Universitätsgebäude sind immer blitzblank. Auch wenn einmal eine 24-Stunden Vorlesung darin stattgefunden hat. Damit die vielen Gebäude in einem Zustand bleiben, in dem sich jeder wohlfühlen kann, braucht es Menschen, die sich um deren Sauberkeit kümmern. moritz. hat die Reinigungskräfte der Universität bei der fühmorgendlichen Säuberung des Audimax begleitet.

Putzfrauen1Jetzt kommt das graue Sauen!“, sagt Frau Wienhold und sprüht ein wenig Putzmittel auf die völlig verschmierte Tafel. „Ich hasse die Tafel, das ist Frühsport am Morgen.“
Habt ihr euch schon mal darüber gewundert, warum euer Hörsaal blitzblank ist, obwohl eure Vorlesung um acht Uhr beginnt? Wo ist denn nur der halbvolle Kaffeebecher hin, den man gestern in der letzten Vorlesung unter seine Bank gestellt hat? Er wurde aufgehoben und entsorgt, genauso wie die vielen anderen, die überall in den Hörsälen herumliegen, nachdem die Studierenden darin gewütet haben. Für jeden einzelnen Kaffeebecher, für jede Papiertüte vom Bäcker und für jeden Schnipsel eines achtlos zerrissenen Flyers muss sich jemand mühsam bücken, um ihn aufzuheben und zu entsorgen.

Frau Wienhold ist nur eine von rund 40 Reinigungskräften der Firma Götz-Gebäudemanagement Nord GmbH & Co. KG, die von der Universität bereits seit 21 Jahren mit der Reinigung der Campus-Gebäude beauftragt ist. Um fünf Uhr morgens ist offizieller Arbeitsbeginn der Reinigungskräfte. So steht es in ihrem Arbeitsvertrag. Ihre Arbeitszeit hängt von vielen Faktoren ab: Muss eine Vor- oder Nachreinigung stattfinden, welches Gebäude muss gereinigt werden, wie stark ist das Gebäude verschmutzt. Deshalb ist es teilweise unerlässlich, dass die Arbeit bereits eine Stunde vor dem offiziellen Beginn losgeht oder dass mal am Nachmittag schnell durchgewischt wird, wenn der Hörsaal frei ist. Zusätzliche Arbeitsaufträge führen dazu, dass auch am Wochenende geputzt werden muss. Die Grundreinigung, die einmal im Jahr stattfindet, ist purer Stress. Dabei werden zum Beispiel die Fliesen im Audimax mit einem Spezialmittel gereinigt und anschließend versiegelt. Ihr eigenes Zuhause putzt Frau Wienhold nach der Arbeit dann nicht mehr. „Das schafft man einfach nicht“, sagt sie.

Recht ist es, auch von der Tafel zu lernen?

Der Audimax ist eines der Universitätsgebäude, die am aufwendigsten zu reinigen sind. Und die Tafeln sind Frau Wienholds schlimmster Feind. Die Farbe ist nur sehr mühsam von den großen Tafeln abzuwischen, besonders wenn ein Dozent die falschen, nicht wasserlöslichen Stifte benutzt hat. Manchmal sind die Tafeln auch noch ganz hochgefahren und wer kein Riese ist, bekommt sie nur unter größter Anstrengung herunter.

Putzfrauen3Ich habe am eigenen Leib erfahren, wie kräftezehrend die Verrenkungen sind, die man beim Schrubben der Tafeln machen muss. Wenn einem danach die Arme schmerzen, kann man Frau Wienholds Feindseligkeit völlig nachvollziehen. Ob Ovid wohl daran dachte, als er in seinen „Metamorphosen“ niederschrieb „Recht ist es, auch vom Feind zu lernen“? Das Tafelputzen ist allerdings nur ein Teil der zu erledigenden Arbeit, um den Audimax sauber zu halten. In jedem Raum muss der Müll aufgesammelt werden. Dann wird gesaugt, nass geputzt oder gekehrt und anschließend die Mülltüten ausgetauscht. Dienstags und donnerstags müssen auch die PC-Räume gereinigt werden, ansonsten nur die Hörsäle und die sanitären Anlagen. In den PC-Räumen werden zudem die Tische abgewischt. Es stört Frau Wienhold, dass überall Flyer herumliegen, obwohl doch auf den Schildern steht, dass „wegen des Brandschutzes“ keine Flyer ausgelegt werden dürfen. „Wenn sie in den Regalen liegen würden, wäre mir das egal.“ Aber so ist es ihre Aufgabe, sie aufzusammeln. Ebenso wie die Plakate, die unerlaubt an den Wänden angebracht werden.

