Ein Jahr lang hat Angi die LeserInnen des moritz.magazins mit ihren Gedanken, Gefühlen und Wortspielen begleitet. Es war eine schöne Zeit mit ihrer Kolumne – dafür möchten wir Danke sagen! Seit dem aktuellen Heft hat nun Philipp das Kolumnen-Zepter in der Hand und lässt uns an seiner Welt teilhaben. Hier könnt ihr Angis letzten und Philipps ersten Text nebeneinander bewundern. Ganz viel Freude dabei!

Wenn Blindgänger einem die rechte Sicht nehmen

Ich bin nicht dumm. Aber was ist dann das Adjektiv, das mich besser beschreiben würde? Vielleicht naiv? Daumen hoch für die Selbsterkenntnis des Tages. Ich bin naiv was die Liebe betrifft. Ich fantasiere nur zu oft von dem Moment, in dem sich zwei Verliebte anschauen und die ganze Welt stillsteht. Sich nicht mehr bewegt. Meist passiert das nach dem herzzerreißenden Ende einer Liebesgeschichte, festgehalten im 35-mm-Kinoformat. Immer wieder sage ich mir dann: „Nein, das war wirklich der letzte Liebesfilm, den ich mir angeschaut habe.“ Diese vielen romantischen, dramatischen, exzessiven, alles-ist-so-perfekt-Szenen in den Hollywood-Schnulzen sind doch nur Heuchelei. Oder? Doch trotzdem sind diese nullachtfünfzehn Happy Ends schuld daran, dass meinen Ansprüchen, was die Liebe betrifft, langsam Flügel wachsen und sie Stück für Stück immer höher in den Himmel flattern. „Komm mal runter, von da oben“ würde ich mir da gerne sagen.

Wie soll denn je jemand mein schön errichtetes Luftschloss erreichen, wenn jede neue Leinwandlovestory die Leiter zum Schloss wieder umstößt? Außer ich treffe auf dich, einen Blindgänger. You might have luck. So SUCHE ich die Welt also nach der großen Liebe ab, obwohl allgemein bekannt ist, dass man das nicht darf! Unerhört von mir, wie ich auf so eine abstruse Idee komme, die Liebe angelehnt an der großen Eiche, im Kino, am Hafen, auf der coolen Hausparty oder in der Bibliothek zu suchen. Doch was finde ich statt des Liebes-Jackpots? Ein Mienenfeld voller potenzieller Bomben. Und gerade die Blindgänger reizen mich, weil sie so geheimnisvoll und gefährlich ausschauen. Werde ich von denen auch noch BEWUSST ignoriert, dann geht das Spiel für mich erst richtig los. Wohl wahr, das Motto von heute ist: Game on, wenn jemand „hard to get“ spielt. Typisch Frau eben.

Eigentlich will ich doch nur diese Liebe, von der alle sprechen, ERKENNEN können. Klappt wohl nicht. Weiter geht’s. Naja, jede Erfahrung, die ich mache, bringt mich meinem eigenen nullachtfünfzehn Happy End näher. Aber mein Gott, ich bin noch jung. Ich habe viele Jahre vor mir, in denen ich mich frei auf Mutter Erde fortbewegen kann. Vielleicht stehe ich momentan noch viel zu sehr auf Enttäuschungen. Diese Viecher lassen sich aber auch einfach viel zu leicht ködern. Der große Fisch scheint nicht in Sicht oder sehe ich ihn einfach nicht? Ja, denn leider gibt es viel zu viele Karpfen, die dir erst große Augen machen, die dir den Eindruck vermitteln: „Du bist meine Karpfenprinzessin. Der süßeste Seestern, der mich von Weitem anfunkelt hat. Ja, du und nur DU bist meine Seegurke!“ Bla bla bla. Doch lernst du den Karpfen erst kennen, stellt sich heraus, dass er ziemlich schlammig schmeckt! Meist schwamm der Karpfen dann schon viel zu lange im Ryck. Durchzechte die Gewässer wie ein Hecht. Und auf sowas stehen wir? Unglaublich. Wirklich naiv. Ich halte jetzt einfach mal Abstand vom Mienenfeld und dafür Ausschau nach was Besserem. Fisch mit Rückgrat wäre gut und mit humorgefüllten Blubberblasen. Wer steht schon auf den Nachgeschmack von Schlamm, wenn man stattdessen irgendwo die prächtigen Farben eines Regenbogenfisches kosten kann? Na gut vielleicht bin ich doch nicht die pure Naivität in Person. Das Adjektiv, das mich besser beschreiben würde? Hoffnungsvoll.

