„Du willst studieren, aber dein Abitur ist nicht gut genug für Medizin oder Psychologie? Dann klag dich doch einfach ein!“ Was vor einigen Jahren noch als Geheimtipp gehandelt wurde, ist heute nicht mehr allzu vielversprechend. moritz. sprach mit einem Studenten, der sich einmal erfolgreich und einmal erfolglos eingeklagt hat.

Organisationschaos an deutschen Universitäten – was für die Bundeswehr als eine finanzielle Entlastung gelten sollte, hat die Hochschulen in ganz Deutschland vor eine enorme organisatorische Aufgabe gestellt. Denn zusammen mit den doppelten Jahrgängen hat die Abschaffung der Wehrpflicht dazu geführt, dass die Anzahl der Studienbewerber seit 2012 angestiegen ist. Die Universität Greifswald kann noch immer viele Studiengänge ohne Numerus Clausus anbieten, weshalb sich die Klagen auf wenige Studiengänge begrenzen. Vor anderen Herausforderungen stehen größere Städte wie Leipzig oder Berlin. An der Universität Leipzig sind 1 400 Klagen und Eilanträge pro Semester nicht unüblich, auch die Humboldt Universität (HU) in Berlin verzeichnet etliche Versuche von Studienbewerbern, die sich gerne einklagen würden – doch die HU verlor in zwei Jahren lediglich ein einziges Verfahren.

Gründe für die Rechtfertigung einer Klage gibt es sicherlich viele. In den Jahren 2006 und 2009 versuchte sich unter anderem Grischa in die Freie Universität in Berlin einzuklagen. „Die erste Klage lief noch reibungsfrei, da die Universitäten stets im Bewerbungszeitraum freie Studienplätze auf Reserve frei hielten, um den Klagewellen standzuhalten.“ Über das normale Vergabeverfahren hatte er keine Möglichkeit mehr, einen Studienplatz in Jura zu bekommen. „Schwieriger war es da schon bei meinem zweiten Versuch im Jahr 2009 für den Studiengang Psychologie“, bekennt er. Er kann sich auch vorstellen, warum dies der Fall war: „Die Universitäten schlossen mit den Jahren die Lücke, indem außerkapazitäre Plätze im Vorfeld ausgeschlossen und entsprechende Anträge abgelehnt wurden, die auch über juristische Wege nicht mehr zum erwünschten Erfolg führten.“

Diese Veränderung im Verhalten der Universitäten bestätigt auch das Studierendensekretariat der Universität Greifswald: „Solange unsere Kapazitätsberechnungen richtig sind, besteht keine Chance sich einzuklagen.“ Daher sind die Zahlen der sich hier einklagenden Studienbewerber ebenso ernüchternd wie an der HU. In den vergangenen fünf Jahren wurde kein einziges Verfahren in Greifswald gewonnen. Dementsprechend sind auch die Klägerzahlen rückläufig. Gingen vor rund zwei Jahren noch über 100 Klagen und einstweilige Anordnungen im Büro der Universität ein, so waren es im Wintersemester 2013/2014 lediglich 59 Fälle. Im folgenden Sommersemester waren es sogar nur noch 16 Fälle. Die am häufigsten beklagten Studienfächer sind eindeutig: Von den 59 Verfahren im Wintersemester 2013/2014 betrafen 50 Fälle das Fach Medizin. Der Rest verteilt sich auf Zahnmedizin, Pharmazie und Psychologie.

Neben dem teuren Weg der Klage gibt es natürlich auch außerjuristische Wege und somit weitaus kostengünstigere Alternativen noch nachträglich in den gewünschten Studiengang zu kommen. Viele Bewerber stellen direkt an den Hochschulen „Anträge außerhalb der Kapazität“. Diese werden dann von den Hochschulen entsprechend bearbeitet – jedoch besteht auch hier nur in Ausnahmefällen eine Aussicht auf Erfolg.

von Markus Teschner

Foto: Irene Dimitropoulos

 

Kommentar

mm114_19_Universum_Hammer_Lisa Klauke-Kerstan„Jeder Mensch hat das Recht auf Bildung“, Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (1948), Artikel 26. Diesen Satz kramt der Student ohne Studienplatz natürlich gerne wieder raus, wenn es darum geht, sich ins Studium einzuklagen. Doch schon einmal darüber nachgedacht, dass es einen Grund gibt, warum Universitäten eine Zulassungsbeschränkung einführen? Bestimmt nicht. Denn zu oft denken wir nur an uns selbst. Natürlich ist es nicht schön, nach dem langersehnten Abitur ohne Studienplatz dazustehen. Und ja, wir haben ein Recht auf Bildung. Aber heißt das direkt, dass wir mit Papis teuer bezahltem Anwalt gegen unsere favorisierten Universitäten klagen müssen?

Jeder angehende Student sollte für einen Moment innehalten und sich fragen, warum der gewünschte Studiengang eine Obergrenze für zugelassene Studierende hat: um überfüllten Hörsälen vorzubeugen, gute Betreuung zu garantieren und bestmögliche Studienmöglichkeiten zu sichern. Denn wer hat schon Lust, im Hörsaal auf der Treppe zu sitzen und dem aufgrund der Menge der anwesenden Menschen im Saal kaum zu verstehenden Dozenten zu lauschen? Niemand, richtig. Die Universitäten berechnen zu Beginn jedes Semesters, wie viele Studierende sie aufnehmen können. Davon sollten wir zumindest ausgehen, denn sie sind auch an hohen Studierendenzahlen und einer guten Reputation interessiert. Also für die Zukunft: Spart euch die Klage und somit Papis Nerven und Geldbeutel, nutzt das freie Jahr für weitere Erfahrungen und versucht es das nächste Jahr nochmal.

von Wiebke Evers