Knochenjob

Der Winter ist nicht nur ein Problem für Fahrradfahrer. Schneematsch und Streusalz sind für alle, die sie aufwischen müssen, ein Graus. Da sind die Mitarbeiter der Firma Götz, die sich um Sauberkeit in den Universitätsgebäuden bemühen, keine Ausnahme. Der Winter erschwert ihre Arbeit so sehr, dass Frau Wienhold nicht mehr in der Lage ist, den Audimax alleine vor der Ankunft der Studierenden zu säubern. Deshalb bekommt sie in der Winterzeit Verstärkung von einer zusätzlichen Hilfskraft. Das Streusalz greift die Fliesen an und sorgt dafür, dass sie zunehmend an Glanz verlieren. Aus diesem Grund muss auch die Grundreinigung im Audimax durchgeführt werden. Ohne die Arbeit der Reinigungskräfte wären schöne Unigebäude wie der Audimax lange nicht in dem Zustand, in dem sie sich jetzt befinden. Aber kann das der Grund dafür sein, dass Menschen einen solchen Knochenjob machen? Wird man nur „Putze“, wenn man es zu sonst nichts gebracht hat? Ich kann dem Putzen auch sehr schöne Seiten abgewinnen. Es ist einfach ein schönes Gefühl dafür zu sorgen, dass es die Mitmenschen etwas angenehmer haben. Irgendwie fühlt es sich „ehrlich“ an. Aber ich wollte es genau wissen und habe diese Frage auch Frau Wienhold und ihrer Kollegin Frau Reinholz gestellt, während wir nach der Arbeit gemütlich auf der Treppe zum Innenhof des Audimax sitzen und eine kleine Kaffeepause machen. „Es muss Spaß machen, sonst würde ich ja nicht mehr arbeiten wollen“, gibt mir Frau Wienhold zur Antwort. Frau Reinholz meint, dass ihr der Kontakt zu anderen Menschen gefällt, die man während der Arbeit trifft und mit denen man ein Pläuschen halten kann. Beide sind sich darüber einig, dass das Verhältnis zu den Kollegen sehr gut sei und es nie zu Streit untereinander käme. Aber was sind das für Kollegen, die sich so gut untereinander verstehen? Schaut man auf der Homepage der Firma Götz nach, findet man eine interessante Chronik der Firmengeschichte. 1949 begann der Gründer der Firma, Karl Götz, als einfache Reinigungskraft. Heute hat seine Firma 14 000 Mitarbeiter und ist in fünf Ländern aktiv. Vielleicht ist der Beruf „Putze“ doch nicht so schlecht, wie manch einer annimmt.

