150 Kilometer Weg, 11 000 Höhenmeter und elf Etappen. Das sind die nackten Fakten meiner Alpenüberquerung von Oberstdorf nach Meran. Doch alleine mit Zahlen lässt sich ein solches Abenteuer nicht beschreiben. Ein Versuch, die Eindrücke in Worte zu fassen.

mm114_40_Kultur_Alpen-KarteMehr als zehn Zentimeter Neuschnee knirschten unter meinen Füßen und die Ideen überschlugen sich in meinem Kopf. Ich war auf dem Heimweg von einem Diavortrag über eine Alpenüberquerung. Schwer begeistert und fest entschlossen, ebenfalls die Alpen zu Fuß zu überqueren, kam ich an diesem Abend nach Hause. Über drei Jahre trug ich diesen Plan mit mir herum und diesen Sommer sollte es endlich soweit sein. Keine Blockveranstaltungen oder Exkursionen mitten in den Semesterferien, welche die Terminkoordination erschwerten und auch mein bester Freund Rico hatte die Semesterferien über Zeit für unser Projekt.

Am 19. August 2014 starteten wir in Oberstdorf zu unserem Abenteuer. Auf den ersten Etappen folgten wir meist den Verläufen einiger wilder Bergbäche oder großen Flüssen im Tal. Dabei waren die Wege stets abwechslungsreich. Auf schmalen Pfaden durchquerten wir alte Bergwälder. Teilweise wegelos ging es über steile Geröllfelder oder drahtseilgesichert über Fels und Stein. Auf den saftigen Almwiesen folgten wir den Trittspuren der Kühe und erfreuten uns auf den Almhütten an dem lokal erzeugten Alpkäse. Doch auch breite asphaltierte Wege, welche von vielen Wanderern mit dem örtlichen Shuttle-Service abgekürzt wurden, gehörten ebenso dazu wie vom Regen aufgeweichte matschige Wege, die das Vorankommen zusätzlich erschwerten.

Das Wetter war die ganze Zeit über sehr wechselhaft und zeigte seine gesamte Bandbreite. Von strömenden Regen über dicken Nebel und eisigen Wind bis hin zum wärmenden Sonnenschein hatten war wirklich alles dabei. So zauberte ein nächtlicher Schneefall am dritten Tag eine weiße Haube auf die umliegenden Gipfel und sorgte mit dem morgendlichen Sonnenschein für ein atemberaubendes Panorama. Auf der anderen Seite hatten wir dank dicker Wolken und Regen auf manch ausgeschildertem Panoramaweg nicht den Hauch einer Aussicht.

Am Ende jeder Etappe freuten wir uns meist auf die Einkehr in einer Schutzhütte des Alpenvereins, auch wenn die Heizung in den Trockenräumen nicht immer funktionierte und man am nächsten Tag wieder in die klammen Jacken und Schuhe schlüpfen musste. Das deftige Essen auf den Hütten war stets ein Highlight. Besonders in Erinnerung blieb jedoch das hausgemachte Bircher-Müsli zum Frühstück auf der Memminger Hütte.

Die Nächte auf den Hütten mit teilweise 60 Personen im Schlaflager waren nicht immer erholsam und so gönnten wir uns auch mal den Luxus einer Talübernachtung im Doppelzimmer.

Auf der fünften Etappe war das Wetter mal wieder nicht auf unserer Seite. Bei anhaltendem Regen stapften wir lange Zeit stillschweigend hintereinander her und das einzige Geräusch, das ich wahrnahm, war das Geräusch des Regens auf meiner Kapuze. Am Abend konnten wir aus der kuschelig warmen Gaststube der Verpeilhütte beobachten, wie der Regen in Schnee überging. Keine optimalen Voraussetzungen für unsere nächste Etappe, bei der wir auf über 3 000 Metern Höhe einige Kletterstellen überwinden mussten.

Unerwarteter Abbruch

Trotz Schneefall wagten wir am nächsten Tag einen Versuch. Weit kamen wir jedoch nicht. Rico plagten schwere Krämpfe, die uns zum Umkehren zwangen. Wir hofften, dass sich die Probleme durch einen Ruhetag erledigen würden und so genossen wir bei mittlerweile herrlichem Wetter und tollem Panorama Knödelsuppe und hausgemachten Kuchen. Am nächsten Morgen mussten wir uns jedoch entscheiden, die Tour abzubrechen. Wenige Stunden später waren wir getrennt in unseren Zügen in Richtung Heimat unterwegs.

Die Berge flogen außerhalb des Fensters an mir vorbei und ein seltsam leeres Gefühl machte sich nach den erlebnisreichen Tagen in mir breit. Doch noch auf dem Abstieg hatten wir uns geschworen es in zwei Jahren wieder zu versuchen.
Weitere Bilder und detaillierte Infos zur Route, Ausrüstung und den einzelnen Etappen gibt es hier.

von Fabian Künzel

Foto: Fabian Künzel

Karte: Lisa Sprenger