Rezension

1989, Kreuzberg, kurz vor dem Mauerfall. Herrn Lehmanns Leben ist ganz okay: Morgens um elf das erste Bier, `ne Schicht im „Einfall“, den Rest der Nacht Gespräche mit Freunden über alles und nichts.
Dass Elektrolytmangel des Trinkers größter Feind und Frühstücker das Allerletzte sind, wissen seit 2001 Millionen Leser von Sven Regeners „Herr Lehmann“. Als Graphic Novel soll ihnen das Lebensgefühl Berlins `89 noch näher gebracht werden. Die Frisuren, die Kleidung und die Autos. Das klappt ganz gut. Die Zeichnungen von Herrn Lehmann, seinen Freunden und seiner Stadt sind schwarz-weiß-grau, wenig detailliert und irgendwie schnoddrig. Sie passen zum Ton des Romans – alles ist so lala. Job weg? Frau weg? Mauer weg? Naja, passt schon.

Ganz ehrlich – ich habe vorher weder den Roman gelesen noch den Film geguckt. Ich habe mich von dem Prädikat „Kult-Roman“ anlocken lassen. Und der Tatsache, dass einem in Geselligkeit öfter Salzstangen mit dem Hinweis auf die Wichtigkeit der Elektrolyte angedreht werden. „Hier, iss, für die Elektrolyte.“ Ich habe auch noch nie eine Graphic Novel gelesen. Deshalb kann ich nicht einschätzen, ob der Roman durch die Bilder von Tim Dinter besser oder schlechter wird. Vielleicht einfach anders. Die Kombination funktioniert jedenfalls.

Eine richtige Handlung hat das Buch nicht. Ein Spannungsbogen fehlt komplett. Es geht um Alltagstrott, Planlosigkeit und vor allem auch Berlin. Die Stadt als Charakter. Wenn Herr Lehmann durch die Straßen schlurft, sich mit Polizisten anlegt, nachts von Kneipe zu Kneipe zieht, sich in Katrin verliebt, dann passiert das alles mit einem gewissen melancholischen Charme.

Das Buch endet mit dem Fall der Mauer. Herr Lehmann sitzt in einer Kneipe und hört die Gerüchte. Er lässt sich überreden, da mal vorbeizugucken. Aber erst austrinken. Die Mauer ist tatsächlich weg. Was nun? Nach Hause ins leere Bett, in den Urlaub, in den Osten? „Man könnte auch noch einen trinken, irgendwo. Erst mal los. Der Rest wird sich schon irgendwie ergeben.“

von Charlotte Knust

Foto: ©Eichborn Verlag