzki legt gleich los.“

Doro, Finn und der Typ suchen sich einen Weg durch die verschwitzte Menschenmasse zurück zum DJ Pult. Nachdem Kolle den ersten Track anspielt, erhellt sich Doros Gesicht – ihre Augen schließen sich automatisch. Nicht nur sie genießt, die Trance spiegelt sich auch in dem breiten Lächeln der anderen. Die Masse pendelt im gleichmäßigen Rhythmus. „Oliver Koletzki is‘ schon geil. Aber auf die heimischen Legenden bin ich jetzt wirklich gespannt“, denkt Doro und hebt die Arme.

von Tine Burkert, Julia Keim und Fee Wüstenberg 

Titelbild: Manfred Werner – Tsui

Fotos: Alexander Ivanov, facebook.com/AlexanderIPics, Panorama Event / Oliver Koletzki