Studenten: Unangenehm, aber notwendig

Das Gespräch auf der Treppe ist nach dem vielen Arbeiten und dem frühen Aufstehen richtig angenehm. Frau Wienhold und Frau Reinholz plaudern, trinken ihren Kaffee und necken und witzeln mit anderen Angestellten der Universität herum, die an uns vorbei gehen, um ihre Aufgaben zu erledigen. Ein Mann trägt beispielsweise eine Leiter an uns vorbei. Seine „Karriereleiter“ meine er. Die Kaffeepause möchte ich nutzen, um noch ein paar Fragen zu stellen, denn ich will Frau Wienhold nicht in ihrer Arbeit stören. Denn jedes Mal, wenn ich sie etwas frage, hält sie inne, denkt kurz darüber nach und antwortet. Und wir stehen ja unter Zeitdruck. Aber ich habe meine wichtigste Frage noch nicht gestellt: Wie sehen die Reinigungskräfte die Studierenden? Einen Eindruck davon habe ich bereits bekommen. So erfahre ich beispielsweise, dass die anstehende 24-Stunden-Vorlesung für die Frauen ein großes Ärgernis darstellte. Sie erzählen mir, dass sie teilweise Angst vor den betrunkenen Studenten haben, die sie bereits öfter in der Vergangenheit belästigt hätten. Außerdem ist es kein großer Spaß erbrochenes Essen und zerbrochene Bier- und Schnapsflaschen zu entsorgen. Vor allem hat man dazu fast keine Zeit, da die betroffenen Hörsäle ja fast rund um die Uhr belegt sind. Ein betrunkener Student soll wohl auch mal einen Dozenten die Treppe hinunter geworfen haben, sodass die Polizei und der Wachdienst kommen mussten. Solche Szenen sorgen nicht für Pluspunkte, was die Meinung der Reinigungskräfte über die Studierenden angeht. 24 Stunden auf einer unbequemen Bank herumsitzen, das ist für Frau Wienhold ohnehin unvorstellbar. Sie will von mir wissen, wie ich das nur aushalten könne mehrere Stunden nichts anderes zu tun als herumzusitzen und jemandem beim Reden zuzuhören. Sie meint, dass sie das schon bei ihrer Tochter nicht nachvollziehen kann, die auch einmal studieren möchte. Zudem nervt sie der ewige Kampf gegen die Kaffeebecher und Essensverpackungen in den Hörsälen. Sie findet, dass das Essen in den Hörsälen verboten werden sollte, wenn die Studenten nicht in der Lage sind ihren Müll in einen Mülleimer zu werfen. Und wenn es den Studierenden mal gelingt ihren Abfall wegzuwerfen, dann werfen sie es in die falsche Tonne. „Da wo Studierende sind, gibt es keine Mülltrennung. Die Studenten glauben wohl, dass die Papierkaffeebecher in den gelben Sack kommen, weil der Deckel aus Plastik ist!“ Frau Reinholz meint dazu, dass sie nicht wissen möchte, wie es bei solchen Studierenden, die ihren Müll einfach da fallen lassen, wo sie gerade stehen, zu Hause aussieht. „Man lässt zu Hause den Müll doch auch nicht einfach liegen!“

Putzfrauen2Frau Reinholz arbeitet für gewöhnlich in der Alten Universitätsbibliothek. Die Reinigung dort betrifft vor allem die Lesesäle, den Seminarraum und die Flure. Bücherregale und Magazin werden von den Mitarbeitern der Bibliothek selbst gereinigt. Sie erzählt, dass es in den kleineren Instituten und Gebäuden immer mal wieder vorkommt, dass jemand mit ihr plaudert, oder zumindest grüßt. Sogar ein Geschenk hat sie mal zu Weihnachten bekommen. Aber die Studierenden im Audimax machen das nicht. Man weiß dann gar nicht mehr, für wen man das eigentlich macht. „Ich glaube viele Studierende denken, dass wir Reinigungskräfte auf einem unteren Niveau wären. Unsere Arbeit sollte mehr geachtet werden“, sagt Frau Wienhold. Als ich dann schließlich frage, ob sie wirklich nur so ein negatives Bild von uns haben, da antwortet Frau Reinholz: „Na ohne euch hätten wir doch schließlich keine Arbeit und die Stadt wäre dann tot.“

Etwa um acht Uhr ist unsere Kaffeepause zu Ende. Frau Wienhold bedankt sich für meine tatkräftige Mithilfe. Sie meint sogar, dass sie ohne meine Hilfe nicht so schnell fertig geworden wäre, aber das glaube ich ihr nicht wirklich. Meine kurze Zeit als Reinigungskraft ist jedoch vorbei und ich werde wieder Student, aber für Frau Wienhold ist der Tag noch lange nicht zu Ende. Das Koeppenhaus und das Institut für Politik- und Kommunikationswissenschaft wollen noch sauber gemacht werden. Die ersten Studierenden kommen ins Foyer des Audimax geschlendert. Ich verabschiede mich und will hinausgehen. Dabei bemerke ich den Blick einer Studentin, die sich zu fragen scheint, was ein Student und die Frauen vom Reinigungsdienst miteinander zu tun haben.

von Vincent Roth

Foto und Grafik: Lisa Klauke-Kerstan