 

Worten eine Bedeutung zu geben, ihnen Leben einzuhauchen, sie nicht als bloße Worte zu sehen, sondern als Expressionen meiner Selbst – ist es nicht das, was es bedeutet, sich auf Papier zu verewigen?

von Angi

mm109_46_kolumne_Bella

 

 

 

 

 

 

 

Hab ich Leben, tu ich Facebook.

 

Noch mit süßesten Einbildungen im Kopf und Sandmännchenpopeln im Auge wache ich, an der Nase durch Sonne und übers-Gesicht-lauf-Katze gekitzelt, langsam auf. Verschwommener, zeitprüfender Blick aufs Handy – ok! Es ist morgens um zwölf. Zum nochmal Umdrehen irgendwie zu spät, zum Aufstehen zu früh. Durch diese lebenswegweisende Entscheidung paralysiert, verstreichen weitere zehn Minuten. Läuft doch ganz gut. Ich kann mich dann aber doch durchringen, den von Müdigkeit zerfressenen Leib auf die Seite zu manövrieren und den Laptop per Hebelgesetz ebenfalls aus dem nicht ganz so Strom sparenden Standby-Schlaf zu erwecken, um, na klar, Facebook zu checken.

Ich freu mich schon richtig darauf, was es wohl Neues gibt! Welche Werbung mir wohl heute ins Gesicht springt. Vielleicht gibt es auch ein neues Mädchen in der Nähe, das Single ist und nur auf mich wartet. Gott, ich hab so viele warten lassen. Doch nein, heute dreht sich mal alles um Nescafé, Adobe und WD-40! Interessante Kombination Herr Zuckerberg, man bedient in die Breite, Chapeau.

Die wichtigste Frage ist aber natürlich, was meine zweimillionenmilliarden besten Freunde gemacht haben, seit ich vor knapp neun Stunden das letzte Mal investigativ interessiert und neumodern an ihrem Leben teilnehmen durfte. Als erstes sehe ich ein Bild auf dem steht: „Like das, wenn du…“. Einer meiner Freunde hat es geliked. Es wurde gepostet von einer Seite, die man liken kann. Likecaption, denk ich, gefällt mir.

Der Nächste hat sich zu einem Post über seinen verfilmungsreifen Alltag hinreißen lassen: „Man ist das früh, ich komm nicht hoch“. Ein noch mildes Beispiel für eines der unzähligen ganz privaten Tagebücher. Der Post ist zwar vollkommen belanglos, ich kann dennoch nicht umhin, ihm beizupflichten. Direkt darauf folgt ein hochmotivierter Beitrag über den Verlauf des Vorabends: „Boah, war ich besoffen Alter.“ 20 Kommentare über dies und das und Ähnliches folgen dem in digitalen Stein Gemeißeltem. Das Mädchen von der Party gestern hat auch was geschrieben. Schön, denk ich, muss ich sie nicht extra suchen. Jetzt ein paar Beiträge von Seiten, welche ich einst per Klick dazu brachte, mich mit Informationen über Sport, lustige Videos und Bilder, Nachrichten, preisgünstige Penisverkleinerungen und Musik zu füttern. Ein wenig NFL hier, ein wenig Putin sucht die nächste Superprovinz da und irgendwas mit „hat sein Profilbild geändert“. Gefällt mir sehr!

Noch tiefer in den digitalen Gefilden wird die See rauer. Mein Laptop schaukelt bedenklich, als ein populär-veröffentlichter Post zu einer über 1 000 Kommentare umfassenden Diskussion einlädt, immer ein Kuriositätenkabinett der besonderen Art. Zu allem Überfluss scheint dieser Sturm politischer Natur zu sein, ganz dünnes Eis.

Auf das Zitieren der Kommentare verzichte ich an dieser Stelle, will aber sagen, dass mich mein Duden und die neueste Titanic aus dem Regal böse angeguckt haben. Gefällt mir nicht mehr so!
Ein weiterer zielgerichteter Blick auf mein Smartphone informiert mich erneut über die Uhrzeit: 13 Uhr. Ich klapp den Laptop zu und dreh mich nochmal um.

 

Warum eigene Worte finden, wenn es doch schon jemand wie Jean Baptiste Molière gesagt hat: „ Der Grammatik müssen sich selbst Könige beugen, aber kein Internetnutzer mehr.“

von Philipp

Bild_Kolumne